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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wahre Liebe

Jede zweite Ehe wird geschieden, und die Großstädte sind fest in der Hand eingeschworener Singles. Trotzdem: Es gibt sie, die wahre Liebe. Es ist die Liebe der echten Fans zu ihren Stars. Was Hingabe angeht, können selbst die leidenschaftlichsten Liebespaare nur schwer mithalten: Echte Fans träumen
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Jede zweite Ehe wird geschieden, und die Großstädte sind fest in der Hand eingeschworener Singles. Trotzdem: Es gibt sie, die wahre Liebe. Es ist die Liebe der echten Fans zu ihren Stars. Was Hingabe angeht, können selbst die leidenschaftlichsten Liebespaare nur schwer mithalten: Echte Fans träumen Tag und Nacht von ihrem Idol. Ihre Wohnungen sind Schreine, die sie ihren musikalischen Gottheiten weihen, Wände und Schränke voll von Devotionalien. Sie hören ihrer großen Liebe stundenlang zu, andächtig schweigend. Sie reisen bis ans Ende der Welt und stehen stundenlang im Regen, um den anderen zu sehen, selbst wenn es nur für Sekunden ist. Böse Zungen behaupten zwar, dass Ohnmachtsanfälle auf Konzerten nicht durch den Anblick der Bühnenstars bedingt sind, sondern dadurch, dass das Blut vom langen Stehen in die Beine wandert – jeder wahre Fan würde einem solchen Frevler gegenüber Nena zitieren: “Du kennst die Liebe nicht!”

Autogrammjäger zählen streng genommen nicht zur Gruppe der Fans, denn ihre Leidenschaft beschränkt sich nicht auf einen bestimmten Star, sondern gilt dem Prominentenkult an sich. Um im Bild zu bleiben: Fans sind ihrem Partner treu, Autogrammjäger sind hinter jedem Rock(-Star) her. Die Liebe der echten Fans ist – anders als bei Groupies – eine platonische. Wenn Fans mit ihren Stars schlafen, dann nur, weil das Konterfei ihrer Idole auf die Bettwäsche gestickt ist.

Bettwäsche von seinen Idolen hat Ralph Metzger nicht. Trotzdem erkennt jeder, der seine Wohnung betritt, auf den ersten Blick, was seine Lieblingsband ist. Der Krankenpfleger ist ein Deadhead. Was klingt wie ein Schimpfwort aus der amerikanischen HipHop-Szene, meint, dass Ralph ein Grateful-Dead-Fan ist. Dass die Band sich bereits vor acht Jahren aufgelöst hat, hält den 47-jährigen Webmaster der Fan-Site www.germanheads.de nicht davon ab, sein Domizil in ein Grateful-Dead-Museum zu verwandeln: Tie-Dyes (T-Shirts in einer speziellen Batik-Technik – die “Uniform” der Deadheads) überziehen die halbe Wand seines Wohnzimmers. Das Arbeitszimmer ist tapeziert mit Backstage-Karten und überdimensionalen Postern mit Plattencover-Motiven: der Fiddler (Teufelsgeiger), ein Totenkopf mit dem Blitz der Erkenntnis, tanzende Bären, Schildkröten – was man eben als Maler Ende der 60er so im Kopf hatte auf einem LSD-Trip.

Die Anhänger von Grateful Dead und ihren Erben, den sogenannten Jam-Bands, gelten als Hardcore-Fans, für die der Kult nicht nur ein wichtiger Teil des Alltags ist, sondern ein Lebensgefühl. Ralph erzählt, was die Deadheads so besonders macht: “Das ist eine eigene, abgeschlossene Welt. Viele Deadheads bezeichnen sich noch heute als Hippies, leben eine Gegenkultur, die geprägt ist von Anarchismus im Sinne von Selbstverantwortlichkeit und Toleranz. Ein Beispiel: Wenn man sich anrempelt, kann das bei anderen Konzerten zu unguten Situationen führen. In unserer Szene lächelt man sich an, und beide sagen ‚Entschuldigung‘.”

