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Vor Freude trommeln: So war's in Düsseldorf!

Arcade Fire live

Gibt es noch Spielraum in der Champions League des Rock? Arcade Fire schaffen es auch in der vollen Düsseldorfer Philipshalle, ihre ganz eigene Faszination zu wahren.
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Gibt es noch Spielraum in der Champions League des Rock? Arcade Fire schaffen es auch in der vollen Düsseldorfer Philipshalle, ihre ganz eigene Faszination zu wahren.

29.11.2010, Düsseldorf, Philipshalle.

Manchmal kommt es vor, dass Konzertereignisse in großen Hallen auf den Besucher wirken, als würde er fernsehen. Da spielen dann Bands mit perfekt durchchoreographierter Show, aber ohne jedwede emotionale Interaktion oder die besondere Überraschung, den besonderen Knalleffekt. Das ist verständlich, schließlich steigt mit den Besucherzahlen der Druck, Erwartungen zu befriedigen. Es ist schwierig, aus diesen Gesetzen auszubrechen, gerade als Band, die noch nicht die Routine runder Jubiläen besitzt.

Arcade Fire sind mit ihrem dritten Album "The Suburbs" definitiv in der Champions League angekommen. Überragende Verkäufe und Medienpräsenz weltweit, außerdem eine breite Fanbase, die dreistellig die Tage bis zum lang erwarteten Aufeinandertreffen via Konzert herunterzählt. Wie kann eine Band da ihre Unbekümmertheit und Euphorie aufrechterhalten, also die Elemente, die die Kanadier einmal ausmachten? Eine erschwerte Aufgabenstellung, aber Arcade Fire meistern sie an diesem Abend in Düsseldorf so bemerkenswert, dass sich gegen Ende der anderthalb Stunden sogar die faulen Alten auf der rückwärtigen Tribüne von ihren Plätzen erheben.
Was dabei hilft, ist ein gutes Stück Arglosigkeit und natürlich groß angelegte Songs. Die Stücke Arcade Fires gehen gerne ins Epische, ihre Instrumentenpark füllt immer noch ganze Busse, außerdem folgen sie einer zwar vielschichtigen, aber dennoch oftmals simplen Dynamik, die Menschen mitreißt. Es ist mitreißend, wenn acht Leute in wehenden Gewändern über die Bühne wetzen, mit Geigen wedeln und Trommeln in der Luft spielen. Der tatsächliche musikalische Effekt dieser Aktionen ist dabei zweitrangig. Es zählt eine Geste, die eng mit dem Erleben von Livemusik verknüpft ist. Arcade Fire machen uns glauben, dass sie tatsächlich jeden Abend ausrasten vor Freude darüber, vor 5000 Fans spielen zu können. Gute Lügner, perfekte Schauspieler oder echte Enthusiasten reinsten Wassers?




Nach Ende der Show kann man nicht anders, als zu letzterer Option zu tendieren. Arcade Fires Set ist gespickt mit Höhepunkten und nicht zuletzt einer enorm flexiblen, pfiffigen und wirkungsvollen Lichtshow. Spätestens beim vierten Song, "No Cars Go", erreichen sie die Reiseflughöhe, die sie bis zum Ende nicht mehr verlassen. Sie schaffen es, die Leichtigkeit und das verschrammt Spielerische kleinerer Clubshows auf der großen Bühne zu reproduzieren, glaubhaft. Dazu passt die beinahe demütige Freundlichkeit Win Butlers, der wirkt, als könne er die Zugkraft seiner Band immer noch nicht fassen. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Ihr Set lässt kreatives Potenzial offen. Arcade Fire sind keinesfalls am Ende der Fahnenstange angelangt, es ist noch Luft nach oben. Das zeigt auch die ganz persönliche Wahl ihres Support-Acts, der Hardcore-Band Fucked Up um den grunzenden Derwisch Damian Abraham. Ein Kulturschock mit Kalkül, der von den Fans in der Philipshalle milde abgenickt wird. Auch wenn sich Fucked Up in kleineren Clubs sicher deutlich besser entfalten, sendet ihre Verpflichtung ein klares Signal: Arcade Fire sind groß, ja, verdammt groß sogar. Aber stromlinienförmig sind sie deshalb nicht. Vor allem das lässt ihren Stern heller leuchten als die der anderen Rockstars dieser Zeit.