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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Eine Liebeserklärung in 7 Gründen

Warum wir Lou Reed vermissen werden

Lou Reed ist gegangen. Viel zu früh natürlich, aber auf der anderen Seite weit jenseits des Alters von 27 Jahren, das gerade im Falle der Verbindung von Sucht und Leidenschaft, grenzenlos kreativer Strahlkraft und ungebremster Selbstzerstörung schon normal erscheinen. Lou Reed war anders. Er reißt ein Loch in die Pop-Kultur mit all dem, was ab jetzt fehlen wird. Hier sind nur sieben Aspekte von vielen...
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1. Lou Reed lebte schon früh als Ausgestoßener, musste damit leben und hat darüber geschrieben. Dealer, Fixer, Sinnsuchende. Seine Figuren, die er in den Straßen seines urbanen Dschungels New York gefunden hat, werden als Archetypen des Rock’n’Roll und der Gegenkultur fortbestehen. Das genaue Hinsehen müssen jetzt andere leisten.
 

 

2. Im artifiziellen Umfeld aus eigener Erfahrungswelt schöpfen, vom Drogenkonsum bis zur selbstzerstörerischen Liebe. » Schreib’ über das, was du lebst und leb’ wovon du schreibst« könnte ein Reed’scher Merksatz – besonders seines Frühwerks - lauten, stünde nicht der Kern dieses Gedankens dem Verfassen von Merksätzen diametral entgegen. Drogen bekamen jedenfalls aus schöpferischer Sicht selten einen besseren Ruf als bei Lou Reed.

 

 

3. In der Hochphase des kalten Krieges ins geteilte Berlin zu ziehen ist selbst nach heutiger Lesart antizyklisch, zumal für einen Amerikaner. Ob Reeds klaustrophobisches Album-Ungeheuer von 1973 der Auslöser für David Bowie und Iggy Pop war, wenige Jahre später in die Stadt zu ziehen, ist nicht verbrieft. Tatsache ist indes, dass das Trio für einige Jahre gemeinsam in einem Haus in Schöneberg wohnte und sich ausführlich der städtischen Heroin-Kultur hingaben.

 

 

4. Kennen wir viele, die es schaffen einerseits mit Avantgarde zu kitzeln, in der E-Kultur und im Museum anzukommen und andererseits Songs zu schreiben, die genauso simpel wie ikonisch ausfallen, dass sie sofort zu Pop-Standards werden?
 

 

 

5. Lou Reed war wenig gefallsüchtig und extrem eigensinnig. 1975 veröffentlicht er mit »Metal Machine Music« ein Album, das nur aus Gitarren-Feedback besteht. Der Fuck-Finger an Plattenfirma und Popsong-Fans. Normal hätte sowas keiner überlebt, witzelte er und legte den Grundstein für Drone-Musik.
 

 

 

6. Anfang der Nuller-Jahre, als Rock tot über’m Zaun hing, war es der Sound von Velvet Underground, der einer ganzen Generation junger Bands Inspiration zur Erneuerung gab. Lou Reed stand so sehr Pate für den Sound aus der Garage, dass Art Brut sich irgendwann in der Pflicht sahen, die Band wieder vom Sockel zu stürzen (in den Augen der alten Grantler bestimmt das beste Kompliment).
 

 

 

7. Auch wenn Lou Reeds Selbsteinschätzung, er hätte mit »Metal Machine Music« Heavy Metal als Genre begründet, ins Reich der Fabel zu verweisen ist, dürfen wir ihn dennoch dafür vermissen, dass er dem Heavy Metal in Gestalt seiner kommerziell erfolgreichsten Band die Literatur und das Theater nahebrachte. Auch wenn viele jetzt beweinen, dass »Lulu« ausgerechnet sein letztes Album war: es passt.