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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Nordische Kühle

Wichita Labelnacht: Her Space Holiday / Bright Eyes

Mit dem Schild über dieser Kaschemme hat es sich wohl schon vor einiger Zeit ausgeleuchtet. Die notdürftig geflickte Fensterfront lässt ein milchig-verschmiertes Licht zur Max-Brauer-Allee hinaus. Ein Dutzend Instrumente ringen auf dem kleinen Plateau um die wenigen Quadratmeter. Um 23.00 Uhr hat
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Autor: intro.de

Mit dem Schild über dieser Kaschemme hat es sich wohl schon vor einiger Zeit ausgeleuchtet. Die notdürftig geflickte Fensterfront lässt ein milchig-verschmiertes Licht zur Max-Brauer-Allee hinaus. Ein Dutzend Instrumente ringen auf dem kleinen Plateau um die wenigen Quadratmeter.
Um 23.00 Uhr hat das Konzert wohl angefangen, aber ich sehe keinen Marc Bianchi von Her Space Holiday. Ich dränge irgendwann durch die dichtstehende Menge und sehe ihn, über sein E-Piano gekrümmt, dasitzen. Die rote Mütze schiebt er sich ständig auf dem Kopf zurecht, während seine Freundin Keely neben ihm die Tasten eines weiteren Keyboards spielt. „Ich habe ihr die Melodien kurz vor der Tour alle beigebracht“, sagt er mir später am Rande. Beide wirken ziemlich scheu und zurückhaltend, genau wie die Leute, die noch nicht so recht wissen, wie sie reagieren sollen auf diese zarten Popballaden, die mit einem Schlagzeug- und Gitarren-Playback serviert werden. In einer weiteren beklemmenden Pause beginne ich zu klatschen. Endlich stimmen auch alle anderen Gäste mit ein. „Danke für den Applaus“, entfährt es Marc, wobei man sich den leicht bitteren Unterton nicht einbilden muss. Er wirkt enttäuscht angesichts der Enge und der nordischen Kühle der Anwesenden. Vielleicht ist es auch nur die Müdigkeit durch die für ihn ungewohnten Touranstrengungen. Er spielt kaum eine halbe Stunde. „Habt viel Spaß mit Bright Eyes.“
Conor Oberst von Bright Eyes nimmt wenig später auf einem Hocker Platz und stimmt seine akustische Gitarre, während die restlichen Mitglieder sich auf engen Pfaden zu ihren Instrumenten durchkämpfen. Jemand bringt Getränke, und Conor schnappt sich das Whiskey-Glas: „Oh, ich brauche das hier nötiger denn je.“ Die Nerven sind angespannt, denn in dieser Kneipe wird das Konzert mehr als sonst zu einer kompletten Selbstentblößung. Voller Inbrunst spielt Conor Oberst seine Songs auf Gitarre oder Piano, die anderen bleiben eher ruhig. Nur der Schlagzeuger zuckt und „spastet“ ab, spielt improvisierte, holprige Breaks. Conor bricht bei den Songs immer wieder aus den weichen Sphären aus und kreischt fast in das Mikrofon, das vor seinen impulsiven Ausbrüchen regelrecht zurückweicht. Er hält die Augen geschlossen. Pure Melancholie quillt aus seiner Kehle: „Sunrise and sunset, sunrise and sunset ...“ Gänsehaut auf meinem Rücken. Nach dem Konzert sehe ich ihn noch wortlos am Pissoir. Ein kleines, etwas verwildertes Genie, denke ich noch.