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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die wollen uns fertigmachen

Dÿse im Steckbrief

»Wer wir sind« - der regelmäßige Band-Steckbrief. Diesmal mit Dÿse.
Geschrieben am

Herkunft 
Berlin/Dresden
Genre Prog-Pop-Asylum
Mitglieder 2
Besondere Vorkommnisse Die Band unterscheidet längst nicht mehr zwischen Ost und West, sondern ausschließlich zwischen Hackfresse und Arschloch. Auf Geografie lässt sie sich nur beim Bandnamen ein, der entstammt angeblich südafrikanischen Stammes-Mythologien.
Aktuelles Album »Das Nation« (Exile On Mainstream / Cargo / VÖ 21.03.14)

Die Frage liegt mehr als auf der Hand und wird euch sicher nicht nur einmal begegnen, aber wir wollen es natürlich auch wissen. Warum das falsche Genus von »Nation« im Titel?
Wir haben uns bewusst für das falsche Genus entschieden. Nach unserem letzten Album »Lieder sind Brüder der Revolution« konnte nur ein Titel wie »Das Nation« folgen. Die meisten Revolutionen ziehen die Umsetzung von neuen Ideen nach sich – es werden neue Staaten gegründet. Mit »Das Nation« haben wir ein Album aufgenommen, auf dem wir ebensolche neuen Ideen verwirklichen konnten und so die Dÿse-Nation ins Leben gerufen haben. Einen modernen Staat ohne Grenzen und mit viel guter Musik. Ein Staat eben, in den man gern auswandert. »Das Nation« ist ein Album, das sich nicht in musikalische oder genreabhängige Regeln pressen lässt. Das sollte schon im Titel Widerhall finden, und so nutzen wir ein falsches Genus, um zu zeigen, was wir in unserem künstlerischen Arbeiten sind: nämlich frei und nicht regelkonform. Geküsst von der Muse des Dadaismus, reiten wir auf der neuen Welle des German Noise Rock in den Sonnenaufgang. Na ja, und Aufmerksamkeit weckt das falsche Genus ja auch irgendwie – aber das ist nur ein schöner Nebeneffekt.

Und den gleich noch hinterher: Was um Himmels willen ist ein(e) Dÿse – und wo auf der Tastatur findet man diese Punkte über dem Ypsilon – wollt ihr uns fertigmachen?
Ja! Wir wollen euch fertigmachen. Aber um euch zu beruhigen, ihr seid nicht die Ersten, die wegen der zwei Punkte über dem Y wahnsinnig werden. Einfach mal in die Zeichentabelle im Betriebssystem kieken. Dort findet man den Buchstaben »Ÿ« und kann dann auch endlich Dÿse [ˈdyːzə] schreiben.
Aber was ist (eine) Dÿse? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns tief in die Abgründe der südafrikanischen Stammesmythologien begeben. Dort heißt es, die Welt würde von einem überirdischen Wesen mit zwei Köpfen, acht Armen und acht Beinen heimgesucht, das mit wuchtigen Klängen alles Unreine und Schlechte vernichtet und dabei den Menschen eine Botschaft hinterlässt, bevor es ins Innere von Mutter Erde steigt, um dort auf das Ende der bekannten Welt zu warten. Die Botschaft des Wesens lautet: »Du sollst Dÿse hören, verdammt noch mal!« Und das fanden wir für uns als Bandnamen dann ganz passend.
Mit Kraftklub ist »Ostsein als Marke« für Bands sehr aufgeladen worden. Seht ihr diese Ambivalenz Ost/West selbst noch in der Bandszene, bezogen auf Auftrittsorte?
Im Osten geht ja bekanntlich die Sonne auf und im Westen unter. Da kann man einfach nix machen. Der Osten steht somit für Innovation, Glück und Hoffnung. Das gilt auch für die Musik. Woher sollen da Spannungen kommen? Aber jetzt mal im Ernst: Wir haben es ziemlich selten erlebt, dass es aufgrund unserer territorialen Herkunft irgendwelche Probleme gegeben hat. Wir selbst unterscheiden prinzipiell nur zwischen Arschloch und Hackfresse. Und das ist manchmal gar nicht so einfach. Eine klare Trennung zwischen Ost und West ist schon seit Langem nicht mehr erkennbar. Vielleicht ist der Osten durch Bands wie Rammstein, Kraftklub oder Heaven Shall Burn etwas mehr in den Fokus der Musikmedien gerückt, aber das hat keine Auswirkungen auf Konzertbesuche oder persönliche Ab- oder Zuneigungen gegenüber anderen Bands, Klubs oder Medien aus den jeweiligen alten oder neuen Bundesländern. Außerdem: Bundeskanzler ist Ossi, Bundespräsident ist Ossi, Dschungelkönigin ebenfalls Ossi ...