Ralphs Definition eines Fans: “Für einen richtigen Fan ist die Musik genauso wichtig wie seine Familie. Ein wahrer Fan denkt von seiner Band in kritischer Liebe. Er liebt seine Musiker, aber er akzeptiert nicht jede Blähung, die sie von sich geben, als Meisterwerk. Ein echter Fan respektiert auch das Privatleben seiner Lieblinge.”

Mit letzterem Punkt haben einige wenige Fans ein Problem, von dem Prominente wie Madonna, Stevie Nicks (Fleetwood Mac), Jerry Lewis und Eminem ein Liedchen singen können (in Eminems Fall heißt das Liedchen Stan.) Anhänger sind freilich anhänglich, doch in manchen Fällen gehen Fans einen Schritt zu weit in die Richtung ihres Idols. Es gibt Menschen, die so besessen sind vom Objekt ihrer Begierde, dass sie per Polizeigewalt und/oder Gerichtsbeschluss von ihm getrennt werden müssen. Brad Pitt zum Beispiel stellte eines schönen Abends fest, dass eine fremde Frau im Bett seines Hauses in Santa Monica lag und dabei seine Klamotten trug, weil sie ihm möglichst nah sein wollte.

“Musik ist so wichtig wie Familie”

Psychologen nennen solche Menschen “Stalker”. Die Polizistin Marcia Clark hat des öfteren mit Stalkern zu tun. Kein Wunder, ihr Revier ist die Star-Hochburg Los Angeles. Sie sagt: “Wenn ein Prominenter freundliche Gesten macht, zum Beispiel in die Kamera lacht, bekräftigt er die Obsession eines Stalkers. Ein Stalker missdeutet jedes Signal für Nähe als individuelle, persönliche Beziehung zwischen ihm und dem Star. Prominente sollten sich also gut überlegen, ob sie ihre Fanpost selbst beantworten und in Interviews erzählen, was für ein Auto sie fahren oder wo sie wohnen.”

Fan und Fanatismus trennen nur wenige Buchstaben. Das zeigte sich auch in der Nacht zum 8. Dezember 1980. Mark David Chapman wartete auf John Lennon vor dessen Appartement und jagte ihm ein paar Kugeln aus einem 38er-Revolver in den Rücken, nachdem er sich am Nachmittag ein Lennon-Album hatte signieren lassen. “Ich war ein Nobody”, sagte Lennon-Mörder Chapman, “bis ich den größten Somebody der Welt tötete.”

Robbie Williams wurde zwar nicht erschossen, immerhin aber mal von der Bühne geschubst. Sicher fühlt er sich nicht mal in seinen eigenen vier Wänden: “Manche Menschen sagen zu mir: ‚Für all die Millionen, die du verdienst, musst du dich eben mit ein paar Leuten vor deinem Haus abfinden.‘ Aber wenn du 24 Stunden am Tag verfolgt wirst, hast du kein Leben. Du stehst unter permanenter Beobachtung. Es wird zu einer traumatischen Erfahrung, das Haus zu verlassen. Und das raubt dir deine Männlichkeit, denn am liebsten würdest du losziehen und die Typen verprügeln. Aber das kannst du nicht.”

Joey von der Kelly Family ist da anderer Meinung. Er bewies: Du kannst das. Und liefert damit eines der wenigen Beispiele, bei denen der Star gefährlicher für den Stalker ist als umgekehrt. Als die Österreicherin Claudia und ihre beiden Freundinnen ihn bedrängten, rastete Kelly aus: Er beschimpfte das anhängliche Verfolgertrio als “Schlampen”, schlug mit bloßer Faust die Fensterscheibe ihres Wagens ein und verbeulte die Fahrertür. Joeys Entschuldigung: “Das waren keine Fans, sondern Monster. Die sehen aus wie Gestalten aus einem Horrorfilm. Und das noch mit 30 Kilo Übergewicht.”

