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Kolumne: Neues aus Jules Welt

Vom Winde verwöhnt

Ärger mit den Zeugen Jehovas? Hausverbot bei Dating-Portalen? Mit dem Moped zum Melt? In Jules Welt geschehen Dinge, die ahnt man nicht mal! Diese Woche: Pilze sammeln für Anfänger.
Geschrieben am

Es ist Herbst. Im Herbst fahren Leute aus der Stadt gerne ins Umland und sammeln Pilze. Knapp 30 Jahre nach Tschernobyl ist das ja auch wieder voll im Trend. Ich persönlich hasse Pilze. Zumindest im Essen. Pilze haben nicht nur ein eindeutiges Konsistenzproblem, sondern auch nicht viel an der Geschmacksfront zu bieten. Ich kenne Champignons und Pfifferlinge und Steinpilze und Morcheln. Und Fliegenpilze, klar.

Meine Freunde und ich stehen im Wald in der Nähe von Groß Köris in Brandenburg. Hier gibt es angeblich die tollsten Pilze. Na dann los. Damit wir das Gebiet großflächig abarbeiten können, sind wir vorsichtshalber zu neunt angerückt. Einen Hund gibt es auch.


Ich bin immer etwas verloren in der Natur. Ich musste irgendwann mit Schrecken feststellen, dass die Namen von Pflanzen und Tieren, die mir meine Eltern beigebracht haben, wohl einzig und alleine in ihren Ostdörfern der Achtziger gängig waren. »Guckt mal, die Schmackedutschken!« – »Die was?« – »Na, die Bumskolben da hinten.« – »Was willst du?« – »Ich meine diese braunen Dinger im Schilf, verdammt!«

 

 

Bild: Die Sonne scheint, auf den Wegen liegt Matsch. Manche von uns tragen Hikingstiefel und Windbreaker. Ich trage Plimsoles und Kamera.

 

 

Bild: Für die Pilze haben wir mehrere Holzkörbchen, ein Messer und ein Pilzbestimmungsbuch mitgebracht. Wir können zwar nichts, sterben wollen wir aber auch noch nicht unbedingt.


Wir sind gerade mal vier Meter vom Weg entfernt, da finde ich was. Eindeutig ein Pilz! Wie schön grün der schimmert. Und einen weißen Rüschenkragen am Hals hat er auch! Stolz trommle ich die Mannschaft zusammen. Es wird sich nicht mal die Mühe gemacht, das Buch überhaupt aufzuschlagen. Ich bin enttäuscht.

 

 

Bild: Es ist unfair. Alle zwei Meter finde ich Pilze, aber keinen darf ich behalten.

 

 

Bild: Auch die vielen kleinen gelben Hütchen oder diese Art Steinpilz, die ich finde, will niemand abschneiden.

 

Fast zwei Stunden wühlen wir uns durch das feuchte Unterholz. Dann schreit Runa plötzlich, sie hätte was. Vorsichtig schneidet sie das Ding mit dem Messer vom Boden. Zu neunt stehen wir im Kreis herum und glotzen. Runa inspiziert das kostbare Abendessen von Nahem. »Hier sind Maden drin«, sagt sie. Maden? Das steigert meine Passion für Pilze sofort noch mal um ein Vielfaches. Sie schneidet immer mehr vom Pilz weg, bis nur noch ein kleines Stück übrig ist. Wir starren auf den braunen Schaumklumpen in ihrer Hand. Behutsam wird das edle Gut in einen der zahlreichen Körbe gelegt.

 

 

Bild: Da muss noch nicht mal das Buch gefragt werden. Eindeutig ein … ach, was weiß ich, ein Pilz halt.

 

Nach über drei Stunden hat niemand mehr Bock auf Pilzpfanne. Wir machen Inventur. Die Ausbeute beschränkt sich auf drei random Stückchen. Inzwischen ist auch nicht mehr erkenntlich, zu welcher Sorte Pilz die angeblich mal gehört haben.

 

 

Bild: Vielleicht reicht es ja noch für ein Risotto? Mit sehr viel Reis?


Zum Abschluss gönnen wir uns ein Abendessen im Erlebnis- und Restaurantschiff Klabautermann. Pilze bestellt niemand. Schmecken ja auch nicht.

 

Jule Müller - Philosophin, Fotografin, Frau und Kobold. Jule Müller ist Anfang 30, lebt in Berlin und erlebt Abenteuer. In ihrer Kolumne schreibt sie nun regelmäßig darüber. Noch mehr Abseitiges findet sich auf ihrem Blog mymagictypewriter.com

 

 

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