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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

mit Sawatzki

Weit hinten

Hat überhaupt schon mal jemand verstanden, worum es in dieser Kolumne geht? Nein! Na gut, dann werde ich mich weiter in dem barocken Gemütszustand des Von-Sinnen-Seins sonnen, falsche Tatsachen vorspiegeln, Platten horten und für mein Rudel exotischer Hunde sparen. Die Dinge rocken auch, ohne zu roc
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Hat überhaupt schon mal jemand verstanden, worum es in dieser Kolumne geht? Nein! Na gut, dann werde ich mich weiter in dem barocken Gemütszustand des Von-Sinnen-Seins sonnen, falsche Tatsachen vorspiegeln, Platten horten und für mein Rudel exotischer Hunde sparen. Die Dinge rocken auch, ohne zu rocken, wenn ihr mal wieder nicht versteht, was ich meine.

Joe Meek "The Alchimist Of Pop" (Castle / Sanctuary) - 56 Tracks, zwei CDs mit Aufnahmen, die Joe the lion auf Secondhand-BBC-Equipment knusprig buk. Der erste unabhängige Produzent und Songwriter des Britpop, so steht's in den Annalen geschrieben. Die Lyrics muss man erst mal buchstabieren lernen, da geht's um Liebe und List in Siebenbuchstaben-Liedern und die soundtechnisch interessante Frage "Can You Hear The Beat Of A Broken Heart". "Telstar" von den Tornados und Screaming Lord Sutch ("Jack The Ripper") zeigen dann, wo's in den Sixties langging: weg von dieser Welt in nachtschwarze Tiefen und tolldreiste Raumfahrtabenteuer. In jeder Hinsicht vorbildlich.

Diverse "Drunk & Nutty" (Sanctuary) - "Waylon Jennings hielt in einer langen schwarzen Limousine neben mir, als ich in einem früheren Leben in Nashville gerade zum Waschsalon ging, und sagte: Los, steig ein. Laufen ist schlecht fürs Image." (Kinky Friedman) Es gibt immer noch ein Leben davor, in dem die alten Cowboys die Milch der frommen, frommen Denkungsart via Mama verabreicht bekamen. Davon kündet diese Doppel-CD mit Hillbillyblues und Wagenradschwingliedern aus den depressiven Twenties mit Roy Acuff, Gene Autry, der Carter Family und yodeläiuuuh!

Johnny Clarke "A Ruffer Version" (Trojan / Sanctuary) - Der Untertitel verrät das Wie und Wo: "At King Tubby's 1974-1978". Clarke switcht mühelos von hartem Roots-Reggae zu dem, was später mal Dancehall werden sollte. Und gibt mittendrin den sanften Tenor und ein großes Lalala auf "Joshua's Words", das hier noch einmal in einer "Social Version" von Tubby und den Aggrovators vertreten ist. Das Becken geht fliegen bei "Non Shall Escape The Judgement", das Ding wurde bei Tubby's sofort zum Top-Dub, es entstanden zahlreiche Mixe für Musiker in Jamaika und England.

Woody Kern "The Awful Disclosures Of Maria Monk" (Castle / Sanctuary) - Nie gehört vorher, und dieses Album wird auch konsequent als das beworben, was es ist: obskure Spät-Sixties-Psychedelik mit einem Hang zum Blues. Der Album-Titel verweist auf die Autobiografie einer kanadischen Nonne, die ihrem Konvent entsagte, um sich als Soft-Pornografin zu versuchen. Die Band streut ein paar fiese chemische Substanzen in die Drogen-umnebelten Tagträume von Mad Dog, Groundhogs und frühen Jethro Tull.

Pentagram "Turn To Stone" (Peaceville / SPV) - Als Doom noch ein Soundfile aus der Geräuschekammer von Black Sabbath war, kippten Pentagram schon Wolfsblut über die heißen Feuer der Hölle. Im verzärtelten, balladesken Bereich laufen Bobby Liebling (Gesang) und Kumpanen glatt zu grundbeschissener Scorpions-Form auf. Ein '85er-, ein '93er- und ein '94er-Album in Best-Of-Auszügen, aber ich sach ma, Kinder der entsprechenden Revolution besitzen das eh schon.

