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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Klaus Fiehe

Wann kommt der Nachtzug?

Ich mochte Harry Ellbracht. Als er in unsere Stadt kam, war sein alter Verein, der 1. FC Saarbrücken, gerade aus der Bundesliga abgestiegen. Harry war weit über dreißig und etwas lauffaul, verfügte aber über einen satten Schuss und spielte eine gute Saison. Als an deren Ende ausgerechnet ein Elfmete
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Ich mochte Harry Ellbracht. Als er in unsere Stadt kam, war sein alter Verein, der 1. FC Saarbrücken, gerade aus der Bundesliga abgestiegen. Harry war weit über dreißig und etwas lauffaul, verfügte aber über einen satten Schuss und spielte eine gute Saison. Als an deren Ende ausgerechnet ein Elfmeter gegen TB Berlin den Aufstieg in die zweite Liga hätte besiegeln können, schnappte Harry sich das Leder und drosch es zum Entsetzen der Zuschauer in die Wolken. Ich nahm ihm das nicht sonderlich übel. Harry wollte nicht aufsteigen, er wollte ausklingen lassen. Ich weiß, diese langsam ins Nirvana driftenden Karrieren sind nicht jedermanns Sache, manche beharren auf einem Abschiedsspiel, andere schießen sich eine Kugel in den Kopf. Aber ich mag sie. Als wir mit unserer Band damals zur Eröffnung eines Autohauses spielten - ein fürchterliches Missverständnis -, bestaunte ich den Mann hinter der Gulaschkanone wie ein exotisches Tier. Der hieß Jürgen Blin und hatte es früher bis zum Box-Europameister gebracht. Im U-Bahn-Dschungel hinterm Hamburger Hauptbahnhof führte er einen Imbiss. Nach der Show von DJ Shadow zuletzt im Mojo-Club suchte ich den allerdings vergeblich. Blins Stand schien wie vom Erdboden verschluckt. Dafür ist John Doe wieder aufgetaucht. Gut zwanzig Jahre nach der L.A.-Punk-Explosion, mittendrin seine damalige Band X, kommt er mit einem weiteren seiner recht zahlreichen Spätwerke: The John Doe Thing, "Freedom Is ..." (Twah! Records). Und gibt den alternden Desperado, der noch einiges zu erledigen hat, bevor er das Buch zumacht: eine Entschuldigung hier ("If I twisted your mind ..."), ein verspätetes Eingeständnis da ("... for a couple of drinks"). Irgendwie versonnen geklimpert und geklampft, gebrochen schön, fahrig und urplötzlich genial: Über den grandios gebauten und gesungenen Song "Ultimately Yrs" wölben sich herzbrechende Gitarren-Glissandos, Keyboarder Money Mark markiert den Horizont mit feinen Strings, umwerfend. Das dreiköpfige Produktionsgespann Horsepower Productions ist ein noch relativ gut gehütetes Geheimnis aus dem Süden Londons und steht für lockere Garagebeats in Dub. Der soeben veröffentlichte Track "Fat Larry's Skank" (Tempa 007) - witzig! und sexy!!! - kontrastiert leichtes, meditativ-asiatisches Querflötenspiel mit klassischen Dschungel/Jungle-Sounds, bad-ass-vibrierende Subbässe mit zahllosen Gewehr- und Vocal-Samples aus B-Movies. Die drei hatten bei allen bisher veröffentlichten Tempa-12-Inches ihre Hände im Spiel, echte Must-Haves, dazu Tracks auf dem Turn-U-On-Label des ehemaligen Krokodilfängers Nico Sykes. Weiter empfehlenswert: "Return To E" von Re-Animator inkl. Horsepower-Remix (Vertical Drop 003). Tatort Wien: Kevin Martin (Techno Animal / Godflesh) alias The Bug feat. Daddy Freddy & Tikiman mit zwei Tracks auf dem dortigen Klein-Label (kl005) - bleiern, dubby, gut. "Quiet Is The New Loud" war in 2001 mehr als nur ein Album-Titel der Kings Of Convenience aus Bergen, Norwegen. Wer wollte, konnte den Spruch als roten Faden sloganhaft durchs ganze Jahr ziehen. Der ebenfalls aus Bergen stammende Evan Johansen hatte bereits ein Jahr zuvor als Magnet sein hier nie erschienenes Debüt veröffentlicht: "Quiet And Still". Über das Londoner Breakbeat-Label Ultimate Dilemma erscheint nun die EP "Where Happiness Lives". Ziemlich gut, eine Art Country-Electronica. Der Titelsong kommt als hübsch federnder Folk-Shuffle in Simon&Garfunkel-Manier, weitere drei Tracks schießen atmosphärische Single-Notes im Ry-Cooder-Stil durch die trippigen Kulissen. Der NME hat schon vernehmlich gehustet - zu Recht. Aber davon wird niemand hier im Dorf die Grippe bekommen und erst recht keiner sterben. Das läuft anders. Vor der Auslage eines Secondhand-Recordshops in der Nähe des Dortmunder Bahnhofs bleibe ich in diesen Nächten oft stehen wie vor einem Grab. Einträchtig nebeneinander liegen dort zwei Alben von Nirvana und Corinna May: "Nevermind" und "Wie Ein Stern". Es grenzt an ein Wunder, dass ich darüber nicht den Zug versäume. Alles Gute.