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Das grande Ganze

Von Wegen Lisbeth im Gespräch

Und es gibt sie doch: »Berliner Indie-Pop-Bands«, die tatsächlich und gebürtig aus Berlin kommen. Von Wegen Lisbeth sind eines dieser selten gewordenen Exemplare. Nach Dutzenden Auftritten in Ost- wie West-Berliner Kaschemmen, überzeugenden Supportshows bei AnnenMayKantereit und Element Of Crime und erstem Internetfame ist nun ihr ganz bescheiden betiteltes Debüt »Grande« fertig. Annett Bonkowski traf Sänger Matthias und Bassist Julian in, na, ratet mal ...
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Schön war gestern. Nett ist nur Mittelmaß. Aber grande? Das hat doch was! All die neumodischen Trendwörter oder das verstaubte »Crème de la crème« können ab sofort einpacken, wenn es darum geht, die eigene Euphorie zum Ausdruck zu bringen. Das Wort grande ist multifunktional und seinem Klang nach mindestens ebenso herrlich ungezwungen wie die fünf Typen der Berliner Band Von Wegen Lisbeth, die das Wort gleich zum Titel ihres Debüts erkoren haben und damit – natürlich – Großes vorhaben. Auf das eigene Lebensgefühl bezogen, verhält sich »Grande« im Falle des Quintetts wie das i-Tüpfelchen, nach dem wir alle Ausschau halten: »Wir hätten das Album auch ›Großartig‹ oder ›Megagut‹ nennen können, aber ›Grande‹ als Lebensphilosophie gefällt mir gut und trifft es besser«, sagt Sänger Matthias, sichtbar zufrieden mit der Wahl.

Aber seien wir doch einmal ehrlich: Potenzielle Anwärter auf den Grande-Stempel gibt es im Alltag nur wenige. Das mag an der eindimensionalen oder verzerrten Sicht auf die Dinge um uns herum liegen. Auch mit dem Selfie-Stick lässt sich diese nicht erweitern. Auf dem mobilen Bildschirm eingezwängt, nehmen wir virtuell am Leben teil und verpassen dabei oftmals doch die vielen lohnenswerten Momentaufnahmen in Echtzeit. Von Wegen Lisbeth schnappen genau diese mit einem guten Blick fürs Detail auf, um ihre Beobachtungen in allen Nuancen der Nonchalance in ihren Texten aufzubereiten. Und das weit abseits gewöhnlicher Phrasen oder sperrig-konstruierter Wahrnehmungen. Man will die erzählten Geschichten einfach festhalten und bei Bedarf immer wieder zitieren. Sie könnten genau so dir oder deinem besten Freund passiert sein. 
In »Der Untergang des Abendlandes« heißt es: »Oh nein, was ist, wenn diese Linda von Tinder mich anlügt und eigentlich Kinder will?«, während im Song »Lisa« das eigene Versagen thematisiert wird: »Ich trage all meine Träume zum Bestattungsinstitut. Doch immer, wenn ich kotzen muss, geht Liebe durch den Magen, und dann weiß ich, mir geht’s gut.« 

Die Abhandlungen im Stream-of-Consciousness-Stil dienen Sänger Matthias aber nicht, wie so vielen Songwritern, als Ventil zur persönlichen Problembewältigung. »Es ist nicht so, dass ich einen Liedtext schreibe und dadurch meine Seele befreie. Klar, vieles in den Texten ist autobiografisch, aber es ist im Endeffekt eben ein Songtext, der zusammen mit der Musik funktionieren muss.«  Genügend inhaltliche Inspiration dürften Von Wegen Lisbeth in ihrer Stammkneipe finden, in der sie – unprätentiös, wie sie sind – den Komfort lieber gegen Geselligkeit eintauschen und dabei ungestört das Klientel beobachten können, wie Bassist Julian betont: »Eine gute Kneipe ist für mich ein Ort, an dem es billiges Bier gibt. Mehr braucht es nicht. Ich brauche kein wunderschön eingerichtetes Wohnzimmer. Das kann ich auch bei mir zu Hause haben.« 

Den übermäßigen Wohlfühlfaktor lehnten die Berliner auch bei den Aufnahmen zum Debüt ab, wie beide einstimmig versichern: »Im Studio ist es uns nur wichtig, dass wir unsere Ruhe haben«, gesteht Matthias. »Wir karren all unser Equipment an, um jederzeit alles ausprobieren zu können. Wir brauchen aber niemanden, der uns sagt, dass wir mal wieder duschen sollten.« Ob die eingespielten Songs nach dem Mastern eher muffelig oder erfrischend wirkten, bewertete das Quintett unter erschwerten Bedingungen und mit einem »grande« Loch im Magen im Nirgendwo einer Schweizer Autobahn-Raststätte: »Wir haben die gemasterten Albumaufnahmen über das Wifi-Netz bei einem Mc Donald’s runtergeladen und dann über Kopfhörer auf dem iPod gehört«, erinnert sich Julian. Sänger Matthias hatte derweil mit seiner schlechten Laune zu kämpfen: »Ich war mega angepisst, weil der fucking Cheeseburger dort vier Franken gekostet hat. Meine Laune war für mindesten zehn Minuten im Keller und die gemasterten Songs dementsprechend kacke, bis ich mich davon erholt hatte.«
Dem neuesten Aushängeschild des deutschsprachigen Indie-Pop wird gerne eine Liebe zur großen kreativen Verschwendung nachgesagt: Ideen im Überfluss haben sie tatsächlich. So viele, dass unzählige davon noch im Privatarchiv schlummern: »Eigentlich war dieser Zustand gut für uns, um die Arbeit am Album voranzutreiben. Ich finde es so immer noch besser als andersherum, wenn man sich etwas aus den Fingern saugen muss, was nicht da ist. Auch vor dem Album haben wir über Jahre hinweg ›Hits‹ auf Mini-Disc aufgenommen. Zum Beispiel über meinen Kieferorthopäden oder über das Liebesleben von Angela Merkel«, amüsiert sich der Mann am Mikrofon. Beim Schreiben der Songs graut es ihm nur vor einer Sache: »Zu sehr in der eigenen Band-Blase zu stecken ist wahrscheinlich die realistischste Gefahr, wenn es darum geht, irgendwann musikalisch dem Stillstand ausgesetzt zu sein.« Bei den Touren mit ihren Kollegen AnnenMayKantereit oder auch Element Of Crime konnten sie diese Art der künstlerischen Stagnation bisher problemlos von sich wegschieben.  

Ebenso wie die teilweise aufkommenden Zweifel an ihren musikalischen Absichten, denn wer deutschsprachigen Indie-Pop macht, der muss heutzutage besser einfach alles ironisch meinen. Dass das grande Mist ist, findet auch Matthias: »Uns wird oft nachgesagt, dass die Texte etwas Humoristisches haben. Viele denken, dass man etwas Humorvolles nicht auch ernst nehmen kann. Darin liegt für mich aber gar kein Widerspruch.« Das in den Songs steckende Augenzwinkern hat dabei jedoch nichts mit Klamauk zu tun. Den heben sich Von Wegen Lisbeth lieber für den nächsten ausgedehnten Abend in ihrer Berliner Stammkneipe mit Gütesiegel »Grande« auf. 




Von Wegen Lisbeth

Grande

Release: 15.07.2016

℗ 2016 Sony Music Entertainment Germany GmbH