Stranglers "Laid Black" (Zenith / Sony) - Der schlichte Grusel ist der Tatsache geschuldet, dass es diese men in black nun auch schon 25 Jahre gibt. Und jetzt noch als semiakustische Ritter des guten Geschmacks. Das darf, lieber J.J. Burnel, nur Professor Bop! Jetzt also history revisited auf Gitarrenzwirblers Leib- und Magensound, Altes ("Golden Brown", "Always The Sun") und Neues, das du nicht wirklich brauchst, wenn du nicht ernsthaft der Meinung anhängen solltest, dass Oliver Geißens "80er Jahre Show" so schlecht war, dass sie schon wieder gut war.

Diverse "Rough & Tough - The Story Of Ska 1960-1966" (Trojan / Sanctuary) - Kein Label hat den Sound der Sixties in Jamaika nachhaltiger und ausführlicher geprägt als Trojan, aufgrund dieser Materialfülle wird die Digitalisierung und Sampler-Produktion also noch ein paar Jahre fortschreiten. Ska war nur ein Oberbegiff für das, was in den Studios von Kingston aus Calypso, Soul und Blues freundlich und immerfort metamorphosierte. Hier sind 52 Beweise zum Nachbarn-Totschlagen. Alle alle alle sind mit herzzerreißenden Ska-Lines drauf: Laurel Aitken grüßt den Bartender, Derrick Morgan den "Fat Man", und Eric "Monty" Morris hat's auf "Penny Reel-O" abgesehen. Von Baba Brooks gibt's den Herbie-Hancock-Klassiker "Watermelon Man", von Stranger & Patsy das superknuffige "Yeah Yeah Baby".

Bobby Konders Feat. Massive Sounds "A Lost Era In NYC 1987-1992" (Gigolo / Efa) - Der Mann für den Wild Pitch sah aus wie eine Promenadenmischung aus Hippie und Hell's Angel. Bei Bobby Konders gingen Garage House, Disco, HipHop und Reggae neue Verbindungen ein, solange der Bass nur tief genug parken konnte. Ende der Achtziger durfte man House ungestraft Rebel Music nennen. Die Gigolos haben diese formidable Zusammenstellung dem Brooklyn-Beat-As gewidmet, die mit spoken words (Mutabaruka in "The Poem") beginnt und mit "Slackness And Sax" hart in die Nacht fährt.

Ian O'Brien "Desert Scores" (Keep Diggin' / Indigo) - Noch mal House. Na ja, weniger House, mehr Detroit-Techno-Schule plus Jazz, Streicherflächen und die vergriffene 12-Inch "Monkey Jazz". Das Re-Release von O'Briens '96er-Debüt besitzt aber auch den Schmu, mit dem Jazzanova und andere groß wurden.

Adam & Eve "Die Frühen Jahre + Raritäten" (Bear Family Records) - Space-Age-Sioux trifft Hippie-Blondie aus dem Osten. Die Zeitungen berichteten von Sex, Messerstechereien und Mädchenhandel. Es gab mal ein ziemliches Ballyhoo um Adam & Eve, das Duo sang in den Sixties so ziemlich alles von "Lili Marleen" bis zum Phil-Spector-Klassiker und der letzten Country-Schnurre. Dazwischen mal ein Song, den du direkt Bongwater schenken möchtest. Das alles kam im knallbunten-Eklektik-Mix als bläserstarker Party-Pop auf des Deutschen Plattenteller. Die meisten Songs stammten von Johnnie Christian Dee, der später in einer zweiten Version des Duos, viele haben's nicht gemerkt, gegen einen anderen Adam ausgetauscht wurde. Auf dieser Doppel-CD sind die komplette LP "Paradise Of Sounds", sämtliche Singles des Duos und einige rare B-Sides und Solo-Tracks aus den Sechzigern drauf, plus die 7-Inch, die Eve für das DDR-Label Amiga als Erika Bartova einsang: "Casanova Baciami".

