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So war’s in Köln: Die Alten kommen aus ihren Löchern

Week-End-Fest 2012

Bis zu Pitchfork.com schaffte es das feine und kleine kölnische Week-End-Fest mit seinem exklusiven Line-Up in diesem Jahr. Ein Grund könnte sein, dass die Macher ihre Zielgruppe 2012 deutlicher bei den geschichtsbewussten Alt-Musiknerds ansiedelten.
Geschrieben am
30.11.-02.12.12, Köln, Alte Kranfabrik
 
Schick ist die neue Location des Week-End-Fest. Schick und komfortabel geschnitten. Die Organisatoren haben für die zweite Auflage ihres Winterfestivals wieder eine der in Köln sicher nicht zahlreich zu findenden Orte aufgetan, die nett, originell und bisher nicht als Konzertlocation bekannt sind. Zwar geht der sonst zumeist für Messen und Firmenveranstaltungen genutzten Alten Kranfabrik der schmuddelige Charme des alten UFA-Filmpalastes, Schauplatz der 2011er-Premiere des Festivals, ab. Dafür glänzt der Ort mit zusätzlichen Räumlichkeiten für Bar und Café und viel Platz.

Der ist angesichts des Publikums, das sich an den drei Tagen hier einfand, kein zu unterschätzendes Pfund. Mit Headlinern wie Scritti Politti, Stephen Malkmus und den Goldenen Zitronen ist kein juveniles Studi-Publikum zu gewinnen, diesem Risiko haben sich die Veranstalter ganz bewusst ausgesetzt. Am Freitag scheint das dem Week-End-Fest zunächst zum Verhängnis zu werden. Während der ersten Acts Little Wings und James Yorkston bleiben die Reihen vor der Bühne eher leer. Das ist schade, da gerade letzterer mit einer sinnlich-emotionalen Solo-Performance ein frühes Highlight setzt, das allerdings eine tragische Facette bekommt, als Yorkston gegen Ende offenbart, dass sein Freund und Bassist Douglas Paul vor einem Monat an Krebs gestorben sei.
 


So altbewährt das Line-Up des diesjährigen Week-End-Fest ist, so exklusiv ist es auch. Nicht wegen Felix Kubin, der sich wieder mal als eine Art dada-elektronischer Andreas Dorau präsentiert, wohl aber wegen Scritti Politti, die erstmals seit Jahrzehnten wieder Konzerte in Deutschland spielen. Vor der Show ist die erstaunlich frisch aussehende Band um Green Gartside deswegen noch sehr aufgeregt, währenddessen wirkt ihre Performance aber sehr gemächlich und elegant und führt durch ihren charakteristisch souligen Wave-Pop und über die Klippe von Mythos zu tatsächlicher Substanz hinweg.
 
Nachdem die Nacht mit einem großartigen (The Field) und einem kauzigen (Hot Chips Alexis Taylor und Justus Köhncke als Fainting By Numbers) Set den Dance-Ausläufern des Kompakt-Kosmos gehörte, steht am nächsten Tag das unumstrittene Festivalhighlight auf dem Programm: Pavements Stephen Malkmus hat mit einer Band aus Kölner Musikern (3/4 Von Spar) »Ege Bamyasi«, eines der berühmtesten Alben Cans, aus Anlass des 40jährigen Geburtstags der Platte eingeübt und führt es einmalig und in voller Länge auf. Diese Ankündigung verhilft auch den Lucky Dragons, dem Captured Tracks-Act Chris Cohen und besonders den ebenfalls uralten, extrovertiert klöppelnden und ihren Afrorock in traditionellen Gewändern aufführenden The Pyramids zu deutlich mehr Publikum als am Vortag.
 
