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mit Sawatzki

Weit hinten

It’s a matter of time. Wenn die Einschätzung berechtigt ist, dass wir immer weniger Zeit haben, die Musik zu hören, die wir wollen, weil die Musik mehr wird, die Zeit aber nicht, dann sind alte Platten eines Tages so neu wie neue. Hocker-DJs Lieblinge kommen gerade aus Jamaika. Reggae, Eighties-Rip-
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It’s a matter of time. Wenn die Einschätzung berechtigt ist, dass wir immer weniger Zeit haben, die Musik zu hören, die wir wollen, weil die Musik mehr wird, die Zeit aber nicht, dann sind alte Platten eines Tages so neu wie neue. Hocker-DJs Lieblinge kommen gerade aus Jamaika. Reggae, Eighties-Rip-off, Kaffee- und Kuchen-Musik. Reichlich O-Töne diesmal.

Chris Connelly „Initials C.C.“ (Dream Catcher / Zomba) – Schönes Schreckgespenst. Kriegen wir jetzt den Industrial-Backlash als Sozius des Eighties-Ramschs? „Industrial war nie weg, ihr arroganten Ärsche“, sagt die Beats-und-Beton-Fraktion. Die Musik, die Diedrich Diederichsen dem Belgier zuschrieb, hat ja schon einige herrliche Degenerationen hervorgebracht. Connelly treibt’s auf diesem Rarities- und Outtakes-Doppel in alle Richtungen hinaus: Rock’n’Roll, einmal Dub mit den Revolting Cocks, Maschinenhallen-Ethno-Workshop (Pigface), „My East Is Your West“ klingt, als habe Scott Walker krümeligen Kuchen gegessen. Langweilig, ergo, wird’s nie. Alpinestars „B.A.S.I.C.“ (Guidance / Efa) – In Reihen der mankunischen Electronica-Avantgarde hat man sich schon früh Gedanken über die Historizität von Pop gemacht. Wer hat den Synthie-Song schlechthin geschrieben? Gary Numan wiedergegangen und -gegängelt, so gut kann das keiner („Jump Jet“ ist zur Hälfte „Are Friends Electric?“). Mit dem Synthesizer eine Gruppe gegründet haben, das fühlt sich gut an („77 Sunset Strip“ ist „Baba O’Riley“ für den Robo-Pop). So geht das weiter, Track für Track. Alpinestars singen die Disco melancholisch. 2000er-Album, 1980er-Feeling, 1399 beim Sieg über die Rolling Stones geboren. Fischerspooner „#1“ (Capitol) – Schon zum dritten Mal veröffentlicht, sagt mein mir zugeteilter Redakteur. Hätte ich kaum bemerkt, weil Fischerspooners „Emerge“ und „The 15th“ so was von immer noch heiß rotieren in meiner Clubbing-Gemeinde. Hier also der ganze heiße Scheiß, der billig-teure arty-farty Electro-Glam, der Kylies Herz in den Mieder hüpfen ließ, jetzt mit Hidden-Tracks und Junkie-XL-Remix von „Emerge“. James Brown hatte wie immer Recht: „If you want to sound good, you have to good look.“ Diverse „Impact!“ (Soul Jazz / Indigo) – Die Ankunft einer neuen Compilation von Soul Jazz ist, um mal mit Köln zu sprechen, (nein, nicht wie Weihnachten und Ostern zusammen) wie Normal, Parallel und Groove Attack zusammen. Ein Schallplattennachmittag. Stöbermusik. Wir stöbern auf höchstem Niveau in den Archiven von Impact und Randy’s Records aus Kingston, Jamaika. Und da Reggae seit ein paar Spielzeiten schon die Reissue-freundlichste aller Wurstsorten ist, haben wir gut Hunger. The Psalms mit „Rolling Stone“ kannte ich noch nicht, Charley Ace als „Country Boy“, war da nicht eine Jazz-Gitarre? Tommy McCooks Flötentöne auf „KT88“, Augustus Pablos Meistermelodika und Randys All Stars’ „Ghetto