×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Laura Jane Grace

Wer zum Teufel ist eigentlich ...

Against Me! klingen auf ihrem neuen Album »Transgender Dysphoria Blues« immer noch dringlich, energisch, brutal. Eine Umbesetzung hat es auch nicht gegeben. Aber der Mensch, der die Songs singt, heißt nicht mehr Tom Gabel, sondern Laura Jane Grace. Ein Name mit Bedeutung. Wäre Gabel als »Mädchen« auf die Welt gekommen, hätte seine Mutter ihn so genannt.
Geschrieben am

Die Sängerin Laura Jane Grace ist so angezogen, wie man es von Tom Gabel früher gewohnt war: schwarze Jacke, schwarze Hose, schwarze Wollmütze und schwarze Doc Martins. Das alles könnte durchaus aus dem Kleiderschrank ihres alten Lebens stammen, als sie noch ein Mann war und so wie heute bei der US-amerikanischen Punkband Against Me! sang.

 

Es fühlt sich nicht eine Sekunde seltsam an, einem Menschen gegenüberzusitzen, der sozusagen im falschen Körper geboren wurde. So plump das vielleicht klingen mag, es muss doch mal gesagt sein. Laura Jane Grace strahlt trotz herzhaften F-word-Gebrauchs eine natürliche feminine Grazie aus, die eher in Frage stellt, wie sie es denn zuvor, als Tom Gabel, als Mann, ausgehalten hat. »Dieses Gefühl, lieber eine Frau sein zu wollen, verspürte ich zum ersten Mal, als ich fünf Jahre alt war«, erklärt sie. »Ich sah einen Auftritt von Madonna im Fernsehen und dachte: ›Wow, ich will wie sie sein.‹ Offen zeigen konnte ich das nie. Ich habe mich für diese Gedanken geschämt und es gleichzeitig gehasst, vor dem Spiegel das Männliche meines Körpers zu sehen: meinen Adamsapfel, meine breiten Schultern. Ich kannte niemanden, dem es ähnlich ging. Ich war nicht Teil einer Trans-Clique oder so was.«

 

Vielleicht ist das der Grund, warum sie nun mit »Transgender Dysphoria Blues« ein Album aufgenommen hat, das einem all ihre Wut, ihre Verwirrung, ihren Selbsthass und ihre Alltagsprobleme in guter Against-Me!-Schule in die Fresse haut. Die Songs sind offensiv ehrlich und wuchtig produziert, holen noch immer jeden alten Fan ab. Aber der muss sich nun eben mit Texten wie diesen beschäftigen: »I’m drinking with the jocks / I’m laughing at the faggots / Just like one of the boys / Swinging my dick in my hand / All of my life, all of my life / Just like I was one of them.«

Kann man vorzüglich zu pogen, obwohl Laura Jane hier beschreibt, wie es sich angefühlt habe, auf Tour zwischen betrunkenen Punks zu sitzen, die sich mit zotigen Witzen und homophoben Sprüchen bei Laune halten. »Ich habe mich oft dabei erwischt, mitzulachen, damit es nicht auffällt, wie anders ich bin. Das will ich nie wieder tun. Ich hasse mich dafür. Darum geht es in dem Song ›Drinking With The Jocks‹. Ich hoffe, der Song löst ein gewisses Unwohlsein aus.«

 

Es soll hier aber nicht der Eindruck erstehen, Laura Jane sei permanent wütend und mies gelaunt. Sie lacht viel, flucht herzhaft und hat gelernt, auch in widrigen Umständen das Gute zu sehen: »Ist doch alles halb so wild. Die halbe Band hat während der Aufnahmen ihren Dienst quittiert, ein Baum ist in unser Studio gekracht und hat Teile des Equipments zerstört. Wir haben im Süden von Georgia aufgenommen, also in ›redneck county‹, wo man mich fast täglich als ›Schwuchtel‹ beschimpft hat oder zur Hölle jagen wollte – aber auf der anderen Seite habe ich jetzt diese Platte, auf die ich sehr stolz bin, und ich habe vor allem noch immer meine Ehefrau und meine Tochter, die zu mir halten. Was will ich mehr?«

 

Against Me! »Transgender Dysphoria Blues« (Xtra Mile / Indigo / VÖ 24.01.14) Auf Tour vom 04. bis 10.06.