Als Stephen Malkmus mit seiner kölschen »Ege Bamyasi«-Band auf die Bühne kommt, ist der Saal erstmals richtig voll. Malkmus hat seinen Anteil an den Proben im Vorfeld deutlich reduziert – schließlich ist von ihm überliefert, das Album mindestens einen Sommer hindurch exzessiv gehört zu haben. Entsprechend leichtfüßig gleitet er mit seiner Gitarre durch die Songs und durch Damo Suzukis Vocal-Parts. Der Löwenanteil der Performance liegt dagegen auf den Schultern seiner Musiker, besonders dem Von Spar- und Urlaub in Polen-Schlagzeuger Jan Philipp Janzen, dem die schwere Aufgabe zuteil wird, den großen Jaki Liebezeit zu interpretieren. 100%ig originalgetreu klingt die Interpretation auch nach den zweimonatigen Proben nicht, auch nicht in den Percussions und Synthies, was aber auch ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre. Stattdessen ist das Spiel der Band deutlich fokussierter und reduzierter, ohne dabei den später »Krautrock« genannten Vibe Cans hinter sich zu lassen. Das ist spannend und wird letztlich vom ganzen Saal umjubelt, auch vom Ehrengast und ehemaligen Can-Mitglied Irmin Schmidt, der während der Show unruhig durch die hinteren Reihen tigert und danach den Musikern auf der Bühne gerührt um den Hals fällt. Trotzdem – die niederen Instinkte des Rockfans sind mit dem im Anschluss auftretenden Ty Segall besser bedient.
 
Der junge Herr aus San Francisco darf sich Kopf einer Bewegung nennen, gelangten doch in seinem medialen Windschatten 2012 so famose Bands wie Thee Oh Sees oder The Fresh & Onlys zunehmend ins Bewusstsein der weltweiten LoFi-Gemeinde. Segall selbst hat im laufenden Jahr ganze drei Alben veröffentlicht, von denen keins auch nur eine Sekunde Zweifel an Talent, Neugier und Energie des Songwriters aufkommen lässt. In Köln gastiert er gemeinsam mit einer dreiköpfigen Backingband und veranstaltet ab Stück Nummer eins ein Proto-Punk-Feuerwerk. Es brummt und kracht. Gitarrenwände zu Dampfwalzen. In den vorderen Reihen wird Pogo getanzt. Von Wegen Altherrenpublikum. Endlich klingt die Anlage so druckvoll, wie man sie sich schon den ganzen Abend gewünscht hatte. Da können Ultraista im Anschluss mit ihrem samtenen Disco-Pop kaum Stand halten.
 
Der Sonntag des diesjährigen Week-End-Festes wurde auf gerade mal vier Auftritte entschlackt. Den Anfang macht der ehemalige Tune-Yards-Bassist Nate Brenner mit seinem Solo-Outfit Naytronix. Danach fackeln Deerhoof ein furioses Set ab, das nicht einmal dadurch getrübt wird, dass die Band mit Ruhe und Schwierigkeiten ihre Deutschkenntnisse zum Besten gibt. Anschließend folgt Ian Svenonius’ aktuelles Bandprojekt Chain & The Gang, die deutlich ruhiger, Sixties-klassischer als The Make-Up klingen und einen schwitzigen Club-Vibe in die Kranfabrik bringen. Auch wenn Svenonius’ klassische Call and Response-Vocals nur in Ausnahmefällen wirklich vom Publikum beantwortet werden.
 
Die Damen und Herren sind zwar müde von zweieinhalb Tagen Festival – trotzdem schaffen Die Goldenen Zitronen noch einen späten Höhepunkt. Gar nicht mal so sehr durch ihren Auftritt selbst, der sicher nicht schlecht ist, aber insgesamt ein wenig ungeprobt und in seinen Posen verharrend wirkt. Dennoch, selten schien in letzter Zeit der Knoten gelöster. Heute verfängt sich niemand im Spinnennetz staatlich subventionierter Hochkultur. Hier herrscht Heimspielatmosphäre. Ein Publikum wie Schulterklopfen. Am Ende kommt den Zitronen ein Würdenträger von den Betreibern der Halle zu Hilfe: Als er sich wegen vermeintlicher Lautstärkeauflagen völlig überzogen den Weg zum Mischpult freimacht und den Gesang herunterdreht, spielen Schorsch Kamerun & Co. ein extralanges und -schräges »Von den Schwierigkeiten, die Regierung stürzen zu wollen«, nur über ihre Monitorboxen. Soviel Aufruhr haben die Artpunks lange nicht mehr entfacht, die Rolle spielen sie aber nach wie vor gut: Schorsch Kamerun steht oben auf dem Lautsprecherturm und tanzt den Whigfield.
 
Für ein kleines bisschen Anarchie ist man genauso wenig zu alt wie für das angemessene Feiern eines großartigen, weil bemerkenswert konsequenten Festivals.