Liebe macht bekanntlich blind. Deshalb verzieh die Anhängerschaft der Kelly Family ihrem Idol. In den Internet-Foren ihrer Fangemeinde liest man über Joeys Ausrutscher: “Die Kellys sind so nett. Und was machen Fans wie Claudia? Sie zerstören sie seelisch. Joey hat keinen anderen Ausweg gewusst. Und es tut ihm ja auch leid.”
Telefonterror und musikalische Rache
Es gibt auch andere Mittel, sich zur Wehr zu setzen, wenn Fan-Tourismus in Fan-Terrorismus übergeht. In Telefonterror beispielsweise. In seinen Tour-Tagebüchern erinnert sich der ehemalige Ärzte-Bassist Hagen Liebing an “Meine Jahre mit ‚Die Ärzte‘” und denkt mit Schrecken an “die fette Elke”, jenes “penetrante Fanmädchen, das immer wieder anrief und uns belästigte, bis ihr Jan schließlich androhte, dass er beim nächsten Anruf ein Lied über sie verfassen würde, das dann bestimmt nicht herzlich ausfiele. Der Umstand, dass dieses sich auf ‚Das Ist Nicht Die Ganze Wahrheit‘ befindet, lässt ahnen, dass Elke sich von dieser Ankündigung eher noch zu weiterem aufdringlichen Handeln aufstacheln ließ.”

“Die fette Elke” ist leider kein Einzelfall. Es gibt ja auch noch “Blumenkohl”, einen weiblichen Ärzte-Fan, dem die Band aufgrund seiner Frisur diesen Spitznamen gab. The Incredible Hagen schreibt am 24.10. 1987 in sein Tagebuch: “Für manche Fans ist offenbar nicht die Zuneigung ihrer Stars wichtig, sondern lediglich, dass sie immer und immer wieder von ihnen wahrgenommen werden. Allein dieses Wahrnehmen – und sei es aus Verachtung – ist ihnen ein Erfolg. Das Wort Stalker kannten wir damals noch nicht, Blumenkohl hätte es verdient gehabt.”

“Heulsuse! Hackfresse!”

Die Schattenseite des Ruhms mussten auch die angeblich von Deutschland gesuchten und gefundenen Superstars früh kennen lernen. In ihrer Fanpost wurde Juliette als “Heulsuse” beschimpft, der man alsbald “die Hackfresse” einzuschlagen gedenke. Daniel solle derweil seine Brille verlegen und am Bahnhof auf die Schienen geraten, “möglichst, wenn ein ICE kommt”. Notfalls sei man dem “schwulen Irrenhaus-Schlumpf” dabei auch behilflich. Zum Glück für Daniel und die anderen Bohlen-Sternchen verhalten sich die meisten Fans aber nicht wie schwule Irrenhaus-Schlümpfe, sondern weitgehend harmlos. Vielleicht abgesehen davon, dass sie karierte Socken und Armstulpen tragen oder sich im DSDS-Forum im Internet “positive Energien” mit mindestens zwölf Ausrufezeichen wünschen. Jeder hat eben die Fangemeinde, die er verdient.

Apropos Verdienst: Manche Fans opfern ihren Jahresurlaub, um ihrer Lieblingsband hinterher zu reisen. Echte Fans sind süchtig. Und die Auswirkungen dieser Sucht sind manchmal genau so folgenschwer wie Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht. Wenn Martina über ihr Idol spricht, klingt das, als würde sie von ihrem Freund schwärmen: “Mein ganzes Leben dreht sich nur um Daniel. Er ist der erste Gedanke, wenn ich aufwache, und der letzte Gedanke, wenn ich einschlafe.” Die 20-jährige ist pleite wegen Daniel. Weil sie jeden Zeitungsausschnitt, jedes Foto, jedes Poster, jede CD von dem bayerischen “Superstar” haben wollte. Ihren Job verlor die Verkäuferin, weil sie keine Folge von “Deutschland Sucht Den Superstar” versäumen wollte und deshalb jeden Samstag krankfeierte.