Can "Out Of Reach" (Marginal Talent / Efa) - Holger "du musst dir das so vorstellen" Czukay hatte auf dem Eins-Live-PopKomm-Panel "Warum werde ich nicht alt?" eine Erleuchtung: Er habe sich immer wieder gefragt, warum gerade Nazis wie die Riefenstahl so alt würden. Bis 45 ging's biologisch bergab, und dann, schwupps, ja, die Wiedergeburt. Habe Czukay, sagt er, auch gehabt, nach Can. "Out Of Reach" (1978) mit Rosko Gee und Reebop Kwaku Bah aus dem Traffic-Fundus ist das einzige Can-Album ohne Czukay, den Bassisten und Weltempfänger. Und es klang schon damals schrecklich alt. Wo Space-, Progrock und Ethno-Schnickschnack sich hasenherzig Gute Nacht sagen, muss man nicht unbedingt dabeisein. Was man muss: alles von Can haben; außer "Out Of Reach" und "Saw Delight" von 1977.

Herbie Hancock "The Columbia Years 72-86" (Sony) - Die Herbie-Gesamtausgabe im piekfeinen Leinenschuber für sagenhafte 299 Euro. Mit einem Vorwort von Guido Knopp. Nee, aber es geht um die wichtigen Jahre. Ein ziemlicher Ziegelstein von Music History, der Hancocks Weltenwanderungen Song für Song dokumentiert: von Blues-orientierten Fusiontracks mit Synthesizer und Filigran-Sax bis zu den technoiden Jazz-Studien am Händchen des unvermeidlichen Bill Laswell. Anfang der 80er hatte der Superpianist einen Hit mit "Rockit". Vier CDs werden das.

The Jam "Live Jam" (Polydor) - So kann's kommen: Live macht Piefke Punk locker leicht die Metamorphose zum Hosenscheißer-Rock'n'Roll durch. Die besten Songs aus den besten Tagen, "The Modern World" von '79, "David Watts" von '81 und 22 andere. Man tut dem unbestechlichen Paul Weller natürlich unrecht, wahrscheinlich hat das gekesselt, damals im Rainbow, London. Aber nicht auf Platte.

The Frank And Walters "Best Of" (Setanta / Efa) - Jahrzehntschau. Die Frank & Walters hatten wohl das Pech, etwas zu mittig zwischen der C86-Euphorie und den Britpop-Muskelspielen der Neunziger auf den Plan zu treten und ein paar Songs zu schreiben, die zu schön zum Mitsingen waren. Der ganz große Rumble war das im Insel-Soziotop denn auch nie.

Spanish Harlem Orchestra "Un Gran Dia En El Barrio" (Rykodisc / Zomba) - Okay, das ist Pfusch. Dieses Album des zwölfköpfigen Orchesters um den Pianisten Oscar Hernandez transportiert Salsa in die relevanten Clubs Nuyoricas. Es ist ganz neu. Es enthält Klassiker. Es ist zeitlos und füllt den Mythos Kuba mit Impressionen aus dem Hier & Jetzt. Ich hätte "Un Gran Dia En El Barrio" auch als Re-Issue ausgeben und euch lange in den Hispano-Fächern eures favorisierten Groove-Dealers suchen lassen können. Ihr werdet's mir, der ich gefährliche Symptome eines Ehrliche-Haut-Syndroms zeige, noch zu danken wissen.

Pulp "Hits" (Island-Mercury / Universal) - Kein Gerede: We love Pulp. Die
abenteuerliche Titelstory aus 2001 sprach Bände und verschaffte einigen von uns gar eine Art Pulitzer-Preis. Diese Pulp-Collection führt neben der bekannten Hedo-Neuzeit (Alben wie "Different Class", "This Is Hardcore" oder "We Love Life") auch zu der stets weniger bekanten Anfangszeit. Zudem gibt es mit "Last Day Of Miners' Strike"noch einen ganz neuen Song. Gerade wer das Doppel-Vinyl "Countdown 92 - 83" nicht besitzt, ist hier gut beraten.