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Wir sind Sound

Von Südenfed

“Renegade. The Gospel According To Mark E. Smith”, so werden die in Kürze erscheinenden Memoiren des The-Fall-Sängers und größten Renegaten des Punk heißen. Ein ganzes Kapitel bleibt da noch ungeschrieben, das kann Mark E. Smith dann als Paukenschlag für den Einstieg in Teil zwei seiner Autobiografi
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“Renegade. The Gospel According To Mark E. Smith”, so werden die in Kürze erscheinenden Memoiren des The-Fall-Sängers und größten Renegaten des Punk heißen. Ein ganzes Kapitel bleibt da noch ungeschrieben, das kann Mark E. Smith dann als Paukenschlag für den Einstieg in Teil zwei seiner Autobiografie verwenden: die Begegnung mit Andi Toma und Jan St. Werner von Mouse On Mars.
Weil Smith und MOM gegenseitig von ihrem Sound so euphorisiert waren, haben sie zusammen ein Album aufgenommen und krachen nun als Von Südenfed mitten rein in den Rabauken-Dancefloor. Ein Gespräch mit Toma und Werner über die Pausen im Groove, Stadionkompatibilität und den großen Abwesenden.

Ihr habt Mark E. Smith bei einem Konzert in London kennengelernt und in der Folge beschlossen, ein gemeinsames Projekt zu starten. Wie kann man sich eure Zusammenarbeit konkret vorstellen? War Smith z. B. bei der Nachbearbeitung in eurem Studio mit dabei?
T: Nein, das hätte ihn wahnsinnig gemacht. Er war nie viel im Studio, er kam wirklich nur zum Einsingen und ist sonst in Düsseldorf spazieren gegangen oder war in irgendeiner Bar.
W: Aber er hat zu den Arrangements oft etwas beigetragen. Wenn wir Gefahr liefen, zu fett zu diversifizieren, wenn es zu viele Möglichkeiten gab – was wir im Grunde geil finden –, hat er klar gesagt: “Nee, könnt ihr alles lassen, das war schon gut so!” Es war in gewisser Weise so, wie mit einem Produzenten zu arbeiten.
Also habt ihr euch im Endeffekt gegenseitig produziert?
W: Ja, das ist das Schöne an der Sache. Für Mark ist das eine Alternative zu The Fall, weil er nicht alles unter Kontrolle haben muss und andererseits ganz anders auf die Musik reagieren kann. Er war wie ein Tester, bei dem man die Wirkung sofort ablesen konnte, weil er extrem intuitiv ist, wie er auf Sachen anspringt, sie ablehnt oder auch überhaupt nicht reagiert. Mark ist eigentlich auch ein Sound-Typ. Im Grunde ist er ja Sound. Wie er hört, wie er funktioniert, das ist wie ein Sound. Im besten Moment öffnet sich das und wird riesig groß, wie ein Ding, das man unendlich ausklappen kann. Es gibt ja immer ganz viele Ebenen bei ihm. Die Texte sind zwar unglaublich einfach, aber auch unglaublich verschachtelt. Man merkt erst später, auf wie vielen Ebenen es immer wieder neuen Sinn ergibt. Das passt auch extrem gut zu unserer Denkweise.
Habt ihr beide nicht durch Schnitte auch immer wieder in die semantische Ebene eingegriffen?
W: Mark hatte immer klare Lines. Wir haben z. T. Sachen geschnitten, wo er nachher meinte: “Nee, das war aber nicht so!” Bei anderen Stücken hat er uns machen lassen, war aber nicht so richtig überzeugt. Er mag z. B. das Stück “Serious Brainskin” nicht so richtig. Wir finden das natürlich geil, weil es so ein Gebolze ist, alles spult, es hat unheimlich viele Breaks – und trotzdem hat das so ein Dröhnlevel.
Apropos Dröhnlevel: Die ganze Bandbreite an Einflüssen, der Stilmix, den ihr da ineinanderquirlt, wird beim Hören schnell egal, weil eine bestimmte Energie das alles nivelliert.
W: Ich finde “Energie” ein bisschen abstrakt. Man weiß nie, was das sein soll. Es kommt mir immer vor wie aus dem Esoterikladen: die kosmische Energie oder Wärmeenergie durch Gas oder Solar oder ...?
T: Ja, der Wumms natürlich!
In elektronischer Musik gibt es derzeit einen Trend oder zumindest viel Aufmerksamkeit für offensive, plakative, krasse Partymucke. Von Südenfed passen da ziemlich gut rein. Seht ihr das auch so?
W: Ja, finde ich gut! Wir sind ja nicht so Techno-Minimalisten und sind froh, dass es Sachen wie Ed Banger gibt oder bratzigere Sachen, die sich nicht nur auf die Bassdrum verlassen, sondern mit Breaks grooven. Das ist für uns die Kunst. Denn der gute Rhythmus lebt durch die Pausen, dadurch entsteht auch dieser Funk. Es gibt auf jeden Fall eine andere Art von Abfahrt in der Tanzmusik, die ich gut finde, die nicht so geschmäcklerisch ist und gar nicht so tut, als wolle man einen Diskurs führen. Wenn man vorher noch Zwölftonmusik dafür brauchte, macht man das jetzt alles nur mehr mit einer Bassdrum. Das kam mir völlig verschoben und unnötig vor. Deshalb finde ich das jetzt gut: Es ist offen, man kann einfach abfahren. Es hat sich letztes Jahr mit dem ganzen New-Rave-Zeug ja schon angekündigt, dass die Platte in so einen Trend reinrutscht. Wir stehen gar nicht allein mit der Platte, sondern die knallt gerade mitten rein.
Bei unserem letzten Treffen, noch vor den Aufnahmen mit Mark E. Smith, sagte Andi: “Das wird mehr so ein Rave-Ding.” Was war damit gemeint?
T: Ich finde, die Platte hat so was, natürlich mehr unter dem Rockaspekt. Am Anfang war alles mehr Ragga-mäßig, trotzdem hat es jetzt etwas Straightes. Ich könnte mir vorstellen, dass man die Musik echt im Stadion oder auf einem Rave spielt.
W: Es hat diese Lebendigkeit, die bei uns fast automatisch kommt, aber es ist für unsere Verhältnisse auch sehr straight und minimalistisch. Das macht es für die Leute viel einfacher, uns zu kapieren. Man stellt sich nicht die ganze Zeit die Frage: Warum machen die das so? Was wollen die uns eigentlich sagen? Es ist alles auf dem Tisch.
Jan, du hast vor kurzem gesagt, das Tolle an der Studioarbeit sei, dass man die peinlichen Stellen rausschneiden könne. Geht es bei Von Südenfed nicht genau darum, auch Klischees und Peinlichkeit zuzulassen?
W: Ach, wir haben doch ganz schön viel gefummelt an den Aufnahmen.
T: Aber das meiste ist echt eins zu eins. Vielleicht waren das einfach viele Glücksmomente, in denen man wirklich entspannt war. Es gab nie die Situation: Jetzt produzieren wir! Es war eine andere Atmosphäre, eher wie ein Mitschnitt.
W: Bei MOM ist es oft so, dass wir versuchen, eine Fülle an Gedanken zu halten, zu stimulieren, dass alles da bleibt. Bei Von Südenfed war es super, Sachen wegzulassen. Da war Mark echt gut, er ist wirklich super im Weglassen.
T: Ja. Und auch im Wegbleiben.