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»Das bin alles ich«

Waxahatchee im Gespräch

Das sowieso schon tiefschürfende Werk von Katie Crutchfield wird durch »Out In The Storm« um ihr bisher persönlichstes Album ergänzt – mit maximaler Selbstreflexion und null Distanz zum lyrischen Ich. Lars Fleischmann traf Waxahatchee zum zwangsläufig intimen Gespräch über Trennungen, Aktivismus und die Rückkehr zur Autonomie.
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Berlin schmort bei 28°C. Die nächste Abkühlung in Form von Regen oder eines Sturms ist nicht in Sicht. Ein seltsamer Zeitpunkt für ein Interview mit Waxahatchee, in dem es um ihr viertes Album »Out In The Storm« gehen soll. Das will nicht nur vom Titel her nicht recht zum Sommer passen, sondern ist auch insgesamt recht düster und intim geraten. Während die U-Bahnen überlaufen sind von schwitzenden Menschen, die alle nicht mit der Hitze umgehen können, sitzt Katie Crutchfield im luftigen Overall im Michelsberger Hotel und versprüht ein angenehmes Maß an Ruhe. Es wäre etwas floskelhaft zu behaupten, dass man sofort sehe, dass sich da jemand selbst gefunden hat, doch hinsichtlich des großen Themas der neuen Platte geht diese Floskel vielleicht in Ordnung. 

Auf »Out In The Storm« geht es um eine Frau, die ihr Leben nach einer Trennung in den Griff bekommt. »Seine eigene Autonomie wiederfinden. Sich aus etwas befreien«, nennt es Crutchfield.  Sie ist es gewohnt, ihr Seelenleben nach außen zu tragen. Sie möchte es sogar ganz explizit. Auf die Frage, ob sie denn von einer imaginären Person schreibe, also einen literarischen Ansatz habe, schüttelt sie lässig, aber bestimmt den Kopf: »Das bin alles ich.« Jede Geste ist wichtig, ihre Mimik bestimmt. Man könnte fast meinen, hier sei ein Medienprofi am Werk. Doch Waxahatchee ist nicht etwa dem Businessplan einer großen Firma entsprungen, sondern Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses. Ein »slow burn«, wie Crutchfield es nennt. Über Jahre sind die Fanzahlen und positiven Artikel gestiegen, gleichzeitig sind ihre Platten gereift. Vor zehn Jahren, mit 18, startete sie mit ihrer Schwester Allison in ihrer Heimat Birmingham, Alabama das Duett P.S. Eliot. Mit ihrem Solo-Projekt Waxahatchee, das Crutchfield 2010 ins Leben rief, wuchs sie weiter in die Rolle der Musikerin – ihre Schwester blieb Teil des Projektes.
Die neuen Songs hat sie einfach direkt mit Band aufgenommen, was den Sound insgesamt von der »Bedroom«-Recording-Ästhetik in Richtung »Hi-Fi« verändert. Das Grundrezept der im Mittelpunkt stehenden Singer/Songwriterin bleibt unverändert. Für die Aufnahmen und die Produktion konnte Crutchfield einen großen Namen verpflichten: John Agnello, der unter anderem mit Sonic Youth und Dinosaur Jr. zusammengearbeitet hat und in den letzten Jahren als Produzent von Kurt Vile aufgetreten ist, brachte sein Know-how aus mehreren Jahrzehnten ein. »Out In The Storm« ist aber kein Produzenten-Album geworden; Fans von früheren Waxahatchee-Alben wie »Ivy Tripp« oder »Cerulean Salt« werden sich kaum umstellen müssen. »Ich nehme immer noch Sound-Ideen mit dem Handy oder anderen Recordern auf, meistens von der Seite des Gesangs. Daraus baue ich einen Song und überlege mir einen Text. Das hat sich nicht verändert«, erklärt Crutchfield und fügt hinzu, dass sie diesmal viel an der textlichen Seite gearbeitet habe. Das hatte auch persönliche Gründe: »Während ich bei ›Ivy Tripp‹ noch damit beschäftigt war, eine lyrischere Seite an mir zu finden und literarischer an die Sache ranzugehen, bin ich diesmal bei der Formulierung meiner Gedanken sehr viel konkreter geworden.« »Out In The Storm« ist trotz des aufwendigeren Sounds ihr persönlichstes, intimstes Werk, auf dem sie keine Ablenkungen zuließ; nicht mal musikalische Einflüsse: »Beim letzten Mal hatte ich noch Musik wie Tall Dwarfs im Kopf und wollte dementsprechende Synthie-Sounds oder Ähnliches einbringen. Diesmal war es viel intimer. Die Band und ich haben unseren Instinkten vertraut.« Das war wichtig, um die Geschichte und die Message zu vermitteln. Sie fragt sich diesmal, wie man wieder man selbst und autonom wird, sobald man sich von seinem Partner getrennt hat, »wie man all das los wird, was einen vergiftet hat«.

Interessant ist, dass sich Crutchfield dabei gar nicht um Objektivität bemüht und diese autobiografische Herangehensweise sogar als Plus sieht. »Die Platte ist tief verwurzelt in mir. Ich weiß nicht, ob das therapeutische Züge hat, aber ich schreibe seit jeher über Sachen, die aus mir rauswollen, die ich sagen möchte. Deshalb mache ich Musik«, fasst sie ihren eigenen Antrieb zusammen und nippt dabei an einer Dose Kokosnusswasser. Eine willkommene Abkühlung bei der Hitze.

Einen kühlen Kopf bewahrt sie auch im weiteren Gesprächsverlauf, obwohl wir zum Thema Politik kommen. Musik und Politik liegen für Crutchfield sehr nah beieinander. Zwar sei das Album noch vor Trumps Einzug in Washington entstanden, doch ganz ohne Kommentar zur aktuellen Situation kommt Katie Crutchfield nicht aus – als politische Künstlerin sowieso nicht. Schon seit jeher nennt sie die Riot-Grrrl-Bewegung als Referenz (in ihrer jetzigen Band spielt unter anderem Sleater-Kinney-Mitglied Katie Harkin) und sieht auch einen feministischen Auftrag in ihrem eigenen Tun. »Ich komme aus einer sehr kleinen Punk-Community, meine Schwester Allison und ich waren damals die einzigen Frauen. Bei vielen unserer Freundinnen bemerkten wir, dass sie sich auch musikalisch ausdrücken wollen, aber von der männlich dominierten Szene abgeschreckt waren. Die Sichtbarkeit von Frauen in der Szene ist so wichtig.« Umso glücklicher scheint Crutchfield, dass sich das seit ein paar Jahren wandelt: Immer mehr Frauen nehmen nun Drumsticks und Gitarren in die Hand – mit Role-Models wie Waxahatchee im Hinterkopf. Und mit den gleichen Mitteln der Selbstermächtigung und Aktion möchte Crutchfield auch Teil des Widerstands sein: »Das Ziel kann nur lauten: Communitys aufbauen, Festivals veranstalten, Spenden sammeln, sichtbar sein, Compilations machen. Und sich dann wieder am politischen Prozess beteiligen. Vielleicht ist dies das wirklich einzig Coole an Trump: Dass alle begreifen, dass sie wieder aktiv werden müssen.«

Waxahatchee

Out in the Storm (Deluxe Version)

Release: 14.07.2017

℗ 2017 Merge Records