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Warum die Buchmesse ausfallen muss

Die Wahrheit

Kindle & Co. machen's möglich: Den toten Michael Jackson gibt es bald als Gehacktes im Internet: Der Wochenrückblick von Boris Fust.
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Kindle & Co. machen's möglich: Den toten Michael Jackson gibt es bald als Gehacktes im Internet. Der Wochenrückblick von Boris Fust.

Zum ungefähr letzten Mal findet dieser Tage in Frankfurt die Buchmesse statt. Derweil freuen sich die Lektoratsangestellten bereits auf neue berufliche Herausforderungen. Auf einer Podiumsdiskussion bei der c/o pop verliehen Abgesandte der posh brands Suhrkamp und Berlin-Verlag bereits ihrer Hoffnung Ausdruck, dass es dank elektronischer Dateilesegeräte bald ein Ende mit dicken Lyrikbänden habe und die Dichterschaft sich endlich gezwungen sähe, kurze, knackige Reime für das iPhone zu schreiben. Denn wenn insgesamt weniger geschrieben wird – da wird jeder Dichter und Denker zustimmen können –, wird auch weniger Unsinn geschrieben.

Die Zukunft liegt also in maschinenlesbarer Kalenderblattdichtung. Schon im kommenden Jahr kann man die Buchmesse guten Gewissens mit der Cebit in Hannover zusammenlegen. Das wäre ganz im Sinne der Berliner Firma Textunes. Der "Marktführer für aktuelle deutschsprachige Literatur auf Smartphones" hätte es dann nicht mehr so weit und träfe sicher auf ein interessiertes Publikum. Aktueller Programmhammer: Für nur vier Euro und 99 Cent gibt es die "21 schönsten Suren" des Korans als iPhone-App. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Heilige Schrift macht sich klein im Handgepäck auf United-Airlines-Flügen, und ein traditionell eher fortschrittskritisches Publikum lässt sich so zu early adopters erziehen.

Natürlich gibt es auch hierzulande noch Ungläubige, die die Wahrheit verleugnen, sich für die Rodung tropischer Regenwälder einsetzen und weiterhin an die Unsterblichkeit der Holtzmedien glauben. Das Argument ist so alt wie der Untergang der Tonträgerwirtschaft: So wie Musikhörer auf das Rascheln der Folienumverpackung von Kauf-CDs nicht verzichten wollen, so benötigten die Lesefreunde das haptische Erlebnis, das nur ein Buch biete. Dabei lassen sich bereits die nun auf dem Markt kommenden E-Reader – die zweifelsohne technisch noch nicht ausgereift sind: So fehlt beispielsweise eine Digitalkamera, mit der sich Passanten fotografieren und ins Internet stellen lassen – recht einfach nachrüsten, beispielsweise mit dem typischen Geruch alter Bücher.

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Kindle & Co. machen's möglich: Den toten Michael Jackson gibt es bald als Gehacktes im Internet. Von Boris Fust

Dem Durchbruch des digitalen Lesens steht also nichts im Wege. Zahlreiche attraktive Titel stehen schon zur Verfügung. Ein bekannter Internetversandhändler verkauft das 457 Kilobytes große "The Michael Jackson Tape" für 14 Dollar und 27 Cent und schafft mit dieser Hochpreispolitik einen hübschen Anreiz, sich dieses unentbehrliche Standardwerk als Gehacktes irgendwo kostenlos herunterzuladen. Vielleicht lässt sich auf einem solchen Wege ja beizeiten auch "I Slept With Joey Ramone" beschaffen, der zur Stunde noch nicht erschienen ist – weder als Buch noch Datei. Klar ist aber: Der von Mickey Leigh, dem Bruder des Ramones-Sängers, geschriebene Memoirenschinken soll als Biopic verfilmt werden. Natürlich muss man deshalb nicht gleich bei Siebentageregenwetter ins Kino rennen: Es findet sich sicher einen Weg, Buch und Film gleichzeitig auf ein Telefon zu streamen.

Ob das die Zukunft ist? Daran wird gezweifelt. Telefone und E-Reader bieten kein haptisches Erlebnis, sagen Kritiker, weil man sie ja nicht anfassen kann. Nick Cave aber beispielsweise will angefasst werden und sucht daher noch Wege, sich haptisch erfahrbar zu machen. In der australischen Stadt Warracknabeal will er daher die Zukunft schon bald beginnen lassen, setzt dabei aber vollkommen auf eine analoge Technik, die bereits zu Zeiten von Gutenberg bekannt war: die der Statue. Denn die bietet große Möglichkeiten, nicht nur im Non-Fiction-Bereich: Die Skulptur soll Cave nackt zu Pferde zeigen. Aus Gründen der Pietät und des Pietismus will er das Vorhaben erst zu einem späteren Zeitpunkt umsetzen, etwa dann, wenn das Alte Testament sich per UMTS auf Digitaluhren streamen lässt: "Im Moment ist es wegen chronischer Dürre und der anhaltenden Rezession ziemlich schlecht um die Stadt bestellt2, so Cave. 2Es wäre im Augenblick ziemlich geschmacklos, vor den Augen der Bewohner eine goldene Statue zu errichten."

Lesen Sie nächste Woche: Wie mühselig der Transport analoger Güter ist, wie die sechzigsekündige Lieferzeit einer Kindle-Datei den Backstreet Boys beim Ausheilen der Schweinegrippe behilflich ist und wie leicht Internetpasswörter dem sogenannten "Fisting" zum Opfer fallen können.