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Kolumne: Neues aus Jules Welt

Vom Winde verwöhnt

Ärger mit den Zeugen Jehovas? Hausverbot bei Dating-Portalen? Mit dem Moped zum Melt? In Jules Welt geschehen Dinge, die ahnt man nicht mal! Diese Woche: Koreanisches Karaoke.
Geschrieben am

»Auf gar keinen Fall werde ich heute singen«, sage ich als ich die Tür zu der koreanischen Karaoke-Bar Noka öffne. Drinnen ist es erstklassig dekoriert. Auf über 320 Quadratmetern gibt es fancy Spiegelflächen, Bühnen, Leinwände, mit bunten Lichterketten geschmückte Gummibäume und orange Wände. Während ich noch staune, trällern die Early Adopter schon den ersten Klassiker »Verdammt lang her«. Ich checke das Repertoire in einem Plastikordner. Nichts von den Hansons, nichts von Natalie Imbruglia, kein Incubus, keine Counting Crows? Immerhin finde ich einen zeitlosen Evergreen der Combo Mr. Big. Der Abend ist gerettet. Das singe ich gleich mehrfach!

Schnell noch Mut antrinken. Ich drohe eh, wieder nüchtern zu werden. »Was habt ihr mit Wodka?«, frage ich an der Bar. Orange und Energy gibt’s. Der Barkeeper stellt mir einen pissgelben Drink hin. Ich habe jetzt schon vergessen, welchen der beiden ich gerade bestellt habe. Egal. Er will sieben Euro von mir haben. Sieben Euro! Im Wedding sollte es für keine Location legal sein, mehr als vier Euro fünfzig für irgendwas zu berechnen! Ich leihe mir vorsorglich 30 Euro von einem meiner Freunde. Ich merke mir sicher bis morgen, von wem.

 

Es läuft CCR. Gute Wahl. Irgendwo her ergattere ich einen gelben Schellenkranz. Aus musikalischer Sicht besitze ich nicht viel Taktgefühl, also eröffne ich ein mehrstündiges Tamburin-Inferno zu Ehren der Geburtstagskinder Jens und Christoph. Ab und zu spielt sogar jemand mit mir zusammen. Zweistimmig! Die meiste Zeit treffe ich den Takt. Zumindest den Takt meines Herzens.

 

»Oh, Limbo! Was für eine hervorragende Idee!« Ich winde mich unter einem straff gespannten Schal hindurch und tanze ausgelassen in einen zweiten Karaoke-Raum rüber. Der Schellenkranz schellt mit. Dann stehe ich in einer anderen Welt. So machen das also die Koreaner? Zwei Mädchen mit dunklen Zöpfen singen ein Lied, das ich nicht kenne. Die anderen 30 Mann sitzen auf ihren Plätzen und hören zu. Niemand reißt den Performern von der Seite die Mikros weg, niemand tanzt epileptisch auf einem Hocker, niemand spielt Schellenkranz. Außer mir. Lame. Ich gehe wieder zurück zu den anderen. Auch wenn es da mehr schmerzt.

 

Martin hat die letzten zwei Minuten nonstop in das Mikro gerülpst. Während er es ganz im Mund hatte. Wir wissen nicht, ob wir uns freuen sollen, oder doch schon den Arzt rufen. Jemand schafft es, ihn von der Bühne zu stoßen. Martin springt federleicht auf den großen Tisch im Zuschauerraum und tanzt eine Art Lambada. Ich begleite ihn vom Boden aus auf dem Schellenkranz. Kreativität sollte man immer unterstützen. Lars brüllt ins Mikro, ich solle mit dem Lärm aufhören, sonst gäbe es Ärger. Ich zeige ihm den Mittelfinger und spiele ab sofort doppeltes Tempo. Gerade als Jana, umringt von gierigen Mikroräubern, versucht »Thriller« zu singen, bricht der koreanische Tisch unter Martins Gewicht zusammen. Zack, liegt er auf dem Boden. Ich sehe zwar kein Blut, er ist aber bewusstlos. Respekt. Ich höre anstandshalber auf zu spielen, während die anderen ihm zur Hilfe eilen. Mit einer Verzögerung von ein paar Sekunden rennt Christin auf die Toilette, um sich zu übergeben. Auch Lina hängt gerade auf einer samtenen Lehne und reihert über unseren Jackenhaufen. Hallo? Bin ich hier noch richtig bei La Boum oder doch schon bei Skins? Und seit wann fluchen Koreaner so heftig?


Ich gehe zur Bar, um zwei Leitungswasser und einen Jägermeister zu bestellen. Das Wort Leitungswasser ist dem Barkeeper fremd, ich muss es selbst zapfen. Ich exe den Schnaps, dann bringe ich ein Glas zu Christin aufs Klo und das zweite zu Lina, die sich eisern weigert, ihre Kotzposition zu verlassen. Inzwischen checkt ein Notarztteam Martins Vitalwerte. Er hat sogar ein Auge offen, wird also alles wieder.

 

Wir geben den Koreanern 100 Euro für ihren zersplitterten Tisch und räumen mit gesenkten Köpfen den Laden. Die nächsten Tage werde ich unverhältnismäßig schlimme Schmerzen in der linken Handfläche haben – genau dort, wo der Schellenkranz stundenlang auf mein nacktes Fleisch traf.
Ü-30-Parties sind echt die schlimmsten.

 

Jule Müller - Philosophin, Fotografin, Frau und Zebra. Jule Müller ist Anfang 30, lebt in Berlin und erlebt Abenteuer. In ihrer Kolumne schreibt sie nun regelmäßig darüber. Noch mehr Abseitiges findet sich auf ihrem Blog
mymagictypewriter.com. Auf www.imgegenteil.de verkuppelt sie nebenbei Großstadt-Singles, im Herbst 2014 erscheint ihr erstes Buch.

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