Es gibt Fans, die noch weiter gehen als Martina. Der auf Kondolenz-Karten beliebte Spruch “Liebe ist stärker als der Tod” gilt für die seltene Kategorie der psychisch labilen Fans. Als Kurt Cobain sich sein Leben noch einmal durch den Kopf gehen ließ, folgten ihm einige Fans ins Nirvana. “Ich liebe Kurt. Und ich werde ihn im Tod wieder finden”, schrieb die 13-jährige Französin Valentine, bevor sie zur Pistole ihres Vaters griff und mit einer Schulfreundin Doppel-Selbstmord beging. In besonders harten Fällen muss ein Künstler gar nicht erst sterben, um die Todessehnsucht von Fans zu wecken: Das Ende von Take That beispielsweise lief ohne tragische Todesfälle innerhalb der Band ab. Dennoch führte die Auflösung der Boygroup – trotz der Einrichtung einer Telefonseelsorge-Hotline, die sich einzig dem Thema Take That widmete – zu Selbstmordversuchen verzweifelter Teenager. “Mann, wir waren doch nur eine Band”, sagt Ex-Mitglied Robbie Williams dazu. “Ist es nicht verrückt, dass Fans so extrem reagieren?”

“Es wurde immer schlimmer!”

In den Augen von Klaus Derkels, Leiter des Bruce Springsteen-Fanclubs “The Wish”, fängt der Wahnsinn nicht erst beim Suizidversuch an. Für Klaus überschreitet schon jemand die schmale Grenze von Fan zu Fanatiker, der vor dem Hotel übernachtet, um einen Blick auf Michael Jacksons neueste Nase zu werfen. “Solche Extreme gibt es natürlich auch unter den Springsteen-Fans, aber es ist nicht so verbreitet wie beispielsweise bei Michael-Jackson-Fans.” Wenn schon, dann übernachtet Klaus nicht vor, sondern im Hotel, in dem der amerikanische Rockstar logiert. Um ihm dann eine Ausgabe seines selbst produzierten Fanzines in die Hand zu drücken. Auf das Heft für die 200 Mitglieder von “The Wish” ist Klaus stolz: “Unsere Vorgänger haben das Fanzine einfach auf Schreibmaschine geschrieben. Unseres machen wir mit einem DTP-Programm am Computer und in Farbe.” Springsteen hat sich seinerzeit höflich bedankt für die kostenlosen Probe-Exemplare. “Ob er sie gelesen hat, ist eine andere Frage”, meint Klaus. Auf manche Fragen will man gar keine Antwort bekommen.

Der Beginn seiner Leidenschaft für Bruce Springsteen beruht auf einem Missverständnis: “Ich bin ein großer Amerika-Fan und fand in den 80ern automatisch alles gut, was aus den Staaten kam. ‚Born in the USA‘ war der erste Springsteen-Song, den ich hörte. Ich hielt ihn für eine Hymne auf Amerika. Dass der Song kritisch gemeint war, habe ich erst Jahre später kapiert.” Die Begeisterung für den Songwriter blieb auch nach der Aufklärung dieses Missverständnisses ungebrochen. Mehr noch: “Es wurde immer schlimmer. Ich musste alles haben, was man von Springsteen sammeln kann – Fanartikel, Bücher, Platten. Ich war in meiner Freizeit ständig unterwegs, um alle Plattenbörsen abzugrasen. Wenn irgendjemand eine Japan-Pressung verkaufte, bin ich hingefahren, egal, wo das war.” Sein ganzer Stolz ist eine Promotion-Acetat-Platte, angeblich der erste Vordruck zu einer Serienproduktion. “Ich habe sie für 450 Mark bekommen. Leute, die sich damit auskennen, raten mir, sie nicht unter 1.000 Euro abzugeben. Aber selbst wenn mir jemand 5.000 Euro zahlen würde – so etwas gibt man nicht mehr her.”

Dass Klaus ein echter Springsteen-Fan ist, erkennt man nicht daran, dass er dieses Prunkstück seiner Sammlung niemals verkaufen würde. Sondern daran, dass er die Platte noch nie abgespielt hat: “Dazu ist sie mir zu schade. Ich hätte Angst, dass was damit passiert. Jeder Kratzer mindert den Wert.”

Klingt so absurd, als würde man mit der erotischsten Frau der Welt nicht schlafen wollen, obwohl man die härteste Erektion seines Lebens hat. So ist sie eben, die wahre, platonische Liebe.