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Das letzte bisschen Etikette

Voltaire

"Es hat Verzweiflung oft die Schlachten schon gewonnen" - dieses funky Daseinsdiktum stammt aus dem achtzehnten Jahrhundert, vom Aufklärstar Voltaire.
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"Es hat Verzweiflung oft die Schlachten schon gewonnen" - dieses funky Daseinsdiktum stammt nicht etwa von zeitgeisternden Popphilosophen wie Distel- oder Grönemeyer, sondern aus dem achtzehnten Jahrhundert, vom Aufklärstar Voltaire.

Voltaire, so nennt Roland Meyer (sic!) de Voltaire seine Band. Mittlerweile sind Voltaire von Bonn nach Köln hochgesiedelt. Drei Jahre nach dem kritikgefeierten Erstling kommt jetzt das zweite Album. Roland Meyer de Voltaire befindet sich hier "In einem Krieg des ganzen Lebens", so singt er in der ersten Singleauskopplung "Die gute Art". Getrieben von schwerem Klavier und wuchtigem Schlagzeug, wird durch die traumhaft neonsurrenden Amtsflure des eigenen Ichs geschlichen und die wankelmütige Kollateralpolitik mit anderen Aushaltern des Lebens verhandelt. "Und ich sag, hey, sag mal, kennen wir uns, oder warum füllst du mir deinen Wein ein?" Seine artifiziellen, malerischen Texte trägt Roland mit klarer, instrumentaler Stimme vor. Deutscher Duktuspop. Diskurspop natürlich auch.

Die lyrisch-verhuschten Texte vom ersten Album treten hier in den Hintergrund und lassen einem von irgendwoher schon bekannten Dringlichkeits-Sloganeering Raum für Fragen wie: "Ist das die gute Art, Faschist zu sein?" Ins aktuelle deutsche Independent-Liedermacher-Klima hieven Voltaire ihr ambitioniertes, gänzlich undeutsch-indie klingendes zweites Kind. Leidenschaftliches Aufbegehren in den Fluten des eigenen Emotionsmonopols. In den drängendsten Momenten ruft - nicht schreit - Roland Meyer de Voltaire seine Federkiel-geschriebenen Parolen in Halsschlagader-pulsierendem Ton wie Blumfeld zu "Testament der Angst"-Zeiten. Rufende Erregungsartikulationen. Muse wurden beim Vorgänger oft zum Vergleich herangezogen. Klavierkreiselnde, sich um Falsettgesang schraubende Gitarreneskapaden gibt es auch auf "Das letzte bisschen Etikette". Zudem haben Voltaire ihrem Hang zu großgestigem Pop freie Bahn gegeben und generieren souveräne Dringlichkeit und gehauchten Hoffnungsschimmer, wie man ihn von I Am Kloot und The National kennt. Coldplay von um die Ecke, sagen manche - ach, wieso nicht gleich U2?

Zusammen mit Ko-Produzent Jem alias Peter Seifert, der auch schon die Musik von Angelika Express, Madsen und jüngst Udo Lindenberg in Airplay-taugliche, nicht aber stumpfblöde Klangfarben pinselte, wurden die elf Stücke von allen Seiten befeilt und beschliffen. Das Ergebnis ist ein kluges Kind von populärer Gegenwartsintimität, ein sicherlich lodernder Scheit im Feuer des deutschen Pop. Eine weitere eigene Geschichte.

Ihr seid als junge Band mit der zweiten Platte schon auf dem zweiten größeren Label. Hattet ihr euch den professionellen Musikbetrieb so vorgestellt? Oder staunt ihr immer noch, was dort Prioritäten besitzt (und was auch nicht) ...?
Roland: Die Überzeugung, dass nichts so berechenbar ist, wie es scheint, kann vor der einen oder anderen Enttäuschung bewahren. Aber das gibt einem auch das Gefühl, abgesehen von den eigenen Fähigkeiten, völlig haltlos zu sein: Dass ich singen kann, weiß ich, aber wie viel Leute dafür Geld ausgeben wollen, steht auf einem anderen Blatt. Und Letzteres bestimmt ja die Prioritäten des Musikbetriebs. Aber staunen kann ich oft darüber, wofür Menschen Geld ausgeben.

Die neue Platte klingt eingängiger in den Slogans und im Songwriting. Hat sich das so ergeben, oder war das die Grundidee? Oder seht ihr das total anders?
Nein, das sehen wir nicht anders! Uns ging es ja schon immer darum, Persönliches zu kommunizieren, und unsere "Sprache" hat sich durch die Erfahrung der vielen Konzerte konkretisiert. Das hatte zur Folge, dass der eine oder andere musikalische oder textliche Schlenker weggelassen wurde und so die Grundidee des einzelnen Songs mehr ins Rampenlicht gerückt ist. Das Ergebnis ist somit sicher konfrontativer geworden als alles Bisherige von uns.

Die Songs sind textlich ja ein ziemliches Feuerwerk an Bildern. Wie wählt ihr aus, was ihr mit den Worten alles zeichnet? Ist das genialisch assoziativ, oder verfolgt das stets einen Plan?

Beides! Meist ist das von einer Zeile provoziert, die etwas in mir anklingen lässt und eine Richtung vorgibt. Dann kommt der Punkt, an dem ich springe, und dann versinke ich in Assoziiertem, verliere dabei nicht selten die Richtung, bis irgendwann Zeilen kommen, die mir wieder einen Faden geben. Gibt es derer genug, löse ich mich aus dem Ganzen, blicke, am besten mit Abstand, von oben darauf, und dann beginnt sich der Plan aus dem entstandenen Chaos zu formen, und der Plan wiederum formt das Chaos.


Voltaire "Das letzte bisschen Etikette" (Pias / Rough Trade / VÖ 20.03.)