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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wir blicken zurück: Das große Emo-Spezial

Im Tränenreich

Kaum eine Subkultur polarisiert so sehr wie Emo. Was damals und in der Zwischenzeit passiert ist, untersucht Jonas Engelmann.
Geschrieben am

Kaum eine Subkultur polarisiert so sehr wie Emo. Jugendliche Emos sehen sich der Häme ihrer Altersgenossen ebenso ausgesetzt, wie sie mancherorts tätlich angegriffen werden. Vor 25 Jahren, als die ersten Emos zur Kritik der Hardcore-Szene anhoben, wurde ihnen die Verweichlichung der Szene vorgehalten. Wie diese beiden Phänomene zusammenhängen und was in der Zwischenzeit passiert ist...


Gründungsmythen
Fragt man die vor dem Dortmunder Hauptbahnhof versammelten Emos nach der Bedeutung der Band Rites Of Spring für ihr Leben, so verstehen sie wahrscheinlich wirklich nur Bahnhof. Die nach einem Ballett von Strawinsky benannte Band aus Washington, die sich nach nur einem Album 1986 auflöste, hat weder optisch noch musikalisch etwas mit den Dortmunder Emos zu tun – die 1986 mutmaßlich noch gar nicht geboren waren. Dennoch: Ohne Rites Of Spring säßen sie womöglich gar nicht hier, um sich gegen die sie umgebende Gesellschaft zu positionieren.

1986 haben sich Rites Of Spring nicht nur gegen die Gesellschaft positioniert, sondern auch gegen die Hardcore-Szene, in der sich die Bandmitglieder seit einigen Jahren bewegen. Obwohl sich Hardcore politisch links verortet, hat sich ein Klima entwickelt, in dem Homophobie und Macho-Verhalten zunehmend zum Alltag gehören.

Mit dieser Entwicklung rechnen Rites Of Spring ab – und mit ihnen einige andere Bands aus dem Umfeld des Washingtoner Dischord-Labels, darunter Embrace, Beefeater und Fire Party (die einzige All-Girl-Emo-Band der 1980er). Mit aggressiv-melancholischen Songs, Blumensträußen auf der Bühne und Texten über die eigenen Befindlichkeiten, über das Leiden an den gesellschaftlichen Strukturen. Auf dieser losen Idee klebt bald der Stempel Emo-Core, Emotional Hardcore. Und damit geht alles los.



Auch die Vorwürfe: Teile der Hardcore-Szene werfen den »Emos« vor, die Musik und damit die Szene zu verweichlichen. Diese ersten »Emos« stören die männerbündische Hardcore-Szene und stellen mit der Betonung von Gefühlen das Männerbild der Szene in Frage. Ian MacKaye, damals Sänger von Embrace (heute bei The Evans und Fugazi), kann mit Emo allerdings überhaupt nicht viel anfangen und nennt es in einem Interview die »verdammt dümmste Sache», die er jemals gehört habe, und auch sein heutiger Fugazi-Kollege Guy Picciotto, 1986 bei Rites Of Spring, lässt kein gutes Haar daran. Kaum ist der Begriff geboren und macht sich selbstständig, beginnt auch die Gegengeschichte: Niemand will sich diesen Begriff überstülpen lassen. Emo will niemand sein. Bis heute nicht.

Von Emo zu Screamo
Diese erste Welle an Emo-Bands, die keine sein will, beeinflusst dennoch die nachfolgende Generation zu Beginn der 1990er, die sich schon etwas bereitwilliger als Emo labeln lässt. Bands wie Jawbreaker, Julia, The Van Pelt oder Sunny Day Real Estate, die der politischen Hardcore-Szene entstammen, kombinieren Aggression mit Melodie, Verzweiflung mit Hoffnung und werden, wenn auch noch nicht kommerziell wirklich erfolgreich, zu den einflussreichsten Emo-Bands der frühen Neunziger. 1994 erscheinen mit »24 Hour Revenge« von Jawbreaker und »Diary« von Sunny Day Real Estate zwei Klassiker des Genres. Blake Schwarzenbach, dessen Texte für seine Band Jawbreaker sich wie Tagebucheinträge lesen, wird der erste Emo-Star.
Mit der zunehmenden Wahrnehmung dieser »emotionalen Hardcore-Bands« jenseits der überschaubaren Szene setzt erneut ein Abgrenzungsprozess ein: Screamo wird geboren und setzt – anders als die mit Pathos getränkten Popmelodien von Bands wie Christie Front Drive, Mineral oder den Get Up Kids (die 1999 mit »Something To Write Home About« und über 140.000 verkauften Alben das Indie-Emo-Label Vagrant sanieren) – Emotionen in Schreien um. Ein kleiner aggressiver Bruder von Emo, der bis heute kultisch verehrte Bands wie die Swing Kids, Orchid oder Heroin hervorbringt.



