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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

die kuh streicheln statt melken

Whirlpool Productions

Es war bereits getrauert worden um Whirlpool Productions: Im August vermeldete die Gerüchteküche, Hans Nieswandt, Eric D. Clark und Justus Köhncke hätten sich getrennt. Meinungsverschiedenheiten sollten der Grund gewesen sein. Doch jetzt ist auf einmal alles anders, und eine neue Platte liegt auf de
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Autor: intro.de

Es war bereits getrauert worden um Whirlpool Productions: Im August vermeldete die Gerüchteküche, Hans Nieswandt, Eric D. Clark und Justus Köhncke hätten sich getrennt. Meinungsverschiedenheiten sollten der Grund gewesen sein. Doch jetzt ist auf einmal alles anders, und eine neue Platte liegt auf dem Tisch. “Es ist doch nett, Überraschungen zu machen”, sagt Hans Nieswandt und lächelt ein bisschen. Das passt, denn Whirlpool waren schon immer ein eigenwilliges Modell eines Houseprojektes mit eigenwilligen Platten von eigenwilligen Menschen. Sie sind anders als das, was Köln und die H-Muzik, wie Hans das ja mal nannte, zur Zeit sonst noch so anbieten. In der Struktur vielleicht noch am ehesten vergleichbar mit Forever Sweet, dem Projekt von Reinhard Voigt, Michael Mayer und Tobias Thomas - nur dass diese drei sich ähnlicher sind als Justus Köhncke, Eric D. Clark und Hans Nieswandt und ihre Musik entsprechend weniger ausufernd und multidimensional daherkommt. Denn Whirlpool funktioniert oder scheitert wegen des Aufeinanderprallens dreier unterschiedlicher Charaktere: da ist Hans, der DJ, der Ruhige, der Familienvater. Dann ist da Eric, der extrovertierte Ex-San Franciscoer und Ex-Parisien, der für Gesang und Glam zuständig ist. Und schließlich Justus, der Verschrobene, der Unbekannte, der sich eher im Hintergrund hält.
1991 starteten die drei als DJ-Kollektiv und veröffentlichten vier Jahre später das damals noch recht geradlinige Diskoalbum “Brian De Palma”. 1996 folgte “Dense Music” - die Durchbruchsplatte mit den beiden darauf enthaltenen Fetenhits “Cold Song” und “From: Disco To: Disco”, die sie in zahlreiche Charts brachten. Als Konsequenz legten sie uns 1998 das störrische “???” vor: ein auf Jamaika aufgenommenes Stück Anti-Erwartungshaltung, auf dem der Track “Crazy Music” samt Roxy Music-Sample einen over-the-toppen Nachfolger zu “From: Disco To: Disco” stellte und Sly & The Family Stones “If You Want Me To Stay” den Platz von “Cold Song” einnahm. Intro-Autor Jochen Bonz fand hier vor zwei Jahren treffend “einen Zustand des Unterwegsseins, des Nicht-Ankommens”. Hans sagt dazu einfach: “Ich kann verstehen, wenn man ‘???’ schwierig fand - es war halt auch eine schwierige Zeit. Und wenn man eine erfolgreiche Kuh hat, sollte man sie nicht dauernd melken, sondern lieber streicheln und statt dessen etwas anderes tun.”

Hans: Nach “???” waren wir müde. Und es war Zeit, dass wir alle drei nach unseren persönlichen Interessen schauten.
Eric: Die Leuten sagen immer, wir hätten uns getrennt - aber da gab es nichts zu trennen. Wir waren nie eine feste Gruppe, sondern immer ein Kollektiv, in dem jeder unabhängig war. Das einzige, was wir wirklich jemals als Gruppe gemacht haben, war, nach Jamaika zu fahren.
Hans: Die Leute redeten immer von Whirlpool als einer Band, weil sie das in uns sehen wollten: ein modernes Konzept einer modernen Band. Dabei ist das eben das moderne Konzept, dass man gar nicht so stark zusammenhängt. Immerhin waren wir so sozial funktionierend, dass wir bis dahin drei Alben zusammen aufgenommen haben.
Eric: Heute scheint aber jeder genau dieses Band-Star-Ding zu wollen. Dabei gab es mal eine Zeit, in der war das gar nicht das Ziel. Da brauchte man nur eine Idee zu haben, und man konnte das so veröffentlichen. Die Leute sehen das nicht mehr.

So seien damals Die Schlümpfe / The Smurfs aus den Niederlanden die einzigen gewesen, die die Eier hatten, “From: Disco To: Disco” richtig abzukupfern. Denn die machten daraus mit hochgepitchten Stimmen “In: Frisco In: Frisco”, einen Kindersong über holländische Eiscreme - was Eric wiederum gerne mal in seinen DJ-Sets auflegt. “Das war brillant”, geben Hans und Eric grinsend zu Protokoll. Nicht nur Eric vermisste also die Grundidee, mit der elektronische Tanzmusik ja mal gestartet war: das Ideen-Offene, das Alles-geht, das Nicht-Star-sein-Müssen, das Projektarbeiten. Konsequenterweise brachten die drei zwischenzeitlich ihren Charakteren entsprechende Soloalben zustande: da war die persönliche Coverplatte “Spiralen Der Erinnerung” von Justus. Eric nahm das zickig-glamouröse “Fur Dancefloor” auf und gründete sein eigenes Label Subcurrent. Und Hans veröffentlichte das entspannte “Lazer Musik” und kümmerte sich um seine Familie. “Ja, es war ruhig an der Whirlpool-Front”, bestätigt Hans. “Doch dann machte man uns ein gutes Angebot, und wir beschlossen, ein neues Album aufzunehmen. Ungefähr so, wie es immer war.” Die drei fanden also im wahrsten Sinne des Wortes wieder zusammen: weil die Umstände passten und weil sie wieder Lust darauf und Zeit dafür hatten. So erscheint jetzt im Dezember “Lifechange” beim Majorlabel WEA und nicht mehr beim Universal-teilfinanzierten Halb-Indie Ladomat 2000: ihre bislang entspannteste und wohl auch clubkompatibelste Platte. Dort freestylt etwa MC Rene über eine augenzwinkernde HipHouse-Skizze, Julia Messenger aus dem Solar Moon System-Umfeld singt, und überhaupt gab sich im Weilerswister Can-Studio ein Haufen Gäste die Klinke in die Hand - was es in diesem Umfang auch noch auf keinem Whirlpool-Album gab. “Wir waren sehr, sehr produktiv”, sagt Hans. “Ein Whirlpool-Album ist immer die Dokumentation einer bestimmten Zeit, vom Beginn der Aufnahmen bis zum Abschluss. Und selbst wenn dazwischen manchmal harte Zeiten liegen, kommt man doch irgendwann immer irgendwo an. Und das ist dann ein wirklich gutes Gefühl.”