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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

CAN, Holger Czukay und andere Re-Issues

Wiedergänger

Vergessene Perlen, ehrwürdige Klassiker und mehr: In der Rubrik »Wiedergänger« stellen wir regelmäßig Neuveröffentlichungen wichtiger Alben und andere Raritäten vor.
Geschrieben am

Die Begeisterung für Krautrock funktioniert in Wellen. Mal herrscht mehr, mal weniger Wirbel um die 70er-Pioniere, die zwischen Kommune, Jazz, Rock, Neuer Musik und Trips experimentierten. Konstant aber stets das Interesse an CAN, das Kölner Kollektiv bewegt bis heute den aufmerksamen Fan und interessierten Rookie. Und dieser Tage rappelt es mal wieder in der Diskografie der Band und ihrer Mitglieder.

 

 

CAN »CAN Catalogue Vinyl Set«
Alle dreizehn Studioalben in einem Monster von Set. Die Zeiten von Damon Suzuki als Sänger kommen genauso vor wie Aufnahmen mit Reebob Kwaku. Musikgeschichte als Wertanlage – immerhin schlägt diese Box mit knapp 300 Euro zu Buche und ist wohl kein schnelles Give-Away oder besoffener Spontankauf. Doch wer in eine der wegweisendsten Bands dieser Generation investiert, erhält darüber hinaus immerhin unter anderem fünf Originalposter und ein Booklet, das mit ungesehenen Fotos sowie Linernotes von Allan Warner aufwartet.

 

 

Holger Czukay »On The Way To The Peak Of Normal«
Für sein zweites Soloalbum tat sich der ehemalige CAN-Bassist Holger Czukay 1981 mit den Solinger Punks S.Y.P.H., dem ehemaligen CAN-Trommler Jaki Liebezeit und Conny Plank zusammen, der hier Synthesizer-Geige spielt. Grönland wiederveröffentlicht jetzt eine um zwei Stücke gekürzte Version des 1981 erschienenen Werkes. Auf »Ode To Perfume«, dem sonnig psychedelisch mäandernden Eröffnungstrack, der im Original eine ganze Plattenseite einnimmt, spielt Czukay sämtliche Instrumente von Gitarre über Waldhorn, Orgel und Bass selbst, nur das Schlagzeug übernimmt Jaki Liebezeit. Die restlichen Tracks entstanden bei einer Jam-Session mit S.Y.P.H. und zwei Radiogeräten, deren Klänge im Studio komplett auseinandergenommen und per Cut&Paste in eine neue, angenehm groovende Form gegossen wurden.

 

 

Irmin Schmidt »Villa Wunderbar / A Selection«
Die gesammelten Soundtracks des CAN-Gründers auf einer Doppel-CD, zwei unveröffentlichte CAN-Remixe inklusive. Sehr freies Gegniedel bis hin zu messerscharfen Momenten. Alles dabei, liebe Hochkultur, sogar Wim Wenders!

 

 

Les Vampyrettes »Les Vampyrettes (Conny Planck und Holger Czukay)«
Da hatten sich 1980 zwei gefunden. »In den Löchern, auf den Halden lauern seltsame Gestalden! Aus der Säure, aus dem Schrott; aus dem Schleim und aus dem Kot – wo Blastik und Blasma sich verbanden, kriechen sie hervor, die Biomutanten!« Was haben die denn genommen? Dass Czukay einen guten Humor hat, ist schon länger bekannt. Und dazu dann noch Konrad Plank, Studiogenie und Produzent nicht nur fast aller wichtiger Krautrock-Helden, sondern auch internationaler Größen wie Brian Eno, DEVO, Ultravox und Killing Joke. Ein minimalistischer Basslauf, etwas Blubbern, Zischen, Rattern und Rasseln. Und dann wieder diese runtergepitchte Stimme: »Der Irrsinn kriecht von West nach Osten; die Augen fangen an zu rosten ...« Drei atmosphärisch dichte und musikalisch spannende Tracks. Großartig!