Aber lediglich ein Bruder, Frauen gibt es unter Emo-Musikern bis auf wenige Ausnahmen keine. Die Musikjournalistin Jessica Hopper hat auf diesen Mangel hingewiesen und an der Entwicklung von Emo in den 1990ern kritisiert: »In ganz Amerika wurden Mixtapes sintflutartig mit Hymnen hoffnungsvoller, stolz nach außen getragener Jungenherzen, tränenfeuchter Kissen und Beziehungslobreden verschmutzt.«  Nicht nur haben Frauen keinen Raum in der Emo-Szene – den sie sich in der parallel entstehenden Riot-Grrrl-Szene zurückerobern –, auch der politische Anspruch der frühen Emo-Szene ist mehr und mehr verschwunden.

Mit Screamo kehrt kurzzeitig die Politik in die Texte zurück und verdrängt die immer schwammigeren Befindlichkeitsbekenntnisse von Emo. Orchid beispielsweise beziehen sich in ihren Texten auf Guy Debord und die Kritische Theorie, während sich die Swing Kids bereits über ihren Bandnamen in eine antifaschistische Tradition stellen. Was aber längerfristig entscheidender sein sollte: Screamo bringt einen Style in die Szene, der bis in die Gegenwart sichtbar ist: Justin Pearson hat mit seinen Swing Kids zwar nur eine Single und eine Split-10-Inch hinterlassen, dafür jedoch die Röhrenjeans, schwarz gefärbte Haare und den Seitenscheitel für immer in die Emo-Szene eingeführt.

In Deutschland werden diese Bands meist noch unter dem bewährten Hardcore-Label geführt. Eigene Emo-Bands gibt es hierzulande ohnehin nicht. Zaghafte Versuche Mitte der 90er, Bands wie die Stuttgarter Dawnbreed als Emo anzukündigen, scheitern. Die ursprüngliche Idee von Emo, die gewalttätigen Strukturen in der Hardcore-Szene zu kritisieren, sei aber, so Marc Calmbach, damals Sänger bei Dawnbreed, heute bei Monochrome, durchaus auch in Deutschland wahrgenommen worden: »Vielleicht war Emo am ehesten eine Chiffre für ein anderes, verständnisvolleres, empathischeres soziokulturelles Umfeld bei den Konzerten.« Emo wird in Deutschland also weniger als musikalisches als vielmehr soziales Gefüge interpretiert, zumindest rückblickend. Womöglich ein erster Hinweis auf die jugendlichen Emos an den Bahnhöfen der Republik, denen es nur nebensächlich um Musik geht.

Vom Autonomen Zentrum in die Charts
Jawbreaker, Sunny Day Real Estate und die Get Up Kids sind trotz allem Erfolg noch in der Hardcore-Szene verwurzelt, veröffentlichen zunächst auf unabhängigen Labels und treten im Rahmen von selbst organisierten Touren in Jugendzentren auf. Durchaus eine politische Entscheidung der Verweigerung gegenüber der Musikindustrie (wenn auch einzelne Bands auf Majorlabels wechseln – oftmals aber erfolglos, wie Jawbreaker, die sich nach dem Verkaufsflop »Dear You« auf Geffen auflösen). Reich wird man mit Emo noch nicht, wenn auch kleine Verkaufserfolge einzelner Bands schnell Ausverkaufs-Vorwürfe nach sich ziehen.
Die ersten Emo-Superstars Jimmy Eat World, die mit ihren Alben »Clarity« (1999) und vor allem »Bleed American« (2001) die Charts stürmen, ändern dies. Emo wird zum Filmsoundtrack, zur Hintergrundmusik in Fernsehserien und zum Hoffnungsträger der Majorlabels, die wahllos beginnen, Emo-Bands zu signen. Im Zuge dieser Entwicklung wird Emo immer unspezifischer. Der nette Indie-Pop mit gefühligen Texten von Jimmy Eat World oder All American Rejects hat nur wenig mit dem zu tun, was gleichzeitig eine am Jazz geschulte Band wie Karate produziert oder die Kölner Yage, die es als einzige deutsche Emocore-Band auf das für die Szene prägende amerikanische Label Ebullition schaffen, im Screamo-Bereich erproben.

