×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das Öyafestival 2005 in Oslo

Wenn die Welt noch in Ordnung ist

11.-13. August 2005, Oslo, Norwegen, Middelalderparken Norwegen, Land der niemals aufgehenden Sonne, des sicheren Sozialsystems und der unendlichen Fördermittel für die Kultur? Die norwegische Musikszene ist durchaus mal 2000 oder 20.000 Zeichen in einem deutschen Musikmagazin wert - gibt es doch
Geschrieben am

11.-13. August 2005, Oslo, Norwegen, Middelalderparken

Norwegen, Land der niemals aufgehenden Sonne, des sicheren Sozialsystems und der unendlichen Fördermittel für die Kultur? Die norwegische Musikszene ist durchaus mal 2000 oder 20.000 Zeichen in einem deutschen Musikmagazin wert - gibt es doch neben den Namen, die man kennt, natürlich noch so viel mehr Bands, deren Leumund es nicht über die Fjorde hinweg schafft. Und wie soll man ausländische Journalisten ins Land holen bei einem Bierpreis von umgerechnet 7 Euro, wenn man sie nicht einlädt und ihnen ein Rundum-Sorglos-Paket beschert? Zumal es natürlich den Glamour-Faktor ungemein erhöht, wenn über 100 Presse- und Musikfritzen aus London, New York, Paris, Peking, Moskau, Sydney und Beverungen sich meet-and-greetend in der eigens eingerichteten Öya-International-Area auf IKEA-Betten fläzen.

Am Vorabend des Festivals ruft erst mal die Clubnacht. In den zahlreichen, dicht beieinander gelegenen Clubs der ja nur 500.000 Einwohner zählenden Stadt spielt eine Unmenge von Bands. Wir stürzen uns ziellos ins Getümmel, immer mal verstohlen einen Schluck aus der mitgebrachten Bierdose nehmend, denn getrunken wird hier nur in geschlossenen Räumen, und entscheiden uns für den Laden mit der längsten Schlange davor, das winzige Café Mono. Dort verschrecken die schwedischen Quit Your Dayjob mit sehr lautem Elektropunk und zielgerichteter Publikumsprovokation (durch Blicke, nur durch Blicke!) unsere russischen Kollegen. Der Bierpreis ist schnell vergessen, und so geht es dann weiter durch die Clubs. Man ist glücklich, hier zu sein, inmitten lauter schöner, hipper UND freundlicher Menschen, die hervorragendes Englisch sprechen und in öffentlichen Räumen nicht rauchen dürfen.

Am nächsten Tag erwartet uns ein jungfräuliches Festivalgelände, keine fünf Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt, aber in einem gemütlichen Park zwischen Stadtautobahn bzw. Hafengelände, bewaldetem Berg und künstlichem See - mit viel Grün und den Grundmauern einer mittelalterlichen Kirche. 10.000 Besucher werden pro Tag erwartet, also gerade die Größe, bei der es noch gemütlich ist. Es gibt Mülltrennung, ausreichend Toiletten und - wie überall in Norwegen - kostenloses Trinkwasser.

80% der Bands beim Öyafestival, erklärt Veranstalter Claes Olsen - übrigens auch Betreiber des Labels Racing Junior (St. Thomas, Ai Phoenix, Salvatore u.a.) -, stammen aus Norwegen, wie etwa die alten Eisen Turbonegro und Satyricon, die jüngeren Nationalhelden Madrugada und Kings of Convenience, die traurigen Jungs von Washington oder die neueste Pop-Sensation Annie. Und auch unter den vielen unbekannteren Bands - manche von ihnen, wie die charmanten Trondheimer Trashpunkerinnen Mary Me Young, sogar noch ohne Label im Rücken - waren echte Highlights. Allen voran Datarock, die gleichzeitig Devo, die Talking Heads und die Happy Mondays waren und mit allen ihren Freunden zu zwölft in roten Trainingsanzügen, Kapuzen und Riesensonnenbrillen, springend und sich gegenseitig fotografierend, die Hölle einer Party auf der Bühne feierten. Definitiv die mitreißendste, bezauberndste Band des ganzen Festivals - die danach spielenden Hot Hot Heat konnten da so was von gar nicht bei uns landen. Landeerlaubnis gab es dagegen für Don Juan Dracula, die mit dem Hubschrauber auf das Festivalgelände eingeflogen wurden und auf gleiche Weise wieder entschwanden. Auch Cloroform (Koordinaten: Schlagzeug, Kontrabass, Synthesizer, Weirdo-Gesang à la Bobby Conn, Arbeiteroveralls, fantastische Gürtelschnalle) und Animal Alpha (eine Art Dresden Dolls auf Metal) gaben sich bei ihrer Performance richtig Mühe. Mit weitaus weniger Mummenschanz kam da die zauberhafte Singer/Songwriterin Ane Brun aus, gleichsam Kritikerliebling und Charts-Stürmerin. In Norwegen ist halt die Welt noch in Ordnung. Ähnliches gilt für Marte Valle, deren Charterfolg allerdings noch aussteht.

In aller Kürze die Großen:
Turbonegro: Stadionrockshow mit Kanonen, aus denen Turbonegro-Dollars geschossen wurden, und einem Zwergen-Lookalike des Sängers, der mit einem großen Motorradhelm auf dem Kopf Schilder mit Slogans wie "When everybody hates you, you have nothing to lose" über die Bühne trug. Und: bei uns gibt es Städtenamen-Trainingsjacken, beim Öyafestival gibt es Turbojugend-Jeansjacken.
Kings of Convenience: Gänsehaut, singende Landsleute, dancing Erlend, Polyphonic Spree mit auf der Bühne, unverständliche Ansagen. Die in der Abenddämmerung gerade herauskommende Sonne tat ihr übriges.
Annie: reichlich seichte Sache, dünnes Stimmchen, nettes Kleidchen. Überhaupt ein wenig zu nett.