Euer Sound besitzt einen starken Hang zu internationalem Noise und lässt einen erinnern, dass auch in den Neunzigern gute Rockmusik gemacht wurde. Ist das ein Referenzkosmos, in dem ihr euch selbst auch wohlfühlt, oder sind eher Bands wie Turbostaat, Pascow, Messer für euren Sound und Lyrics anschlussfähiger als Erstgenanntes?
Die Neunziger haben uns musikalisch sozialisiert. Da bleibt auf alle Fälle etwas hängen. Obwohl man ganz klar sagen muss, dass wir uns da ein ziemlich breites Spektrum an Musik reingeballert haben. Meine Favoriten waren unter anderem Helmet, Slime, Entombed, Helge Schneider, Sepultura, Aphex Twin, Monster Magnet, Converge, Gorilla Biscuits, Beastie Boys und Prodigy. Bis heute ist da noch eine Menge dazugekommen. Durch einen regen Musikaustausch auf Tour entdeckt man immer wieder neuen Scheiß. Mittlerweile gibt es kaum Musikgenres, von denen wir nicht irgendwie inspiriert werden – auch wenn man das vielleicht nicht direkt in unserem Sound hören kann. Von Klassik wie Strawinsky bis komplett zerglitchtem Breakbeat von Acrnym ist da alles dabei. Auch wenn wir die Kollegen von Turbostaat kennen und schätzen, sehen wir uns eher im Soundgewand der Neunziger mit einem modernen experimentellen Anstrich.

Stichwort Texte: Da ist bei euch ja einiges geboten, wie ist denn zum Beispiel das Stück »Nackenöffner« zu verstehen?
Warum das Stück »Nackenöffner« heißt, wird jeder verstehen, nachdem er es in voller Lautstärke auf dem Album oder live von der Bühne erlebt hat. Der Songtext in »Nackenöffner« ist als Metapher zu verstehen. Der Text beinhaltet unter anderem die Aufforderung »Brich das Gesetz«. Die meisten innovativen Ideen machten es notwendig, auf ihre Art ein Gesetz zu brechen. Wissenschaftlich, künstlerisch, historisch, rechtlich etc. Oft musste man einen Schritt weiter gehen, als es erlaubt war, um ein neues Ziel zu erreichen oder gesellschaftliche Missstände zu ändern. Und der Text ist unsere Aufforderung an alle, dies auch weiterhin zu tun und nicht zu stagnieren. Außerdem hatten Judas Priest mal einen Überhit namens »Breaking The Law«, und der hat uns letztendlich wohl auch irgendwie zu diesen Zeilen inspiriert.

Wer spielt denn bei euch eigentlich die Trompete in »Out Of Tune«? Der Song ist ja eine seltene Kombi aus Musik und Humor, wo die Mischung nicht schiefgeht. Ist das Stück ein Zufallsprodukt gewesen, oder wusstet ihr vorher, dass ihr so was unbedingt mal bringen wolltet?
Der Trompeter ist ein Kollege aus Erfurt und heißt Alexander Bernhard. Mit seiner klassischen Ausbildung hatte er auch Probleme, die Trompete auf dem Track so schief wie möglich zu spielen. Aber er hat es nach einer ordentlichen Tracht Prügel doch noch ganz gut hinbekommen. Das Stück selbst ist während eines Gigs in Wien aus einer Improvisation heraus entstanden. Ich wollte dann den Song unbedingt mit auf dem Album haben, da er uns in Sachen Humor und Gehirnfasching gut präsentiert. Nach einiger Überzeugungsarbeit hat er es dann auch auf das Album geschafft. »Out Of Tune« ist ein absoluter Anti-Ohrwurm geworden und wird immer wieder gern mitgesungen. So schief wie möglich natürlich. Wir freuen uns immer auf die Reaktionen, wenn wir das Stück live spielen. Und jetzt alle: »Out Of Tune!«