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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

To Lose My Life

White Lies

Editors, Interpol, She Wants Revenge - alles Styler, denen die Antidepressiva ausgegangen sind. Die Londoner White Lies dagegen hatten noch genug. Kann das wirklich gut gehen?
Geschrieben am
Editors, Interpol, She Wants Revenge - alles Styler, denen die Antidepressiva ausgegangen sind. Die Londoner White Lies dagegen hatten noch genug, deshalb klingt ihre Schwermut auch so schillernd, als wäre man bei den Killers. Kann das wirklich gut gehen?

Contra
Hm, so langsam werde ich wohl nur noch als Niedermacher gebucht. Was soll's, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten muss man sich ja freuen, wenn man überhaupt eine Eigenschaft sein Eigen nennen kann, die auf dem Markt gefragt ist. Womit wir auch schon bei dieser neuen alten (was den Klang angeht) Band aus England wären. Auf Platz eins haben sie sich in den (einst) glorreichen UK-Charts eingenistet, der NME dreht mal wieder an der Euphorieschraube, und die britischen Kids tanzen einmal mehr, als ob alles noch alright wär. Ist es aber nicht. Wenn ich die letzten Jahre mit neuen heißen Bands aus England noch mal Revue passieren lasse, dann dünkt mir: Nicht nur das ach so stabile britische Pfund Sterling ist in der Krise, auch der Popbetrieb der Insel: Auf eine gute Band kamen doch immer mindestens zehn schlechte. Was soll das für ein Kriterium sein, anhand dessen uns die Chose in Kontinentaleuropa schmackhaft gemacht werden soll? Chartserfolg, Massenaufläufe bei Konzerten - bloß, weil der Sound noch halbwegs als Indie etikettierbar ist, muss man doch nicht alle Regeln der ästhetischen Differenz ausschalten, die man bei sonstigem Gossenpop doch immer ordentlich sensibilisiert auffährt. Klar kann man die White Lies gut finden, allein schon, da ihr Sound von den richtigen Vorbildern geklaut ist und somit so alt und würdig klingt, dass die alte Weisheit mal wieder greift: Meine Pizza esse ich ja auch immer frisch. Aber, Leute, Leute, es geht hier um Musik! Und so sehr ich die Neigung verstehe, zu den Bands von heute tanzen und feiern zu wollen, muss doch gemahnt werden: Dann wählt euch jene aus, die nach heute klingen und nicht nach den Klassikern der britischen Indiemusik aus den 80ern. Wie heißt das vorletzte Stück so treffend? "Nothing To Give": Nee, echt nicht. Mehr Inhaltliches zum Album gibt es nebenan, bei MC Wohlfühlgesellschaft Volkmann.
Thomas Venker


Pro

Also, ich kann schlecht behaupten, ich hätte einst die Editors für Deutschland entdeckt, aber ich konnte diese stets gut von ihrer Bubblegum-Version She Wants Revenge unterscheiden und habe mit der Editors-Titelstory in Ausgabe #151 besten Willen bewiesen, großartigem theatralischen Pop auch noch seine Rose anzustecken. Und was hat Thomas Venker für den Rattenschwanz des Joy-Division-Revivals getan? Genau, gar nix! Kam nur zu spät zur letzten Intro-Redaktionssitzung. Angeblich, weil ich die Bremsleitungen seines Wagens durchgeschnitten hatte - aber hey, hätte er dann nicht früher da sein müssen? Und nun, oh Wunder, gelten also White Lies als uncool, unpassend, schon mal da gewesen. Irrtum! Diese Band macht mehr her als alle schwindsüchtigen Brit-Hypes seit den Arctic Monkeys zusammen. In ihrer Heimat London weiß das bereits jeder, hierzulande kann man sich diese Info in Albenform nun auch abholen. Der Kniff der Band besteht dabei darin, dass sie es versteht, subtil, speziell, abgründig und depressiv zu klingen und dennoch auf ganz große und fette Melodien zu kommen. Das kommerzielle Potenzial der Typen liegt eindeutig in der Tatsache, dass sie die düstere Ästhetik von Interpol und Editors verbinden können mit der sinfonischen Pop-Opulenz der Killers. Punkt. Damit ist eigentlich schon alles gesagt; wen dieser Link nicht aufgeilt, ist tot oder Thomas Venker. Und doch funktionieren White Lies auch noch über diese Unterstreichung hinaus in vielen kleinen Einfällen, Umwegen und Tricks. Sicher, das ist nicht - krächzkrächz - Anti-Folk, das ist nicht krude - aber das ist trotzdem nicht einfach bloß eine Autobahn. Das ist eine der wenigen Autobahnen, die man unbedingt fahren will.
Linus Volkmann

Aktuelles Album: White Lies - "To Lose My Life" (Universal)