Guns“ – so viel Soul geht auf eine Reggae-Platte. Ist ja auch Soul Jazz. Diverse „Reggae Sisters Box Set“ (Trojan / Sanctuary / Zomba) – Die First Ladys Jamaikas strahlen hell. Und alle, alle sind hier dabei: Dawn Penn, Rita Marley, Susan Cadogan (natürlich auch mit „Fever“), Phillys Dillon (u. a. mit ihrem selbst verfassten ‘67er-Debüt „Don’t Stay Away“), Judy Mowatt und Joya Landis, das Mädchen mit dem Mondschein-Liebhaber. Diverse „Troubadors Of Folk – The 60s Acoustic Explosion“ (Castle / Sanctuary) – Man kann den Folk schönsingen („The Times They Are A Changin’“, Ian Campbell Folkgroup), mit ihm im Rücken den Wind fangen (Donovan), man kann den Folk zu den Göttern tragen (Incredible String Band), zurück zum Blues schicken (John Renbourn) oder ihn gleich entmannen (Alan Dyson). Man kann natürlich auch Dylan covern. Sixties eben. Später sollte noch ein Geist namens Nick Drake „Pink Moon“ singen. Das fehlt hier. Wie Iren, Schotten, Engländer und die deutsche Nico das akustische Bohemia entdeckten, davon erzählt diese Doppel-CD. Im Stile einer Generalschau rollt „Troubadors Of Folk“ (41 Songs auf zwei CDs, Posterbooklet) das bisher umfassendste Panorama eines Booms auf, der sich weniger als Explosion denn als Implosion erwies. Viele der hier vorbildlich gefeatureten Sänger und Bands (Archie Fisher: Originale suchen! Gordon Giltrap: covern! Duncan Browne: weitersagen!) verzogen sich schnell in Nischen und andere sozial korrekte Biotope, aus denen die Geschichte des Folk seitdem verschämt weitergereicht wird. Stephen Malkmus, liebe Indie-Rocker, hört im Bandbus auch nichts anderes als Pentangle und Fairport Convention. McLusky „My Pain And Sadness Is More Painful Than Yours“ (Too Pure / Beggars Group) – Super Albumtitel, wenn man bedenkt, dass auf Platte No. 2 der Komparativ zur Liebe fand: „My love is bigger than your love, we take more drugs than a touring funk band, sing it. My dad is bigger than your dad, he’s got eight cars and a house in ireland.“ Ansonsten geben McLusky das „Fuck You“, das so familiär klingt, dass jeder echte Mensch vor Rührung im Boden versinken muss. Kurzatmiges Punkrock-Theater, Pubrock-Geplärre mit einer Idee von Jodeln. Johnny Rotten singt: „It’s just a rattlesnake, it looks like you.“ Ich meine, Johnny Rotten singt es nicht. Er ist nur da. Die Vatermordplatte. Die „Stoning Friends“-Platte. Die gute Platte. Ich möchte zur Mäßigung aufrufen und an Max Goldts Foyer Des Arts erinnern: „Mein Vater handelte mit angeknipsten Lampen.“ Harry J. Allstars „Liquidator – Best Of“ (Trojan / Sanctuary / Zomba) – Was die größtenteils biederen Fußhandwerker vom FC Chelsea 1970 dazu bewogen hat, britischer Pokalsieger zu werden, ist nie erschöpfend geklärt worden. Die Fans schwören bis heute, das war nur der „Liquidator“, die Chelsea-Hymne der Saison. Das Harry-J.