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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Hauptsache irgendwie nach nirgendwo

Whirlpool Productions

Dabei war der Witz doch erst mal ein ganz anderer. Nämlich der, daß WHIRLPOOL letztes Jahr ausgerechnet mit dem so läppischen wie in seiner Minimalität schönen, das Disco-Thema reflektierenden - indem da etwas heute in und mit Discos passierte, anstatt lediglich Abziehbilder von in den 70ern angesie
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Autor: intro.de

Dabei war der Witz doch erst mal ein ganz anderer. Nämlich der, daß WHIRLPOOL letztes Jahr ausgerechnet mit dem so läppischen wie in seiner Minimalität schönen, das Disco-Thema reflektierenden - indem da etwas heute in und mit Discos passierte, anstatt lediglich Abziehbilder von in den 70ern angesiedelten Discophantasien zu entwerfen - Party-Track 'From: Disco To: Disco' selbst zum Teil des Modethemas wurden. Dies ausgerechnet auch noch in Italien (anschließend in Belgien, jetzt womöglich sogar in England), dem Land der hysterisch und früh pubertierenden Kinder. Wochenlang auf Platz 1 in den Charts - das bedeutete Playbackshows, Radioshows, Shows, die mal nur in echt und mal ganz im Ernst den Charakter von Nachsing-Wettbewerben hatten. Und bald: keine Lust mehr auf die ganzen Shows, auf diese 'Maschine' (Eric D. Clark), die wie von selbst läuft, wenn sie in Gang gekommen ist. Die ihren Reiz schnell verliert, weil: 'Da kann man dann keine neuen Eindrücke mehr sammeln' (Hans). Und worum sollte es sonst gehen?
Justus Köhncke, Eric und Hans jedenfalls, alle Bohemiens um die Dreißig und allererster Güte, geht es längst nicht mehr einfach um House-Musik oder - wie auf ihrem letzten Album 'Dense Music' - darum, ihr breit angelegtes Musikwissen tanzen zu machen und damit im Hier und Heute zu bewahren. Es geht um etwas anderes als Modernsein, auch um etwas anderes als Rave und Club im Sinne von Party. 'Der Spaß ist vorbei', meint ein Freund der Band. Und trotzdem weist Hans die Frage, ob es House-Musik denn überhaupt noch gäbe in einer für sie interessanten Form, zurück: 'Das ist, wie zu fragen, ob es noch Reggae gibt oder Blues. Nein wirklich, es gibt nach wie vor klasse Musik in dieser Art.' Eine Antwort, die wenig überzeugend ist in ihrer Vehemenz. Überzeugend ist dagegen, wenn Hans über die vierwöchigen Aufnahmen zu '???', die letztes Jahr auf Jamaika stattfanden, meint: 'Eigentlich hätten wir mit Fallschirmen landen sollen, wie eine Guerilla, mit leichtem Gepäck. Wir hatten eine Mission zu erfüllen. Ferien waren das absolut nicht.' Diese Mission hat wohl aus der Perspektive der Beteiligten ganz unterschiedliche Namen, für mich heißt sie: Eindrücke sammeln, um einen Versuch unternehmen zu können, das Nirgendwo-Gefühl formuliert zu bekommen. Hört sich schön an, oder? Ist aber schwer zu bewerkstelligen, selbst wenn man sich auf Jamaika, auf einem Berg im Dschungel, in einer kleinen Ferienbungalowsiedlung mit zugehörigem Herrenhaus und weit weg von Touristen aufhält. 'Wir hätten überall hingehen können', meint Eric deshalb auch. Hauptsache irgendwie nach nirgendwo.
'???' ist ein Album, das durch seine Stimmung und die darin enthaltene Dramatik noch mehr besticht als durch den auf dieser Grundlage gezeichneten Spannungsbogen oder einzelne tolle Tracks, etwa das SLY STONE-Cover 'If You Want Me To Stay'. Diese Stimmung ist unruhig, grummelig, hört sich dumpf an, mal nach entfernten Beats, die auch eine langsam abfahrende Dampflokomotive sein könnten oder Schnaufen, und später Motorräder, Dschungelregen, Insekten. So etwas wie Ziehharmonikaklänge hört sich gut dazu an, auch mal eine Trompete, der Gesang von Eric, Slide-guitars. Da ist eine Sehnsucht am Arbeiten. Bei Nacht. Da wirken psychedelisch-entspannende Substanzen. Im Gegensatz zur absoluten Gegenwartsbetonung beim Rave und im Club steht '???' für einen Zustand des Unterwegsseins, des Nicht-Daseins und Nicht-Ankommens. WHIRLPOOL sagen über ihr Musikmachen auch: 'Some things we know, some things we don't namely touch on a rational level - because it's maybe not such a good idea.' Wie schon 'Dense Music' von 1996 bekam auch '???' den letzten Schliff in Weilerswist, im Studio der Krautrocklegende CAN. Zwar findet sich hier kaum mehr dieser Aspekt der freejazzigen Rockimprovisation, der Indiehörern 'Dense Music' zugänglicher erscheinen ließ als das Debüt 'Brian De Palma' (1995), und der ganz offensichtlich viel mit funky Krautrock zu tun hatte. Aber das Gefühl, nirgendwohin zu wollen, ist mit Sicherheit auch so ein CAN-Ding. Ein großes wahrscheinlich und heute spirituell in Popbunt. 'Vielleicht sollte man es Meditation über einen Track von ROXY MUSIC nennen', meint Hans entsprechend über die auf Samples aus 'Editions Of You' basierende aktuelle Single 'Crazy Music'.
Hans meint schließlich auch, Weilerswist sei an sich nicht gerade schön, liege in der Eifel zwischen Köln und Koblenz ... 'Auf halbem Weg nach nirgendwo', wie Eric bündig, abschließend und wirklich punktum ergänzt. Auf halbem Weg ... - warum auch nur auf halbem Weg? Warum nicht ganz? Warum nicht wenigstens dieses Dorf mit dem magischen Studio? Vielleicht ja wegen der LKWs. Die brausen durch den Ort wie überall auf dem Land. Die sind nie weg, im Gegensatz zu vielem anderen. Die LKWs sind jeden Tag da, und sie 'transportieren Schmutz, nur Schmutz, die ganze Zeit.'