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Virginia Jetzt! und Münchener Freiheit

Essen mit...

Songschreiber Thomas Dörschel und sein Virginia-Jetzt!-Bandkollege Sänger Nino Srotzki sowie Stefan Zauner von der Münchener Freiheit retten sich ins Hinterzimmer.
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Es ist der heißeste Tag des Jahres. Es ist München. Die vielen Hinterlassenschaften von Hunden auf der angrenzenden Grünfläche werden von der Sonne aufgekocht, die schwere Luft vor dem Café Mozart riecht beizend nach Haufen. Songschreiber Thomas Dörschel und sein Virginia-Jetzt!-Bandkollege Sänger Nino Srotzki sowie Stefan Zauner von der Münchener Freiheit retten sich ins Hinterzimmer. Nur ein paar Omas und Linus Volkmann sind Zeuge dieser Begegnung.

Die Omas am Nebentisch ahnen gar nicht, welche Stars ihnen im Nacken sitzen. Man sollte sie ihnen als den bayrischen Freddy Quinn und die ostdeutschen Comedian Harmonists vorstellen, vielleicht käme dann neben Kuchen auch Stimmung auf. Aber wir haben natürlich genug mit uns selbst zu tun. Vor allem die beiden Virginias mit Stefan Zauner. Der hat für drei Songs ihres aktuellen Albums "Blühende Landschaften" Chöre und einiges mehr arrangiert. Und wird von der Band "als Genie verehrt". Dieses Zitat aus der Plattenkritik des Musikexpress' findet sich bei jenen Kollegen mit spürbarer Süffisanz versehen. Als wäre das reaktionäre bürgerliche Scheißmodell des Geniegedankens in Gefahr, müsse man es auf vermeintlich Profanes wie die Münchener Freiheit anwenden. Im Rahmen all der zweifelhaften "Genie"-Begegnungen ist Stefan Zauner zumindest ein sehr bescheidenes, bedächtiges Exemplar. Seine Stimme wirkt sanft, er hört zu, und man nimmt ihm sofort ab, dass er den Konnex mit den vier Indie-Minne-Boys ausschließlich deshalb zugelassen hat, weil es klickte. Und zwar zwischen ihm und den Stücken, die die Band ihm hoffnungsvoll hatte zukommen lassen. "Münchener Freiheit hatten ja immer selbst so Wahnsinns-Chöre, wir wussten nur nicht, ob sie so was für andere überhaupt machen würden oder ob sich halt einfach nur noch keiner zu fragen getraut hatte", fasst Thomas Dörschel den größten Band-Coup der letzten Jahre zusammen.

In aller Bescheidenheit geht es dann auch gleich weiter: "Soll ich jetzt so tun, als hätte ich das alles gekocht?" fragt jener Zauner verunsichert, als aufgetragen wird. Ja, und dazu bitte noch Kochhut und Nudelholz aufsetzen, die Küche im Hintergrund wird per Photoshop reinmontiert. "Nein, es geht hier ja um die Begegnung - und darum, mal wieder was Warmes in den Bauch zu bekommen." Zauner bekommt einen großen Salat mit Meeresfrüchten, die Virginias bestellen ein Fisch-Menü, ich das vegetarische mit Nudeln in Käse, Sahne und mit Rucola. Vorab jeweils Minestrone und danach Joghurt mit Früchten. Zwischendrin hört man immer wieder raus, wie aufgekratzt bis angeregt beide Seiten bezüglich ihrer Kollaboration sind. Eigentlich hätte man ruhig noch mehr als die drei Stücke machen können, wenn der Kontakt in einem früheren Stadium zustande gekommen wäre.