-Allstars-Instrumental mit dem plüschigen Hammond-Sound passt eigentlich besser zu St. Pauli als in die Fulham Road in London. Harry J. trägt den Reggae in die Weltmusik-Jukebox. Wer kriegt so viel Jazz in den Partykeller, ohne ein einziges Saxofon zu spielen? Vielleicht sollte der „Liquidator“ mal in Leverkusen vorbeischauen. Diverse „Dancehall ‘69“ (Trojan / Sanctuary / Zomba) – Das Jahr der Peanuts. So nannten sie die Skinheads ‘69. Extratoughe Working-Class-Fashion-Boys im Ursprung, deren Identitätssuche in der Reggae-Dancehall einen geeigneten Raum fand. Diese 40-Track-Compilation (Raritäten, aber auch Roland Alphonso, Derrick Morgan, Max Romeo und Tommy McCook) besitzt den Sound auf des Messers Schneide: Rocksteady-Nostalgia, Doc-Martens-Beats, aggressive Toaster. Und das eine Überlied, das jede Dekade sucht: The Prophets „Revenge Of Eastwood“ wiegt sich schon im Echo der nächsten Dekade. Die entdeckte den Dub. Andy Partridge „Fuzzy Warbles (The Demo Archives Vol. 1 & 2)“ (Ape House / NTT) – „Jump For Joy“. Wenn Andy Partridge sich freut, klingt das verschroben, nicht lustig. Es gibt Leute, die den britischen Humor von Partridge verstehen. Und es gibt einfach Hunderttausende von XTC-Fans. Die sich jetzt an diesem elfischen Gesamtkunstwerk aus Schingeling und Schängeläng berauschen dürfen. An Bedsit-Blues, Linksfeld-Pop und anderen Unfertigkeiten. „Don’t Let Us Bug Ya“, das singt der Andy Partridge jetzt mal richtig schön. S.Y.P.H. „Harbeitslose“ (Fünfundvierzig / Indigo) – Das war schon nicht mehr das Original-Line-up Rag/Jahnke/Putsch/Wolter von „Zurück Zum Beton“ (1979), dieses in limitierter Auflage erschienene ‘81er-Album geht ordentlich in die Kontraste. S.Y.P.H. üben sich in Gang-Of-Four-Tristesse und semi-kabarettistischer Selbstentblößung (so eine Art Wolfgang Neuss in der Altbierhölle). Der Adolf Hitler war schon getanzt, Harry Rag wollte mit uns reden: „Ich hab’ gehört, Sie sind ein Neger, sagen Sie mal, stimmt das? Ich hab’ gehört, Sie sind ein Nazi, sagen Sie mal, stimmt das?“ Dub Syndicate „Murder Tone“ (On U / Efa) – Best of Best, wenn man so will. Aus der vergriffenen Classic Collection der Dub-Syndicate-Dekade hat On U ein paar seltene Vögel und gefährliche Killer-Raupen („African Landing“, „Empires Falling“) freigesetzt. Besser war Space-Age-Dub selten. Bim Sherman, Lee Perry und Talvin Singh als Mike Chanter auf 79 Minuten Spielzeit. Dandy Livingstone „Suzanne Beware Of The Devil“ (Trojan / Sanctuary / Zomba) – Die Stimme aus dem Hochsicherheitstresor. Livingstone, der 1967 das Original von „Rudy A Message To You“ komponierte und sang, gehörte zu den Superstylisten der Rocksteady-Ära. Das Extra-Quäken im Delay macht’s hier, dazu hat man die Orgel zwitschern und die Strings fliegen lassen. „Take A Letter Maria“ rückt ihn in die Nähe des genauso guten Nicky Thomas. „Come Back Liza“ ist das bessere „Rivers Of Babylon“. Natty dress boy, super sweet vocals. Cornel Campbell „Original Blue Recordings 1970-1979“ (Moll Selekta / Efa) – Auch so ein Halb-Vergessener. Cornel Campbell startete 1970 bei Clement Coxsone Dodd gleich mit zwei Hits, „Queen Of The Minstrel“ und „Stars“. Der Schwerpunkt dieser Zusammenstellung liegt auf den Bunny-Lee-Recordings in den folgenden Jahren, den smoothen Lovers-Rock-Nummern und Roots-Hymnen. Sein wahres Gesicht zeigt Campbell als Crooner zeitloser Soul-Tunes von Curtis Mayfield und Sam Cooke und als heulender Falsetto-King. Der Blues der frühen Jahre, „Darlin’ you don’t care for me“. Diverse „Ring Frei Zur Nächsten Runde“ (Bear Family) – Zum Beispiel Beckenbauer. Kaiser, Clubpräsident, Stromwerber, so genannte Lichtgestalt, jede Menge mehr. Auch Beckenbauer hat nicht einhalten können vor dem