 

 

Harold Budd »Wind In Lonely Fences 1970-2011«
Harold Budds oft aufs Wesentliche reduzierte Kompositionen brachten Brian Eno dazu, 1980 gemeinsam »Ambient 2: The Plateaux Of Mirror«, einen der Ambient-Klassiker schlechthin, aufzunehmen. Dass er vorher und nachher noch eine Menge andere interessante Musik komponierte, zeigt diese Compilation von Zusammenarbeiten mit John Foxx, Marion Brown, Gavin Bryars, Andy Partridge und den Cocteaus Twins.

 

 

Roger Eno »Little Things Left Behind 1988-1998«
Brian Enos jüngerer Bruder bekam zwar 1983 durch das gemeinsam veröffentlichte Album »Apollo: Atmospheres & Soundtracks« einen kräftigen Kickstart, musizierte danach aber größtenteils ohne Familienbeistand weiter. Anfangs veröffentlichte der Pianist und Multiinstrumentalist Klavierstücke mit einer musikalischen Nähe zu Erik Satie und Claude Debussy, später schrieb er auch Kammermusik. Zusätzlich setzte Eno aber auch mehr und mehr seinen eigenen Gesang und traditionelle englische Klänge ein und schrieb Musik für Werbung und Filmmusiken für »Dune«, »9 1/2 Wochen«, »The Jacket« oder »Trainspotting«. Die vorliegende Doppel-CD widmet sich den ruhigen bis ambienten Klängen seiner zumeist längst vergriffenen Alben.

 

 

Talujah Gosh »Was It Just A Dream?«
Diese Zusammenstellung enthält alle bekannten Aufnahmen der britischen Twee-Pop-Legende Talulah Gosh aus den Jahren 1986 bis 1988. 29 Songs lang ist die DIY-Indie-Welt mal wieder in Ordnung. Es düdelt, scheppert, und dazu singt Amelia Fletcher mit ihrer ungeschliffenen Mädchenstimme traumhafte Minihits. Ein weiterer, aber sicher nicht der letzte Sieg für die Niedlichen.

 

 

Honigritter »Kellergeister in unserem Haus«
Zu ihrer aktiven Zeit waren Honigritter aus Friedberg im Taunus mit ihrer stilsicheren Mischung aus Verweisen auf britische Indie-Acts wie zum Beispiel Cleaners From Venus sowie ihrem Faible für die schlaue Neue Deutsche Welle (Die Geisterfahrer, Minisex, Palais Schaumburg) die Könige. Aber mehr so Könige ohne Reich. Denn wo Spezialisten und Nerds abfeiern, ist meist nicht auch gleich die breite Masse. Im Gegenteil. Gerade wegen der partiellen Unbekanntheit dieser Band kann man sich beim deutsch-taiwanesischen (!) Label Formosa bedanken, dass sich hier nun die gesammelten Honigritter-Songs auf einer LP vereint finden. Geschichtsstunde und Party.

 

 

Laraaji »Celestial Music 1978-2011«
Laraaji entlockt seiner elektrischen Zither ungewohnt alpenferne Klänge zwischen Ambient, Drone, Hackbrett und orientalischer Folklore und bearbeitet diese auch elektronisch. Nach der Veröffentlichung eines Albums in Enos »Ambient«-Reihe folgten diverse Soloalben und Aufnahmen mit Michael Brook, Audio Active, Bill Laswell und Blues Control, über die diese Compilation einen guten Überblick gibt.

 

 

Lemonheads »Kill Your Friends« & »Creator« & »Lick«
Der Aufkleber, der auf diesen Deluxe-Editions prangt, bringt es an den Tag: »When The Lemonheads were punk«. Das stand da, also ungefähr, denn die Teile wurden bereits aufgerissen und begeistert rumgereicht. Und das geschieht nicht bei allen CDs, die unsere Dunkelkammern hier erreichen. Doch die vermutlich besten Lemonheads-Alben (okay, »Shame About Ray« gab’s ja auch noch) aufgemotzt mit Live-Versionen, Rareties, nie gehörten Stücken ... Absolute Bereicherung des gepflegten Powerpop-Archivs.

