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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Zauber im Pott

Way Back When 2015

Es geschieht selten, dass ortsfremdes Publikum von der Festivalstadt wider Erwarten dermaßen begeistert ist. Bei der zweiten Ausgabe des Folk-Pop-Events zeigt sich, warum das Way Back When bald als feste Größe in NRW etabliert sein sollte. Mit Acts wie Bilderbuch, Fink und Foxygen ist das Line-Up noch hochwertiger bestückt als 2014.
Geschrieben am
22.-25.05.15, Diverse Venues, Dortmund

Die Begeisterung für Dortmund ist während des Way Back When an jeder Ecke der Ruhrstadt lautstark vernehmbar. Kioskbier und nächtliche Fresskapaden bei berüchtigten Imbissbuden bringen Dortmundkinder und Angereiste zusammen. Aus der ganzen Region kommen Musikfreunde, auch internationale Musikliebhaber sieht und hört man hin und wieder. Die zwei Hallen im FZW, das Domicil und die umfunktionierte Pauluskirche sind perfekte Orte für die Mischung aus Pop, Folk und Elektronischem, die hier das Pfingstwochenende verschönert. Es ist erstaunlich, dass ein reines Clubfestival es schafft, in der Stadt ein echtes Festival-Feeling zu verbreiten – als wäre man auf dem Weg von einer Open-Air-Bühne zur nächsten. Orientierung ist kein Problem, denn die WBW-Crew hat netterweise überall wegweisende Fußstapfen-Tatzen auf den Boden gesprüht, denen man hinterher tigern kann und über den Musikpilgern wacht das funkelnde Dortmunder U.
 
Der Freitag steht mit den Shows von Sizarr und Wild Beasts (FZW Halle) im Zeichen des Elektro-Pop. Die Pfälzer Jungs aus Landau von Sizarr feiern ihren ersten Auftritt in Dortmund und zaubern dem Publikum ihre vielschichtigen Indie-Tracks vom neuen Album »Nurture« auf die Ohren. Sie sind großartig, nicht zuletzt dank der fast gruselig charismatischen Stimme von Leadsänger Fabian Altstötter. Songs wie »Boarding Time« und das beinah fatalistische »Scooter Accident« komplementieren diesen Gänsehaut-Eindruck. Nebenan, im kleineren FZW Club, stellt währenddessen Adi Ulmansky aus Tel Aviv ihren selbstgemachten, schwurbelig-heißen Elektro-R‘n‘B vor und feiert auf der Bühne ihre eigene Party. Nach einem technischen Stolperer ist die Indierock-Pop-Band Wild Beasts ein weiteres Highlight, was nicht zuletzt an der durchschlagenden Stimme des Frontmannes liegt. Es folgt die österreichische Spaßband Bilderbuch, die in der FZW Halle so heftig einschlägt, dass sie nur noch vom vollkommen verrückten Foxygen-Gig am Sonntag übertroffen wird. Das Elektropop-Geschwisterduo Hundreds aus Hamburg bildet in der Pauluskirche den sphärischen Gegenpol zur Party, die in den anderen Locations gefeiert wird. Es gibt wohl nur wenige Musiker, deren Sound sich an diesem Wochenende besser im Kirchengewölbe einnistet.
 
Wanda stellen sich am Samstag als Publikumsliebling heraus, so dermaßen treiben die Österreicher die Temperatur im FZW nach oben, und der Sänger lässt sich von der Menge zur Bar tragen, um sich die Textzeile »Wenn du mich liebst, gib mir Schnaps« kurzerhand selbst zu erfüllen. Da man sich leider nicht vierteilen kann, muss man nach einem kurzen, beeindruckenden Lauscher bei den psychedelischen Ωracles schon zur Pauluskirche eilen, um Haldern-Pop-Liebling The Slow Show aus Manchester noch zu erwischen. Die Kirche ist voll, alles sitzt und steht auf den Gängen, und wessen Augen hier trocken geblieben sind, muss ein Herz aus Stein haben. Die Band spielt ruhigen Indie-Pop, orchestral und doch zurückgenommen, vielfach potenziert durch das andächtige Flair im Gotteshaus. Die tiefe Knödelstimme von Rob Goodwin dümpelt irgendwie dahin, umso intensiver ist es, wenn er sie plötzlich anhebt und laut wird. Spürbar dicht wird die Atmosphäre, als er die E-Gitarre ergreift und solo »Lucky Me, Lucky You« spielt.
 
Abgerundet wird dieser ergreifende Auftritt später klangvoll von Fink aus England, die sich sichtlich am Spaß der Menge im FZW erfreuen. Spätestens bei »Looking Too Closely« vom aktuellen Album haben sie die Halle in der Hand. Umso schöner, als sich Sänger Fin Greenalls konsequent düstere Miene plötzlich in ein breites Grinsen ob des Applauses verwandelt. Währenddessen beschallen Tora aus Australien die Pauluskirche in bester Dream Pop-Manier und spielen eindrucksvoll Bäumchen-wechsel-dich an ihrem Equipment, der Boyband-Look ist hier nur oberflächlicher Schein.
 
Der Sonntags-Abschluss wird wiederum von gefühlt zwanzig Acts eingeleitet, die gleichzeitig spielen und den glühenden Wunsch nach einem Zeitzurückspuler erwecken. Im Domicil wird es poppig mit der unberechtigt schüchternen Newcomerin Nessi und ihrer Band, darauf folgen die Schotten Fatherson mit Rock, der manchmal in Emo umschlägt. Des Leadsängers weiche Stimme schwebt und zittert buchstäblich über den lauten Gitarrenriffs hin und her. Der Rapper Ghostpoet wäre eine spannende Alternative gewesen, leider muss Foxygen aus Amerika der Vorrang gewährt werden. Zu Recht: Die Garage-Slacker nehmen das FZW komplett auseinander. Mit drei dramatisch-famosen Background-Sängerinnen, Plastikblumen an jedem Mikrofonständer und einer vollkommen abgedrehten Performance, die recht wenig mit dem letzten Album am Hut hat, überfordern sie kurzzeitig das Publikum. Man kann es nicht anders sagen: sie stehlen den darauffolgenden Kollegen Allah-Las aus Los Angeles gründlich die Show. Diese liefern ebenso gut ab, aber nach der Foxygen-Party wirkt der ruhige Auftritt einfach blass. Vielleicht will man auch einfach nicht runterkommen. Apropos Party: Nicht zuletzt sei an dieser Stelle die grandiose Aftershow-Bewirtung des WBW-Teams gewürdigt, es wurde stets das Wohl derjenigen berücksichtigt, die auch nach dem dritten Festivaltag noch bis zum Vogelzwitschern feiern mussten, sei es Freitag und Samstag im stadtbekannten Oma Doris oder jede Nacht im FZW selbst. In diesem Sinne: Danke Dortmund.