Unter den Ausländern beeindruckten Dinosaur Jr. mit einem vor wahnwitzigem Gitarrenverstärkungsgerät stehenden J. Mascis (im lila Airbrush-XXL-Wohlfühl-Shirt, Motiv "heulender Wolf") und einem Gastauftritt des lausbubenhaft grinsenden Lee Ranaldo. Dessen Hauptarbeitgeber Sonic Youth begeisterten wie immer mit einem soliden Set voller gepflegtem Gitarren-Gewichse - im Fall von Thurston Moore durchaus wörtlich zu nehmen, er spielte sozusagen mit dem Schritt. Kim Gordon kämpfte indes gegen das Verlieren ihres ohnehin kaum vorhandenen Kleids an, während die fünf Sonic Kids ihren Eltern von der Bühnenseite aus zujubelten. Neben den extrem die Tanzschuhe stimulierenden Auftritten von Death From Above 1979 und Sons and Daughters waren Wolf Parade aus Kanada wohl die konsens-schaffende Überraschung des Festivals - Begeisterung allerorten. Die Freundschaft mit Arcade Fire ist auf Platte noch ein bisschen mehr herauszuhören als auf der Bühne. Erinnert euch an meine Worte, wenn das Album (auf Sub Pop) demnächst abgefeiert wird. Sympathisch auch, dass der Sänger beim Frühstück am nächsten Morgen noch fertiger aussah als ich und sogar noch die gleichen Klamotten trug wie abends zuvor auf der Bühne. (Denn unvorsichtigerweise war die Journaille im gleichen Hotel untergebracht wie die Rockstars, weshalb man schon mal dem Helden seiner Jugend vorm Kaffeeautomaten begegnete.)

Die alle beschäftigende Frage bis zum Abend des zweiten Festivaltages war natürlich: Wird Pete Doherty auftauchen? Werden Babyshambles, nach dem ganzen Bandauflösungs-und Wiedergründungs-Terz in den letzten Wochen, tatsächlich ihr erstes Konzert außerhalb von England spielen? Stalking kann so spannend sein: Wir ließen uns von Claes immer die neuesten SMS des Babyshambles-Managers vorlesen - wir spielen heute noch einen kleinen Gig und übernachten dann alle bei mir, um einen frühen Flug zu erwischen, sechs Leute sind schon im Flugzeug, Doherty kommt mit dem Rest heute Nachmittag, Doherty wird auf dem Osloer Flughafen festgehalten (wurde auch schon hier berichtet) -, hörten über CNN vom Streik bei British Airways (dem übrigens leider der Auftritt von The Duke Spirit zum Opfer fiel), erfuhren erleichtert, dass Babyshambles mit SAS flögen. Der letzte Zweifel war erst beseitigt, als wir ihn tatsächlich erspähten, an ein Brückengeländer gelehnt, mit Hut und zerfetztem braunen Fred-Perry-Poloshirt.

Es ist schwierig, Doherty bei diesem ganzen Tabloid-Rummel noch einigermaßen unvoreingenommen gegenüberzustehen, bzw. ihn nicht als Figur der Klatschpresse, sondern als das war er mal war (und eigentlich immer noch ist), nämlich als Musiker, zu sehen. Um so mehr ist es ihm und seiner Souveränität anzurechnen, als er vom Publikum mit Bierbechern beworfen wird, als die Leute lachen, während er sich zwischen zwei Stücken mitten auf die Bühne übergeben muss - wobei es wahrscheinlich nicht ein reines Auslachen, sondern vielmehr ein Verlegenheitslachen ist, so wie man während des ganzen Sets das unangenehme Gefühl hat, Voyeur zu sein und gleichzeitig irgendwie mitverantwortlich für das, was mit diesem Menschen passiert. Selbst das Zerstören von Mikrofonen will einfach nicht so recht gelingen. Das alles könnte einen ziemlich traurigen Eindruck hinterlassen, wenn nicht - ja, wenn nicht das Konzert, das Doherty gespielt hat, so verdammt gut gewesen wäre! Auf die Bühne kotzen und danach ein großartiges Stück spielen, das muss ihm erst mal einer nachmachen. Dafür hat er (obwohl ich nie ein Libertines- oder Babyshambles-Fan war) meinen großen Respekt. Deshalb hier auch kein Pete-Boulevard-Geplänkel von der Aftershowparty (nur den einen, alles aussagenden Satz: "Why is everyone trying to drive me fucking insane?"), sondern lieber ein nettes Intermezzo mit den sowieso unantastbaren Sonic Youth: Wir waren gerade bei einem "Vorspiel" mit den dänischen und englischen Kollegen (d.h. wir genehmigten uns im Hotelflur zwischen Festival und Aftershowparty das eine oder andere zollfreie Kaltgetränk), als das Ehepaar Moore/Gordon aus dem Aufzug kam und verwirrt bis interessiert fragte: "Is this the bar?". Obwohl wir sie einluden, suchten sie lieber nach einem vertrauenswürdigeren Etablissement. Egal, wir summten trotzdem fröhlich weiter unser Lied: We formed a bar, we formed a bar. Look at us! We formed a bar. Und alle zusammen gründeten wir die größte Bar Norwegens. Wie Claes am letzten Abend nicht ohne Stolz verkündete, wurde ein landesweiter Rekord im Pro-Kopf-Verbrauch von Bier erzielt.