×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ein Interview mit Nils Folckers

Was kostet der Spaß?

? Ist es tatsächlich der Staat, der vermehrt die Satire "bekämpft", in welcher Form auch immer, oder sind es vielmehr einzelne Vertreter der Politik, die zunehmend die Gerichte beschäftigen? ! Es sind hauptsächlich zivilrechtliche Fälle, in denen Personen oder Firmen gegen mißliebige Komik und Sati
Geschrieben am

Autor: intro.de

? Ist es tatsächlich der Staat, der vermehrt die Satire "bekämpft", in welcher Form auch immer, oder sind es vielmehr einzelne Vertreter der Politik, die zunehmend die Gerichte beschäftigen?
! Es sind hauptsächlich zivilrechtliche Fälle, in denen Personen oder Firmen gegen mißliebige Komik und Satire vorgehen, aber es ist schon der Staat, der mit seinem Standbein Judikative die Satire einschränkt, indem er bei Gerichtsprozessen überzogenen Schmerzensgeldforderungen stattgibt. Ein Beispiel hierfür wäre die Privatperson Björn Engholm, der von der "Titanic" DM 40.000 herausprozessierte, was die Satirezeitschrift - dank Gerichts- und Anwaltsgebühren - letztlich den Batzen von fast DM 200.000 kostete. Das sind Summen, die unabhängige, kritische Zeitschriften an den Rand des Ruins treiben können.
? Ist diese Entwicklung eine Besonderheit der Kohl-Ära? ! Nein, es ist eine Entwicklung der 90er Jahre. In der Frühzeit der Kohl-Ära, in den 80ern, wurden staatliche Stellen noch von sich aus aktiv und gingen strafrechtlich gegen mißliebige komisch-satirische Produktionen vor. Heute übernehmen Bürger diese Aufgabe, unterstützt von Anwaltskanzleien, die sich auf solch einnahmeträchtige Prozesse spezialisiert haben.
? Stimmt es, daß Kohl von sich aus nur in einigen, vereinzelten Fällen juristische Schritte gegen satirische Darstellungen seiner Person unternommen hat, obgleich er beispielsweise in der "Titanic" einen idealen Gegner finden müßte?
! Kohl ging bis jetzt juristisch nur gegen einen parodistischen Cartoon in der Penthouse-Ausgabe vom Januar '97, in dem seine Frau Hannelore als leichtgeschürztes Go-Go-Girl gezeigt wurde, vor. Das Ganze endete in einem Vergleich, über dessen Höhe die beteiligten Seiten leider Stillschweigen bewahren. Es gab in den letzten Jahren keinen Zweiten neben Helmut Kohl, der so häufig die Möglichkeit zum Prozessieren gehabt hätte - Helmut Kohl schwebt jedoch über den Dingen ... Es ist aber festzustellen, daß sich gerade die Show-Stars und Politiker durch satirische Darstellungen verletzt fühlen, die sich auf dem absteigenden Ast befinden.
? Die Justitiarin der "Titanic", Gabriele Rittig, ist in "Was kostet der Spaß?" mit dem bemerkenswerten Artikel "Der Preis der Satire" vertreten. In diesem sagt sie von sich, sie sei "die personifizierte Schere im Kopf der Titanic-Redaktion". Ist das bereits die vorauseilende Zensur, deren Grundlage die jüngsten Gerichtsbeschlüsse und Bußgelder sind, welche ja sicherlich auch abschreckend verstanden werden sollten?
! Ein Teil der Gerichtsbeschlüsse aus der letzten Zeit sollte mit Sicherheit abschrecken. So sagte der Richter, der den Polemiker Wiglaf Droste das letzte Mal zu einer hohen Schmerzensgeldzahlung verurteilte: "Schmerzensgeld heißt Schmerzensgeld, weil es weh tun soll." Eine eindeutig falsche juristische Interpretation! Gabriele Rittig ist schon seit längerem die behutsame "Titanic-Vorzensorin". So schildert sie, wie ihr von der Redaktion ein aus dem Internet heruntergeladenes Foto von Pamela Anderson präsentiert wurde, auf welchem diese "uns über einem recht prächtigen und erigierten Glied strahlend anlächelt, Überschrift: 'Elvis lebt'." Auf ihr Anraten hin wurde Pamela Anderson durch irgendein unbekanntes Damengesicht ersetzt. Der leicht pubertäre Witz leidet dadurch nicht.
? Mir ist beim Lesen der einzelnen Beitäge aufgefallen, daß es sich zumeist um literarische Formen der Satire im weitesten Sinne handelt, die mit Strafanzeigen konfrontiert wurden. Weshalb stellt sich dieses Phänomen nicht bei den immer populärer werdenden Comedy- bzw. Satire-Shows im Fernsehen ein?
! In unserem Buch haben wir uns fast ausschließlich mit Printmedien beschäftigt, da es schwer ist, ähnliche Fälle aus Fernseh-Shows oder mit satirischer Musik - wie z. B. von HANS SÖLLNER - in Buchform interessant zu dokumentieren. Das Buch soll schließlich, neben seinem wissenschaftlich-politischen Anspruch, auch amüsant sein.

NILS FOLCKERS / WILHELM SOLMS (Hg.)
Was kostet der Spaß? Wie Staat und Bürger die Satire bekämpfen
(Schüren, ISBN 3-89472-155-3, 120 S., DM 26,-)