×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Keine Angst

Virginia Jetzt!

Wer soll denn bitte Angst haben vor diesen Typen, die, ganz unabhängig von ihrem äußeren Erscheinungsbild, mit ihren leichten und warm instrumentierten Popsongs jeglichen Appeal von Dunkelheit und Gewalt für ihr Publikum vernichten? Ich weiß es nicht. Aber irgendjemanden muss es wohl geben, den die
Geschrieben am

Wer soll denn bitte Angst haben vor diesen Typen, die, ganz unabhängig von ihrem äußeren Erscheinungsbild, mit ihren leichten und warm instrumentierten Popsongs jeglichen Appeal von Dunkelheit und Gewalt für ihr Publikum vernichten? Ich weiß es nicht. Aber irgendjemanden muss es wohl geben, den die vier Berliner von Virginia Jetzt! (VJ!) das Fürchten gelehrt haben, denn sonst müssten sie ihre neue, erste Platte ja nicht "Wer Hat Angst Vor VJ!" nennen und so den direkten Aufruf an ebenjene furchtsamen Geister richten, sich zu melden, damit ihnen in einer ruhigen Stunde geholfen werden könne. Ich jedenfalls halte mich für hartgesotten und zögere nicht, in den Zug nach Hamburg zu steigen, um dieses Rätsel exklusiv für dieses Magazin zu lösen.

Denn VJ! sind auf Promotour durch vier deutsche Städte, und es gibt wohl kaum eine bessere Gelegenheit, diese Band nackt und verunsichert zu erleben, als in Interviews mit So-gar-nicht-Indie-Typen von Brigitte, Young Miss oder FHM. Da Gesprächskreise solcher Art aber auf die Dauer zu sehr schlauchen, hat sich der von der Plattenfirma abgestellte Promoter Christian etwas Besonderes einfallen lassen: An jedem zweiten Tag darf die Band ihre Livequalitäten zur Schau stellen, und zwar im kleinen Rahmen eines kostenlosen Gigs in ausgewählten Plattenläden. Gute Idee, mal sehen, was die Jungs daraus machen.

Tag #1. Hamburg

Als Treffpunkt haben wir den Rekord-Plattenladen ausgemacht, den Ort, an dem abends die Premiere der Shopgigtour stattfinden soll. Die Band erkennt mich. Doch mein Ruhm ist nur von kurzer Dauer, dann wendet sie sich wieder leicht nervöser Betriebsamkeit zu. Der Platz, den Angelo, Mathias, Nino und Thomas für ihren Auftritt zugewiesen bekommen haben, ist ein käfigähnlicher Abschnitt direkt am Schaufenster, vielleicht acht Quadratmeter groß. Mühsam quetschen die vier ihr Equipment zwischen die Geländer. Sie entscheiden sich dafür, alle zusammen in dieser kuscheligen Enge zu performen, und sehen dabei so richtig Mitleid erregend aus. Gewieft kalkuliert, denn diese abgezockte Mitleidsnummer funktioniert dann beim Gig am frühen Abend auch bestens: Das Publikum kommt zahlreich, geht auf die Kommunikationsangebote ein und spendet warmen Beifall.

Danach gehen wir in Begleitung einiger alter Freunde, darunter EinsZwos DJ Rabauke, zum Italiener. Bei Pasta und Pizza werden wir langsam warm miteinander und fangen an, die Ereignisse der letzten Monate und andere Nettigkeiten auszutauschen. Es ist sehr spannend, eine Band zu begleiten, die man schon relativ früh wahrgenommen und seitdem auch nicht aus den Augen verloren hat. Gerade jetzt, wo durch die Veröffentlichung des Albums auf Motor Music ein Promotionaufwand bisher ungekannter Ausmaße auf sie zukommt. Termine, die Neuland bedeuten, obwohl sich Teile der Band mit ihrem Fanzine Knaartz um die Jahrtausendwende schon mal selbst am Rande des Biz' und seiner 1000 kleinen Unmöglichkeiten aufhielten. Doch während andere wohl vor jeder Entscheidung abwägen würden, ob das denn jetzt so in Ordnung gehe oder eher abzulehnen sei, nehmen sie jede Herausforderung mit erfrischender Unbekümmertheit: "Wir machen unsere Musik selber, und wir kümmern uns alleine um unseren Kram, und solange es Leute gibt, die unsere Musik gut finden könnten, sollen die auch mitbekommen, dass es uns gibt, egal, ob das im Intro oder der FHM oder wo auch immer passiert."

