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mit dem lichten tuch des OLSKY

Wiglaf Droste

Wie selten vorher steht DROSTE derzeit im Rampenlicht. Sein kürzlich erschienener Roman "Der Barbier von Bebra" provozierte im Sommerloch eine Auseinandersetzung mit einigen Bundestagsabgeordneten. Die assoziierten bei den bizarren Mordpraktiken im Buch Foltermethoden der Nationalsozialisten und rie
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Autor: intro.de

Wie selten vorher steht DROSTE derzeit im Rampenlicht. Sein kürzlich erschienener Roman "Der Barbier von Bebra" provozierte im Sommerloch eine Auseinandersetzung mit einigen Bundestagsabgeordneten. Die assoziierten bei den bizarren Mordpraktiken im Buch Foltermethoden der Nationalsozialisten und riefen "die tageszeitung" (taz), die den Roman vorabdruckte, zu einem Boykott des Berliner Autoren auf. Außerdem verlor DROSTE einen Prozeß gegen einen Redakteur der "Jungen Welt", den er wegen eines Beitrags über den Co-Autoren des Prosastücks, Gerhard Henschel, beschimpft hatte. "Ich bin umgeben von 80 Millionen Beleidigten. Nicht nur, daß ich nicht verstehe, warum immer gleich der Weg über ein Gericht gewählt wird. Ich begreife auch nicht, wieso jeder bei ein paar klugen Worten sofort einschnappt", sagt er.
Neben dem Zorn politisch Andersdenkender eckte der Sohn sozialdemokratischer Eltern auch bei vermeintlich Gleichgesinnten mit seiner zuweilen harschen Satire mehr als nur an. Die Zeit als Redakteur der "taz" endete Anfang der 80er mit einem in der Nachkriegszeit einzigartigen Fall von Selbstzensur. Teile der Redaktion nahmen wegen angeblich frauenfeindlicher Tendenzen in DROSTEs Texten seine Artikel kurzfristig aus dem Blatt. Der dafür vorgesehene Platz blieb weiß. "Dies schreibt euch/Ein chauvinist/Der nicht viel weiß/Bloß wie es ist", outet er sich heute dickköpfig.
Noch mehr Blätterwald-Rauschen vor gut zwei Jahren, als DROSTEs Stellungnahme zum Thema "Kindesmißhandlung" - ein Text geschrieben aus der Sicht des Mißhandelnden - für Teile der autonomen Linken jegliche political correctness vermissen ließ. Man begann, seine Lesungen zu stören und öffentlich zu Gewalt gegen ihn und seine Veranstalter aufzurufen. DROSTEs Existenz schien ernsthaft gefährdet: "Plötzlich wurden mir reihenweise Veranstaltungen abgesagt."
Auch das hat ihn nicht entmutigt, weiterhin alles und jeden mit seiner spitzen Feder zu piksen. Egal, ob es sich dabei um "Kitschgroßhändler MAFFAY" handelt oder den Sänger HEINZ RUDOLF KUNZE, "dessen Lieder man nicht allzuoft im Radio hören muß". Und daß in ihm tatsächlich ein kleiner Chauvi schlummert, beweist seine Geschichte über die erste Verkaufsmesse für Musik aus dem Osten, "dem Festival der Untoten": "Wenn ostdeutsche Frauen sich Mode traun, dann wird aus Mutti auch heute noch Nutti." Das Lied eines ehemaligen DDR-Schlagersternchens, "Heute Fängt Mein Leben An", kommentiert er: "Das ist sichtlich gelogen."
Ob man so wirklich "Licht ins Dunkle" bringt oder doch vielmehr den gesellschaftlichen Neid und das Denken in festgefahrenen Kategorien fördert, die letztlich wieder zum Ja-Sagen zwingen, mag dahingestellt bleiben. So ist er nun mal, der DROSTE-Humor. "Wenn man das nicht in unterhaltender Weise bringt, hat es keinen Taug", sagt er. Zyniker, schreien die anderen. Dabei kann sein Wortwitz doch so unnachahmlich kaltblütig Dinge auf den Punkt bringen. "Was aber fairbirgt sich hinter der bizarren Idee, man müsse seine Mitmenschen fairstehen, um sie nicht zu fairbrennen?" stellt DROSTE mit Recht die Kardinalfrage nach dem Sinn von "Gegen Fremdenhass"-Kampagnen des Bundesinnenministeriums.
Was aber treibt ihn in diese neuerliche Passion für Lieder? "Ich könnte mir vorstellen, ein ganzes Album mit den Jungs aufzunehmen." Die Jungs sind u. a. Ruhrpott-Rocker STOPPOK und Danny Dziuk. "Die könnten Leute wie RY COODER begleiten." Der ist DROSTE allerdings nicht, und von der gewohnten Schärfe seiner Sprache bleibt als Liedtext nur noch ein Bruchteil übrig. Die Songs plätschern als schnöde Pop-Rock-Schmonzetten dahin. Gottlob bleibt die musikalische Seite mit fünf Stücken noch deutlich unterrepräsentiert auf der CD.
FRANZ JOSEF DEGENHARDT nannte ihn den "TUCHOLSKY von heute". In Zeiten, in denen mehr Dunkel als Licht herrscht, sind jedoch oft auch die Gedanken des Erhellenden trübe. "Es ist schon schlimm, aber es wird noch viel schlimmer", prophezeit DROSTE. Erstes Anzeichen auf ein TUCHOLSKY-ähnliches Schicksal? "Am Ende: Gift ... Vielleicht!"