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Das 11. Astropolis in der Bretagne

Vive la Volksfest!

Brest, die beschauliche Hafenstadt am äußersten Zipfel Frankreichs, feiert dieses Jahr das elfjährige Bestehen des Festivals Astropolis (4. bis 7. August), das sich aus illegalen Raves in den Sticks zu Beginn der 90er entwickelte. 1994 mixte sich Jeff Mills noch einen Wolf auf dem Campingplatz Saint
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Brest, die beschauliche Hafenstadt am äußersten Zipfel Frankreichs, feiert dieses Jahr das elfjährige Bestehen des Festivals Astropolis (4. bis 7. August), das sich aus illegalen Raves in den Sticks zu Beginn der 90er entwickelte. 1994 mixte sich Jeff Mills noch einen Wolf auf dem Campingplatz Saint-Pabu, im Jahr darauf wurde ganz offiziell das Astropolis, "la rave made in BZH" geboren. Dieses Jahr will man mehr denn je höchste Qualität mit einem nicht-kommerziellen Anspruch und "l'esprit hédoniste de la rave des débuts" vermählen.

Als wir Donnerstag nachmittag, geschlaucht von einer 13-stündigen Reise, am Bahnhof eintreffen - der Weg von Paris nach Brest ist fast genauso weit wie der von Köln nach Paris - ist in der 150.000-Einwohner-Stadt vom Rave-Spirit noch nicht viel zu spüren. Das Leben im zweitgrößten Ort der Bretagne (nach Rennes, Heimstatt des ebenfalls exzellenten Festivals Trans Musicales), übrigens Geburtsort von Yann Tiersen und dem Nouveau-Roman-Gott Alain Robbe-Grillet, fließt, durch die Sommerferien nochmals verlangsamt, gemächlich vor sich hin, nomadisierende Raver-Stämme sind noch nirgends zu erblicken. Am Abend, als wir uns zum Hafen aufmachen, in dem im Sommer jeden Donnerstag Gratis-Konzerte gegeben werden, sieht die Situation schon ein wenig anders aus. Beim Abstieg von der Stadt zum Hafenareal empfängt uns lautes Geboller, überall schwärmen junge und nicht mehr ganz so junge BretonInnen mit selbstangefertigten Mixgetränken in großen Plastikflaschen aus, und auf der Bühne turnt der Hauptact des Abends, die belgischen Vive la Fête, zu donnernden Oktavbässen, kreischenden Synthies und verknappten französischen Parolen. Sängerin Els Pynoss stakst mit ihrer platinblonden 80ies Mähne und dem wallenden Gold-Oberteil über schwarzen Hotpants wie ein angekokstes Model im Partyfieber über die Bretter, und schon nach wenigen Sekunden lässt sich ganz gut nachvollziehen, warum das Astropolis-Programmheft die Show der "Elektro-Trasher" als "banana split belge sous speed" bezeichnet.

Von der Volksfest-Atmosphäre der teils schon schwer angetrunkenen und ungezwungen öffentlich kiffenden jeunesse bretonne ziehen wir uns in den Astroclub zurück, wo an diesem Abend britischer Drum'n'Bass mit Crystal Distorsion und heimischen Newcomern gegeben wird. Den zahlreich erschienenen, gerne mit Dreadlocks geschmückten Cyberpunks gefällt die Performance ausgezeichnet, so dass schon um halb eins die Tanzfläche unter dem Breakbeat-Gezappel der Fans brummt.

Uns hingegen zieht es zurück in die Innenstadt, wo im Cabaret Vauban, einem Ort mit beinahe mystischer Musik-Vergangenheit und 50ies-Dekor im Keller eines Bistros, noch Richie Hawtin auflegen soll. Um halb zwei steht der Kanadier mit dem stets akkuraten Blondscheitel auch schon zwischen seinen zwei Powerbooks und lässt sich von uns dabei überrraschen, wie er nicht nur minimalistische Loops aus seinen Rechnern lässt, sondern ab und zu tatsächlich auch noch eine Platte auf den Technics knallt. Die Musik schiebt und groovt bassig, die Stimmung ist ausgezeichnet, allein wir sind müde von der auszehrenden Reise und der bretonischen Sonne und verlassen daher schwer gezeichnet und mit Tränen im Augenwinkel den kochenden Keller, bevor uns noch jemand vor Begeisterung ein Bier überkippt. Und schließlich scharrt der nächste Festivaltag ja schon in den Startlöchern.