Emo wird im neuen Jahrtausend zu einem Verkaufsargument, und Bands schmücken sich willig mit diesem Label. Chris Carraba (Dashboard Confessional) oder Pete Wentz (Fall Out Boy) werden über Emo zu Stars und zieren auf Postern die Wände diverser Jugendzimmer; Posterboys wie Jared Leto dagegen gründen Emo-Bands (30 Seconds To Mars). Mit dieser Entwicklung wird Emo auch als Mode ein Verkaufsargument, und Modeketten statten eine ganze Generation von Jugendlichen mit dem nötigen modischen Schnickschnack aus. Während die einen darin den endgültigen Ausverkauf von Emo wittern, die fehlende Authentizität der Emo-Stangenware bemängeln, sowohl der Mode wie auch der Musik, sehen andere gerade in der massenhaften Verbreitung eine neue Form der Politisierung: das Infragestellen gesellschaftlicher Geschlechterrollen.

Generation Bahnhof
Abgekoppelt von der Musik ist eine Jugendkultur herangewachsen, die sich in erster Linie über Lifestyle definiert: Verweigerung gegenüber der Gesellschaft im Leiden an ihr und Mode als Ausdrucksmittel dieser Abgrenzung. Teil dieser Mode ist der androgyne Look der Emo-Jungs, über den sie starke Anfeindungen erfahren. Während den Emos der 80er vorgeworfen wurde, die Hardcore-Szene zu verweichlichen, müssen sich die Emos des neuen Jahrtausends als »Transvestitengesindel« (so der Hagener Rapper GinTonic, der mit seinem »Anti-Emo-Song« einen kleinen YouTube-Hit lanciert) beschimpfen lassen. Die Vorwürfe kommen dabei aus allen Richtungen: von Punks und Gothics, aus der Hardcore- und der HipHop-Szene.
Die einen fühlen sich ihrer Symbole beraubt, ihrer Musik, ihrer Accessoires. Die anderen sehen sich in ihrer Männlichkeit bedroht. Und dies weltweit. In den USA organisieren sich Emo-Gegner in Internet-Foren, in Chile und Mexiko finden Hetzjagden auf Emos statt, neben »Taff« klärt in Deutschland »RTL Explosiv« Eltern über die Gefahren von Emo auf: »Ihre Augen dank Kontaktlinsen grau und gefährlich wie Wolfsaugen. Es gibt vielfältige Beweise dafür, dass Emos zur Selbstverstümmelung neigen.«

Emo unterscheidet sich von anderen Jugendkulturen dadurch, dass es die erste tendenziell an Weiblichkeit orientierte Jugendkultur ist: Jungs nähern sich den Mädchen an, und nicht umgekehrt. Diese Verkehrung klassischer Rollenverteilung in den Jugendkulturen ist eine der Ursachen für den anhaltenden Hass auf die Emos: ein Angriff auf die Männlichkeit, verbunden mit einer Verweigerung an die Anforderungen der Leistungsgesellschaft. Das können Rapper wie GinTonic gar nicht gutheißen, von anderswo hallen Vorwürfe der mangelnden Authentizität. Doch Emos haben offensichtlich gar kein Interesse mehr daran, authentisch zu sein, wie Jugendkulturen zuvor es noch für sich beansprucht hatten. Realness gibt es nicht mehr bei der ersten Jugendkultur des Web 2.0, die kein geografisches Zentrum hat und auch nicht braucht.

2011: Emo stürzt Mubarak
In Europa ist es still geworden um Emo. Zwar schaffen es jugendliche Emos in Essen über zerbrochene Flaschen in der Innenstadt in die Lokalpresse, welche Verständnis zeigt, die Revolution aber findet woanders statt: In Ägypten stürzt die »Generation Emo« das System. Zwei Jahre zuvor hatte ein ägyptischer Emo vorausschauend zu Protokoll gegeben:

»Präsident Mubarak und sein Regime will keiner mehr. Die Regierung versucht krampfhaft an überholten islamischen Wertvorstellungen festzuhalten. Doch da ich jetzt Emo-Kid bin, habe ich mich von meiner Religion etwas entfernt. Ich nehme religiöse Sitten und Regeln nicht mehr einfach so hin. Ich bin zwar nicht schwul, aber ich habe nichts gegen Homosexualität. Warum sollte ich? Ich denke jetzt mehr über solche Dinge nach« (Quelle: Jungle World No. 20 in 2009).

Und da sage noch mal einer, Emo könne die Welt nicht verändern.


Mehr in unserem großen Emo-Spezial fortlaufend unter
www.intro.de/spezial/emo.