verlockenden Angebot, ein Schlagersternchen zu werden. Wo er 1967 doch schon ein klasse Kicker war. „1:0 Für Die Liebe“ ist wie vieles auf diesem Album kein Hit geworden. Der Sport-Schlager-Inflation der Sixties trägt diese 27-Song-Compilation mit der Bear-Family-eigenen Freundlichkeit Rechnung: Peter Müller, Bubi Scholz, Radi Radenkovic, Marika Kilius, Hans-Jürgen Bäumler (der konnte singen), Martin Lauer (der konnte’s nicht) und ein paar andere verdiente Radieschen singen über blaue Augen, rote Rosen und „Bisschen Glück In Der Liebe“. Musik für die Kaffeetafel. Bärenmarke. Diverse „Wild Dub – Dread Meets Punk Rocker“ (Select Cuts / Efa) – Es gab eine kurze Periode in der Geschichte von Punk und New Wave, berichtet Vivien Goldman aus dem faulen großen Apfel New York, „als Reggae unsere Religion war und Dub unser heiliges Sakrament.“ Nachzuhören auf diesen 13 Tracks aus den Jahren 1979/80: Am Anfang steht die Ruts-Hymne „Jah War“, Basement 5 und Stiff Little Fingers hatten wir in diesem Zusammenhang schon vergessen. Die Slits („Typical Girls“) und The Pop Group („Where There Is A Will“) fehlen vorzüglicherweise nicht, und Johnny Rotten spielt vor einem Haufen ausrastender Dreads bei Lee Perry in Jamaika „Death Disco“. Danach ging Disco noch mal richtig los, aber das ist eine andere Geschichte. PS: Venom „The Seven Gates Of Hell Singles 1980-1985“ (Castle / Sanctuary / Zomba) – Wie man bei einer doomigen Black-Metal-Band von „The Singles“ sprechen kann, ist leicht schleierhaft. Klar sind Formationen wie Venom Alben-Bands und niemand, den es je an Singles zu messen galt. Aber das ist hier auch gar nicht so gemeint. Es geht einfach um herausragende Tracks dieser Ikonen des NWOBHM (New Wave of British Heavy Metal). Mit u. a. „In League With Satan“ und natürlich „Seven Gates Of Hell“. Wer sich dunkel erinnert, ist genauso eingeladen wie Jüngere, denen Slipknot nicht böse genug sind. Moldy Peaches „Unreleased Cutz And Live Jamz 1994-2002“ (Rough Trade / Sanctuary / Zomba) – Wem der Anti-Folk des Moldy-Peaches-Duos noch immer zu aufgeräumt und zu wenig übergeschnappt war, der kann sich ja mal hier versuchen: Doppel-CD mit insgesamt 55 Songs: Demo-Versionen, Live-Cuts, Cover-Versionen. Mitunter trashy wie die Hölle, aber dennoch ganz zauberhaft. U. a. mit dem Spin-Doctors-Cover von „Two Princess“ – wer hätte das erkannt? Diverse "Sugar Hill Hip-Hop Box Set" (Castle Music / Sanctuary / Zomba) - Mehr als 20 Jahre ist es jetzt her, dass in der Bronx das Sugar Hill Label als erstes schwarzes Indie-Label damit anfing, Rap und HipHop eine angemessene Plattform zu geben. Viele Klassiker sind in der Zeit entstanden, aber auch neue Produktionswege wurden dem weißen Mainstream aufgezeigt. Eine Übersicht über die Verdienste des Labels liefert jetzt diese 3-CD-Box: Sugarhill Gang, Grandmaster Flash, der West Street Mob - sie alle und zahlreiche Künstler mehr sind mit ihren Klassikern vertreten. Und eine kleine, unterhaltsame Aufarbeitung der Geschichte gibt's dazu. The Damned „Stiff Singles 1976-1977“ (Castle / Sanctuary / Zomba) – Hierzu muss nicht mehr viel gesagt werden. Diese Collection bietet nicht nur einen Überblick über eine der wohl kreativsten Phasen der Band, sondern auch das eine oder andere Schmankerl. Große Hausnummer.