Der beginnt bald nach der obligaten französischen Frühstückssession (pain au chocolat, tortelettes, café au lait...) im Centre d'Art Passerelle in sehr angenehmer, enstpannter Atmosphäre. Zwischen der Kunst an den Wänden und der eigens angelegten Wiese auf dem Boden der Kunsthalle lässt es sich wunderbar chillen, schnacken und den Musikdarbietungen der lokalen Live-Acts und DJs lauschen. The Hacker liefert - vor seinem abendlichen Auftritt im Astroclub, wo er gemeinsam mit David Caretta und Woody McBride Electro, Acid und New Wave huldigt - ein spezielles sphärisches Set ab, und zum Ausklang des nachmittäglichen Abhängens wird eine sehenswerte Doku eines französischen Filmemachers über den Alltag von Underground Resistance und Submerge in Detroit gezeigt - mit anschließender Diskussionsrunde mit den Protagonisten.

Nachts rockt, neben der Sause im Astroclub unten am Hafen, Jennifer Cardini auf ihre mitreißende Art das Cabaret Vauban. Sie hat ihre Hände viel lieber euphorisch in die Luft gestreckt, als damit am DJ-Pult herumzufummeln. (Whitey, der ebenfalls im Vauban spielen sollte, musste seinen Auftritt leider absagen.) Zwischen dem Gratis-Rockfest am Donnerstag und dem Wahnsinnsspektakel, das uns am Samstag noch bevorsteht, wirkt der Freitagabend trotz dieses tollen Programms aber doch wie ein kleines Innehalten vor dem finalen Ausbruch der geballten Festival-Energie.

Denn die Samstagnacht im Le Manoir de Keroual, etwas außerhalb von Brest gelegen, hat es ganz dick in sich. Schon bei Einbruch der Dunkelheit ist das weitläufige Gelände rund um eine Burgruine bis in den letzten Winkel hinein mit Menschenleibern zugepflastert. Schätzungsweise 15.000 Musikfreaks wuseln und torkeln zwischen vier großen Bühnen umher und lassen die Stimmung bald an die Hysterieschallmauer schwappen. Neben der offensichtlichen Beliebtheit des Astropolis-Festivals sind ein weiterer möglicher Grund dafür die französischen Punk-Veteranen von Bérurier Noir mit einem bloß gerüchteweise angekündigten Geheimauftritt. Aber wer ihre Stellung in Punk-, Indie- und generell Musikkreisen der Grand Nation kennt, weiß, dass allein solche Gerüchte schon für Massenexzesse gut sind. Während ihres Auftrittes gegen zwei Uhr ist an ein Durchkämpfen Richtung Bühne schon nicht mehr zu denken. Noch voller kann es auf dem Gelände gar nicht mehr werden. Selbst der gnadenlos bretternde Sound von Hardcore-Techno-Legende Manu Le Malin hält nach Bérurier Noir noch die Massen vor der Bühne.

Derweil übergeben Alter Ego im schön langsam überkochenden Technozelt an eine frenetisch gefeierte Miss Kittin, und Underground Resistance zelebrieren in den alten Gemäuern des Manoir ihr Electrofunk-Technosoul-Fest. Als ein weiteres Highlight des Festivals sind die Detroiter in Mannschaftsstärke angereist und bestreiten auf ihrer eigenen Bühne das komplette Nachtprogramm mit einer ganzen Reihe an DJs und drei Live-Acts (Galaxy 2 Galaxy, Los Hermanos und den Tek Brothers). Wegen der überbordenden Begeisterung der bretonischen Fans können selbst die hartgesottenen Mannen von Mad Mike schon mal etwas in Verlegenheit geraten. "We need your help! Please clear the stage or we can't go on!", tönt es Mantra-artig von der Bühne. Aber es ging dann natürlich doch immer noch weiter. Als wir Sonntag Mittag unseren TGV zurück Richtung Deutschland besteigen, sind die nimmermüden Astropolis-Fans drauf und dran, auch noch die Bahnhofshalle von Brest in ein Festzelt zu verwandeln.