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mit Sawatzki

Weit Hinten

Das kleine Arschloch hatte wieder mal gesiegt. Als Marc Bolan 1972 von der anstehenden Veröffentlichung einiger Pre-fame-recordings unter dem Titel "Hard On Love" hörte, ließ er gerichtlich verfügen, die Auslieferung zu verbieten, so dass die Single "Jasper C. Debussy", die schon in den Regalen
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Autor: Sawatzki

Das kleine Arschloch hatte wieder mal gesiegt. Als Marc Bolan 1972 von der anstehenden Veröffentlichung einiger Pre-fame-recordings unter dem Titel "Hard On Love" hörte, ließ er gerichtlich verfügen, die Auslieferung zu verbieten, so dass die Single "Jasper C. Debussy", die schon in den Regalen der Schallplattenläden stand, umgehend aus dem Verkehr gezogen wurde. Dass die Geschichte des hochtalentierten Glamrock-Ekels über zahlreiche Umwege und Missgeschicke, durch die Betten von Gönnern und Produzenten, über R'n'B, Folk und herzerweichendes Gitarrengeschrabbel führte, daran wollte Bolan auf der Höhe seines Erfolges nun gerade nicht erinnert werden. Dabei gehört "The Beginning Of Doves" (Castle / Sanctuary) in jeden ordentlichen Pop-Haushalt: Die 37 Tracks (großenteils aus der ersten Hälfte des Jahres 1967, darunter rare und Alternativ-Versionen von "Hard On Love"-Beiträgen) sind die perfekte Ergänzung zum David Bowie der "Laughing Gnome"-Phase. Die Aufnahmen von John Renbourn auf "Another Monday" (Castle / Sanctuary) entstanden nur ein paar Monate vor Bolans "Hard On Love" und wirken heute im direkten Vergleich doch wie ein angestaubtes Dokument, das man noch einmal sorgsam aus seiner Hülle befreit hat. Renbourn, Saitenzwirbler der dezenten Art, damals Top-Kraft des British Folk Baroque, erreicht nie ganz die Tiefe von Part-Time-Kollaborateur Bert Jansch ("Jack Orion"): Er schmiert Butter auf den Blues und verzichtet auf jeden weiteren Belag. Von den Pretty Things gab es schon einmal vor Jahren eine Reissue-Serie auf SPV, jetzt hat Repertoire das ganze Pfund noch einmal auf den Markt geworfen, mit ausführlichen Booklets, Bonus-Tracks und frühem Video-Material auf CD-Rom-Tracks. Macht eine little history of Sixties-Britpop: von dem toughen Rhythm'n'Blues-Debüt der Band um Phil May und Dick Taylor über "Get The Picture" (1965) und die psychedelischen Licht- und Schattenspiele auf "Emotions" (1967) bis zur etwas überschätzten ersten Rock-Oper ever, "S.F. Sorrow" (1968). Als die Briten ihr kleines bürgerliches Ego in Cannabis-Schwaden und großen Pop-Konzepten zu stärken suchten, machten ein paar spirituell erleuchtete Jazzer sich auf den Weg nach Afro-Jazzien. Randy Weston (Piano), flankiert u. a. von Art Taylor (Drums), Henri Texier (Bass) und dem späteren Traffic-, Can- und Unknown-Cases-Perkussionisten Reebop Kwaku Baah, gelingt auf "African Rhythms" (Comet Records / Zomba) eine frühe Vorstellung davon, was das gespielte Loop alles kann. Das hat definitiv nicht den Funk der Fela-Kuti-Jahre, aber der formidable Eröffnungstrack "African Cookbook" nimmt das Kreiseln im Pop, das die alte europäische Strophe-Refrain-Struktur in Frage stellen sollte, im konzentrierten Beat vorweg. Geniales Hi-hat-Geschepper! So was hören wackere Hippies in den letzten Schlaufen der Zeitmaschine: Bad News Reunion waren Hamburger Westcoast-Spezis und spielten 1980 so ziemlich den abgehangensten Rock, den man sich inmitten der New-Wave-Hysteria vorstellen konnte, inkl. Neil-Young- und Bob-Dylan-Coverversionen. "The Easiest Way" (Sireena) kennt keine Patina. Und hier kommt die original Freakshow aus dem Prä-Nena-Hagen, die deutschen Mothers: Von Grobschnitts Live-Monsterpiece "Solar Music" sind nun sieben verschiedene Versionen (zwischen 1974 und 1982) auf der Doppel-CD "The History Of ..." (Wolkenreise Productions) versammelt worden. Somnambule Krauts zwischen Märchenmusik und Gitarrengewusel. Mickey Hart erinnert sich ganz gerne und zwar quasi-professionell an Grateful Dead: Die Band sei nicht im Entertainment-Sektor beschäftigt gewesen, "sondern im Transport-Geschäft. Wir bewegten Seelen." Das als Einstimmung zu dieser Best-of-Zusammenstellung mit dem weit gereisten Titel "Over The Edge And Back" (Rykodisc / Zomba). Der Sohn eines