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Sheenas Herausforderung

Warpaint im Gespräch

Wenn eine Band ankündigt, mit dem neuen Album ihren Sound verändern zu wollen, kann das Ergebnis ziemlich gut oder verdammt übel klingen. Warpaint ist Ersteres gelungen. Auf »Heads Up« haben sie genug Veränderung zugelassen, um zu überraschen. Sie wirken dabei aber immer noch genauso wunderbar wie einst auf ihrer Debüt-EP »Exquisite Corps«. Lena Ackermann hat Bassistin Jenny Lee Lindberg in Berlin getroffen. 
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Jenny Lee Lindberg sitzt in einem Friedrichshainer Innenhof und zündet sich eine Zigarette an. Neben ihr steht ein angefangener Sojamilch-Latte, den die Sonne langsam verdampfen lässt. Der Kaffee gehört Gitarristin Theresa Wayman, die eigentlich auch noch dazukommen sollte. Bis vorhin war sie mit einem Telefoninterview beschäftigt, jetzt hat sie sich ins Hotel verzogen. Interviews gebe sie doch lieber alleine, wird mir zugeflüstert. Tatsächlich soll die Band in Interviews schwierig sein. Trockener Humor und ständige Themenwechsel schaffen schwere Voraussetzungen für Journalisten. Doch Jenny Lee ist gut gelaunt. Sie zieht an ihrer Zigarette, fährt sich durch die ausgebleichten, verwaschenen rosa Haarspitzen und rückt ihre schwere, braune Lehrerinnen-Hornbrille zurecht. Sie verströmt einen angenehm schweren Blumenduft, der locker den Zigarettenrauch überdeckt. »Wir arbeiten seit zwölf Jahren zusammen. Und es war nicht immer einfach. Ehrlich gesagt ist es eine ziemliche Herausforderung, mit drei anderen Frauen in einer Band zu spielen. Drei starke Frauen, von denen jede sehr talentiert und großartig ist. Was uns am stärksten verbindet ist die Tatsache, dass wir enge Freunde sind. Wir können sehr ehrlich miteinander umgehen. Und unsere Freundschaft erlaubt uns eine ganz bestimmten Tiefe, die unsere Musik maßgeblich bestimmt.«

Seit der Veröffentlichung ihrer ersten EP »Exquisite Corpse« im Jahr 2008 geht die Karriere der vier Damen steil bergauf. Lindbergh kommentiert den Werdegang etwas zurückhaltender: »Ich war immer zufrieden mit dem jeweiligen Level unseres Erfolges. Wir sind nicht direkt an die Spitze geraten. Wir haben sehr hart für unsere Karriere gearbeitet. Unser Erfolg fühlt sich gut an, weil er kein Märchen, sondern das echte Leben ist.« Das erste Warpaint-Album »The Fool« war eine ätherische Reise ins melancholische Herz des psychedelischen Rock’n’Roll. Mit Songs, die so mystisch und düster sind, als zöge Robert Smiths roter Lippenstift unendliche Schlieren durch eine dunkle Unterwasserwelt. Doch schon mit ihrer zweiten Platte hat sich die Band aus dem Untergrund näher an die Oberfläche gewagt und die schwarze Warpaint-Tiefsee mit kräftigeren Beats aufgewühlt. Das dritte Album sei für sie eine Evolution, hatte Lindbergh im Vorfeld angekündigt. 
Tatsächlich klingen Warpaint auf »Heads Up« anders: fokussierter, weniger verwaschen, tanzbarer. Der Band ist es gelungen, ihren sirenenhaften Sound zu perfektionieren, ohne ihn tiefgreifend zu verändern. »Wir wussten ganz genau, was wir wollten. Wir sind direkter geworden. Wir wollten einfach mehr Experimente zulassen. Rückblickend fanden wir, dass unser letztes Album ein wenig zu festgelegt geklungen hat«. Die Essenz dieser Experimente ist von einer Energie geprägt, die langfristig ein noch breiteres Publikum ansprechen kann. Ungewöhnlich ist der Ansatz, mit dem die Band ihren Klang revolutioniert hat: Um zu einem neuen Sound zu finden, holten sie sich mit Jacob Bercovici den Mann an Bord, der ihre erste EP produziert hat. Außerdem ist das Album mit nur fünf Monaten Studiozeit für Warpaint-Verhältnisse ungewöhnlich schnell entstanden. »Daran kann man erkennen, dass wir seit zwölf Jahren miteinander arbeiten. Wir sind besser darin, Dinge nicht ständig zu hinterfragen, nicht zu viel zu analysieren. Wir vertrauen unseren ersten Instinkten und haben dadurch größere Freiheiten.«

Im Gegensatz zu den letzten Aufnahmen, bei denen sich die vier unter anderem in einer Wüste kurz hinter Los Angeles trafen, ist die aktuelle Platte ausschließlich im Studio entstanden. Anstatt wie damals von nervösen Anwohnern wegen einiger Songzeilen mit Satanismus in Zusammenhang gebracht zu werden, wurde im Studio vor allem gelacht. Ganz so ausgelassen klingt »Heads Up« natürlich nicht, aber ein Stück positiver wirkt die sphärische Melancholie der Band schon. Zu hören ist das im erfrischenden »New Song«, dem äußerst tanzbaren »So Good« oder dann, wenn die vier in »By Your Side« die Zeile »Now I know I’m not alone, got my girls, I’m not alone« singen. 
In ihrem ersten, großen Artikel wurden Warpaint als »Königinnen des Underground« gefeiert. Damals wurden die vier auch als »die weiblichen Nirvana« bezeichnet, eher wegen ihrer Grunge-Klamotten, weniger aufgrund der Musik. In der Aufmachung von »Heads Up« zeigen sich die Frauen kaum noch wie Nirvana, sondern eher wie ein feminines Gegenstück der Ramones. Man fühlt sich an deren legendäres »Rocket To Russia«-Cover aus dem Jahr 1977 erinnert. Da stehen die vier New Yorker Punk-Ikonen in einer versifften Seitengasse, direkt um die Ecke des berühmten CBGB. Damals hatten die Ramones die drei Punk-Akkorde perfektioniert und mit ihrem dritten Album und Hits wie »Sheena Is A Punkrocker« den kommerziellen Durchbruch geschafft. Auf dem Cover von »Heads Up« steht der Bandname in den gleichen stolzen, rosaroten Versalien wie einst bei den Ramones. Aber im Gegensatz zu Joey, Johnny, Dee Dee und Tommy zeigen Jenny Lee, Emily, Theresa und Stella darauf nur ihre schwarz-weißen Silhouetten. Die vier Kalifornierinnen stehen mit dem Rücken zur Kamera, halten sich an den Händen und blicken aus dem Fenster ihres Proberaums ins grelle Licht von Los Angeles. Jede von ihnen wäre eine perfekte Vorlage für »Sheena«, die Protagonistin aus dem Ramones-Song, die archaische Dschungelkönigin und moderne Punk-Sirene. Sie scheinen ganz genau zu wissen, was sie wollen. Warpaint sind bereit für den großen Erfolg.

Warpaint

Heads Up

Release: 23.09.2016

℗ 2016 Rough Trade