 

 

Pyrolator »Pyrolator’s Wunderland«
1983 hatte Ata Tak eine Zweigstelle in New York. Andreas Doraus »Fred vom Jupiter« war auch dort durch die Decke gegangen. Grandmaster Flash und Afrika Bambaataa schraubten mit Drumbox und Sampler an großen Hits, der Pyrolator wollte aber mal wieder alles anders machen. Herausgekommen ist Easy Listening mit Latino-Rhythmen, garantiert Electro-Beat-frei mit Holz-Perkussion und fröhlich singenden Tieren.

 


Günter Schickert »Kinder in der Wildnis«
Günter Schickert, Klaus-Schulze-Roadie und -Mitmusiker, schichtet auf seinem 1983 auf einem englischen Kassetten-Label erschienenen Album Gitarren-Spuren auf ein Gerüst aus krachigen Percussions. Die hypnotischen Tracks sind wesentlich rauer und skizzenhafter als beim Vorgänger »Überfällig« und experimentieren zusätzlich mit Fieldrecordings, Kinderstimmen, Blasinstrumenten und verkifften Texten.

 

 

Scorpions »MTV Unplugged In Athens«
Diese Platte ist zum Beispiel auch erschienen. Aber es findet sich keiner, der sich traut, sie aufzulegen. Was, wenn sie so peinlich klingt, wie man denkt? Was, wenn man plötzlich wieder das Gepfeife von »Wind Of Change« als Ohrwurm hat? Oder was, wenn einem der entmenschte, pseudo-emotionale Weihnachtsgeschäftsmist sogar halb gefällt? Ey, Lose-lose-Situation. Die CD spenden wir lieber der Wohlfahrt.

 

 


Asmus Tietchens »In die Nacht«
Mit »In die Nacht« geht Tietchens’ »Pseudo-Pop« in die dritte Runde. Die Tracks werden länger, der Sound wird voller und getragener, bleibt aber weiterhin dunkel, unfreundlich und zackig. Mal klingt das nach Der Plan auf synthetischen Drogen, mal nach Ambient aus der Kühltruhe und mal nach Zirkusorchester kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Der Mann kann wirklich richtig schlechte Stimmung verbreiten. Klasse!

 

 

Asmus Tietchens »Litia«
Mit »Litia« beginnt Asmus Tietchens richtig das Grooven. Der Eröffnungstrack erinnert funky an das Label Kompost und klingt für seine Verhältnisse gut gelaunt und poppig. Danach geht’s aber stimmungsmäßig wieder zurück in gewohnt ungemütliche und schräge Bahnen.

 

 

The Velvet Underground »White Light / White Heat (45th Anniversary Limited Super Deluxe)«
Dass diese schon lange geplante Super-Deluxe-Ausgabe plötzlich eine Brisanz außerhalb des professionellen Sammlerherz’ gewinnen würde, das hatte wohl keiner auf dem Schirm. Doch am 27. Oktober dieses Jahres starb Lou Reed. Zwar jenseits der siebzig und mit einem Lebensstil in den Annalen, der nicht gerade von Schongang oder gar Wellness zeugt – dennoch ereilte diese tragische Mitteilung die Welt dann doch überraschend. Hier nun findet sich ein bedeutendes Puzzlestück seines nicht hoch genug zu schätzenden Vermächtnisses wieder. Inklusive unveröffentlichter Performances aus dem Archiv John Cale, einer Live-Show und alternativer Versionen und Outtakes. Autorisiert noch von Lou Reed selbst. Der sich zudem wenige Wochen vor seinem Tod bezüglich des Albums quoten ließ: »Niemand hörte es. Aber hier ist es, für immer – die Quintessenz des eloquenten Punk. Und niemand tastet es an.«