Trommlers trommelte in der Airforce, (viel zu lange) für Grateful Dead, entwickelte Soundtracks, u. a. für Coppolas "Apocalyse Now", und gab Anfang der 90er eine Enzyklopädie der Schlaginstrumente unter dem Titel "Planet Drum" heraus. Von schröcklichem Worldmusic-Muckertum über tricky Trommelschleifen bis zu einer unveröffentlichten Version der Eröffnungshyme der Olympic Games von Atlanta ist hier alles zu finden, was Vertreter ethnologisch interessanten Schießbudentums aus Studiengründen ins CD-Fach ihres Smart schieben müssen. Drin ist, was draufsteht: "The Ultimate Collection" (Doppel-CD / Sanctuary / Zomba) hat sämtliche UK-Hits der Kinks, ein paar Seventies-Greats ("Celluloid Heroes", "Supersonic Rocket Ship") und das komplette geile Däng-Däng, das die Davies-Brüder schon immer zu den Klassenbesten im Britpop gemacht hat. Das irische Familienunternehmen Clannad war im Brückenschlagen zwischen keltischer Folklore und Popmusik zu Hause, irgendwann wurde das auch in den Charts honoriert, die besten Stücke der Anthologie "A Magical Gathering" (Doppel-CD / Rhino / BMG) stammen aus den frühen Siebzigern. Bei dem Hit "In A Lifetime" sang später auch Bono, erklärter Clannad-Fan, mit. Reggae diesmal im Dieter-Thomas-Heck-Schnelldurchlauf: Die "Tighten Up"-Compilations waren speziell für das britische Publikum der Endsechziger zusammengestellte Greats-Alben. Vol. I und Vol. III (Trojan / Zomba) liegen jetzt in schicken CD-Pappschubern wieder vor, hier hast du die classic voices, die superben Coverversionen, das Trojan-Feeling fürs Bauchfreie, die unschlagbare Joya Landis, diesmal nicht mit "Moonlight Lover", sondern mit "Angel Of The Morning", Alton Ellis, Dave Barker, Ken Boothe, Marcia Griffiths und John Holt, von dem die genauso essentielle Compilation "1000 Volts Of" (Trojan / Zomba) erschienen ist. Das "Trojan Mod Box Set" (3 CDs / Trojan / Zomba) reflektiert den Hipster-Status, den Ska, Bluebeat und der frühe Reggae bei der Mod-Gemeinde bis heute besitzen, mit insgesamt 50 Tracks aus den Schatzkisten gehobener jamaikanischer Blasmusik. Und dann ist da noch unser Mann für die Grassroots: Ansel Collins mit "Jamaican Gold" (Moll-Selekta / Efa). Ihm merkt man die späten Seventies ganz genau an, das war die Zeit, da Reggae schon erwachsen geworden war. Als Sänger und hier vor allem als Keyboarder, begleitet von - na wem wohl? - Sly & Robbie, schöpft Collins noch einmal aus dem vollen, lässt warme, weiche Melodien in Bauch und Beine fließen. Von führenden Wirbelsäulentrainern empfohlen. Von Orbital möchten wir noch vermelden: "Work" (London / Wea) ist da, schlichter Titel für eine Greatest-Compilation ohne Schnickschnack und knapp 70 Minuten Spielzeit. Schon über die "Best of" hinweg sind James. Die kam vor ein paar Jahren. Die Band dagegen kaum live aufs Festland. So sind James-Fans auch stets die traurigsten. Abhilfe schafft da die "Getting Away With It - Live"-Doppel-CD (Sanctuary / Zomba). Neueste Knaller und alte Helden auf den Bühnen der Welt aufgezeichnet. Bloß: Wann mal wieder in Deutschland? Die Bluetones waren schon immer so ein Fall für die Abteilung "mmmmh"; das britische Quartett zeigte, dass Britpop eine ganz familienfreundliche Sache sein kann, vorausgesetzt, man spielt die nie falschen Akkorde, setzt die immer richtigen Refrains. Damit kommst du auf jedermanns Gartenfest, ein bisschen in die Charts, aber wozu braucht man das jetzt noch? Und dann kommt so ein düsteres Ding wie "Cut Some Rug", und du fällst kurzfristig in Liebe: Zu diesem Behufe schaffe man sich dann doch "The Singles" (Mercury) an, wenn man nicht schon alle Originalalben als Staubfänger im Ikea-Buche-Regal stehen hat. Vergessen ist ungerecht, also auch noch mal alle Butthole Surfers-Alben rauskramen und den Vergleich mit "Humpty Dumpty LSD" (Cargo) proben. Aufgelesenes, Alternatives und bislang unbekannte Versionen atemberaubend zerquetschten Rock'n'Rolls, zu einer Zeit, als die Butthole Surfers noch die circa drittwichtigste Band der Welt waren, also Mitte bis Ende der Achtziger. Gibby Haynes' sadistisches Gejaule verlieh selbst einem Semi-Classic wie "Earthquake" von Roky Erickson dieses brillante Gefühl von "jetzt aber alles kaputtmachen". Und Jello Biafra sagte: Amen!