"Wir haben nächstes Jahr 30-jähriges Jubiläum, vielleicht können wir euch da ebenfalls zu einer Zusammenarbeit überreden", lächelt Zauner auf einmal - und stößt natürlich auf ehrliche Begeisterung bei seinen zwei Fans. Deren durchaus ambivalent gemeinten "Blühende[n] Landschaften" mal wieder bewusst die Ost-Herkunft der Band als Topos transportieren. Aber wie kommt man denn da eigentlich auf so einen dezidierten Wessi-Kram? "Also, wir haben in den 80ern natürlich Münchener Freiheit mitgekriegt. Kam im West-Fernsehen, und das wurde im stillen Kämmerlein natürlich geschaut. So was wie die 'Hitparade' oder die 'Goldene Stimmgabel'. Und, Stefan, habt ihr eigentlich damals in der DDR gespielt oder wart bei unseren Sendungen wie 'Ein Kessel Buntes'?" - "Ja, allerdings erst nach der Wende. Wir hatten zwar schon vorher versucht, da eine Tournee zu machen, doch es gab einen Song von uns, der hieß 'Nacht über Deutschland', und das geht los mit der Textzeile 'Flug 737 / Abflug mit Pan Am von Berlin'. Und das funktionierte gar nicht für das Regime, weil Pan Am und Berlin - das durfte es nicht zusammen geben; natürlich auch noch unser Name, die Verbindung von Freiheit und München war nach DDR-Maßstäben ebenfalls nicht gegeben. Letztlich gab es dann aber irgendwann doch noch eine Auftrittsgenehmigung, allerdings für den Herbst 1989. Und damit war die Wende also vor uns da."

Es ist der heißeste Tag des Jahres. Es ist München. Die vielen Hinterlassenschaften von Hunden auf der angrenzenden Grünfläche werden von der Sonne aufgekocht, die schwere Luft vor dem Café Mozart riecht beizend nach Haufen. Songschreiber Thomas Dörschel und sein Virginia-Jetzt!-Bandkollege Sänger Nino Srotzki sowie Stefan Zauner von der Münchener Freiheit retten sich ins Hinterzimmer. Nur ein paar Omas und Linus Volkmann sind Zeuge dieser Begegnung.

Nino schickt noch nach, dass man sich nach jenen Achtzigern erst mal mit Punk und ohne Schlager-Pop selbst finden musste im Juze um die Ecke und es daher natürlich auch eine Zeit gegeben habe, in der einem Münchener Freiheit tatsächlich eher peinlich gewesen seien. Stefan Zauner nickt das verständnisvoll ab.
Seine bescheidene Höflichkeit hatte mich schon vor einigen Monaten ereilt. Beim Frühstücksfernsehen-Auftritt zur neuen Platte. Er wirkt wie der Hauptdarsteller aus "Eve und der letzte Gentleman", wo jemand aus einem Luftschutzbunker der frühen Sechziger in die Neunziger crasht und alle Girls überrascht von seinem guten Benehmen sind. So staunen wir Girls hier am Tisch auch und fragen uns, ob er seinerzeit den überraschenden Hype um seine Band zu dem Blumfeld-"Old Nobody"-Album eigentlich überhaupt wahrgenommen habe. "Mich hat das schon gefreut, also so eine Wertschätzung. Denn so war es ja wirklich nicht immer. Mitte der 80er deckten sich meine Ambitionen überhaupt nicht mit den Schubladen, in die man uns steckte. Ich brauchte eine gewisse Zeit, mich damit abzufinden, dass man sich plötzlich auch in Sendungen wie 'die 100 schönsten Schlager der Deutschen' wiederfand. Auch wenn wir Ende der 80er in England mit 'Keeping The Dream Alive' ('Solang man Träume noch leben kann') in die Top Ten gingen und dort niemand je gedacht hätte, dass unsere Songs mit Volksmusik oder Schlager gleichzusetzen wäre."


Nino und Thomas finden sich sofort in dieser Aussage wieder. Denn auch Virginia Jetzt! mussten mit dem immer wiederkehrenden Etikett des Indie-Schlagers erst mal ihren Frieden machen. Und das haben sie. "Blühende Landschaften" ist ihr Zeugnis davon und die Meisterschaft darin. Wunderbare Harmonien, Multiplex-Pop und ausschließlich Liebeslieder sind keine Schande, sondern genau das, worauf diese Band schon immer heiß war. Nur dass sie das alles in dieser Konsequenz bis jetzt noch nie aufgefächert hatte. Jetzt ist es so weit. King Zauner sei Dank. See you at the Münchener-Freiheit-Jubiläum zum 30. nächstes Jahr. Und warum denn nicht? Kann doch nicht immer alles nur Roskilde, Schlachthof und Messer an der Kehle sein.



Alle Begegnungen bei "Kochen mit..." findet ihr unter
www.intro.de/spezial/kochenmit.