Im Laufe des Abends, der irgendwann am frühen Morgen in der Hamburger Kneipe Mutter endet, kommen wir auch noch auf die Anfänge der Band zu sprechen, bei denen, oh Wunder, unser kleines Musikmagazin indirekt auch eine Rolle spielte: "Die Idee, die hinter Virginia Jetzt! steckte, wurde geboren auf einer Fahrt von Berlin nach Hamburg zum Introducing-Festival. Wir haben dort nämlich erfahren, dass Liquido von ihrer 'Narcotic'-Single über eine Million Exemplare verkauft haben. Da gab's uns schon ein paar Tage, und wir dachten, genauso müsste es sein: englische Texte, total einfach, beschissene Keyboard-Melodien, kein Indie-Kram mehr, sondern poppig. Das machten wir dann ca. ein halbes Jahr, bis wir merkten, dass das totale Scheiße ist. Die Musik war uns einfach zu wichtig." Schön, wenn junge Leute nach einer Zeit auf Irrwegen auf den Pfad der Tugend zurückfinden. Und schön, dass sich VJ! dann doch noch dafür entschieden haben, genau die Songs zu machen, die jetzt den Weg auf "Wer Hat Angst Vor ..." gefunden haben.

Tag #2. Immer noch Hamburg

Neben drei Tagen aus purem Rock'n'Roll gegossen bietet mir dieser Trip noch ein ganz besonderes Bonbon: Ich habe die Erlaubnis erhalten, an diesem Tag den Interview-Schedule der Band zu begleiten. Sehr reizvoll, Kollegen von Presseorganen verschiedenster Couleur bei ihrer Arbeit zuzuschauen. Es zeigt sich recht schnell, dass Musiker, nur weil sie ein Album veröffentlichen, noch lange nicht angehalten werden, dazu auch Stellung zu nehmen. Da versteigt sich mancher auch mal zu einer Äußerung à la: "Es gibt nichts Langweiligeres als Musiker, die über ihre Musik reden." Stattdessen wird die Band auf Sexappeal und den favorisierten Frauentyp hin abgetastet. Die Berliner ertragen das alles mit einer Engelsgeduld, können dem sogar fast immer noch etwas Positives abgewinnen. Nach und nach zeigt sich, dass sich bei Virginia Jetzt! vier Musiker zusammengefunden haben, allesamt recht unterschiedliche Charaktere, die sich aber doch im Laufe der Zeit perfekt aufeinander abgestimmt haben. Sie funktionieren wie die Teile eines Puzzles, und das weit über den musikalischen Aspekt hinaus.

Z. B. sind die Aufgaben beim Ein- und Ausladen des Equipments klar verteilt, da nur Drummer Angelo die handwerklichen Skills besitzt, so einzuräumen, dass auch alles Platz findet. Und auch bei den Interviews kommt ihnen ihr ausgezeichnetes Teamplay zugute: Während Gitarrist und Songwriter Thomas Dörschel eher ernste und nachdenkliche Aspekte des Interviews bedient, ist besonders Bassist Mathias Hielscher für die humoristische Note auch in eher peinlichen Momenten verantwortlich. Insgesamt ist die Band in der Lage, sich auf jeden Interviewer gleichermaßen einzulassen und den von ihm/ihr ausgelegten roten Faden aufzunehmen. Und das immer mit einem bandinternen Humor, der Distanz schafft und trotzdem so offen ist, dass man sich als Außenstehender nicht von Insidergags erschlagen fühlt. Ein nicht zu unterschätzendes Gut, gerade wenn die Magazine im Halbstundentakt bedient werden wollen.

Tag #3. Von Hamburg nach Köln

"Im Bus mit ...", das ist doch eine neue Idee, die ähnlich vielversprechend investigativen Journalismus möglich machen könnte wie der Husarenstreich unserer "Kochen mit ..."-Rubrik. Man müsste sich als Pressevertreter nur ein bisschen anstrengen und die Musiker aus der Lethargie stundenlanger Autobahnfahrten herausholen. Sonst ist so was nämlich so langweilig wie jede andere Autofahrt auch. Hilfreich ist immer ein Discman mit Adapter fürs Kassettendeck, um wenigstens die neuesten Platten gemeinsam rezipieren zu können. Wohlwollend aufgenommen werden die neuen Veröffentlichungen von Tele und den Cardigans und natürlich das komplette Oeuvre der Get Up Kids.

So vergeht die Zeit, und je näher wir Köln kommen, desto häufiger werden die Anrufe befreundeter Kölner und Nichtkölner, die sich gerade in der Stadt befinden, um die gemeinsame Abendgestaltung zu planen. Denn VJ! sind eine Band, die dank unbändiger Kommunikationslust in Musiker- und Medienkreisen mittlerweile viele Freunde und Bekannte hat. Dazu kommt eine starke Verwurzelung innerhalb der Popszene Berlins, in die z. B. auch die Band Astra Kid gehört, die am Abend das Vorprogramm von Tele bestreiten wird und per Telefon dazu einlädt.

In Köln angekommen, blamiere ich mich erst mal großartig durch völlige Unkenntnis meiner eigenen Stadt, doch hatte es sich glücklicherweise wohl schon vorher herumgesprochen, dass man sich diesbezüglich auf mich noch nie verlassen konnte. Der abendliche Auftritt im Normal findet jedenfalls regulär statt und toppt den Hamburger Gig noch mal, auch dank der entspannten Weitläufigkeit der Location. Ich verabschiede mich danach und verlasse die Band, die weiter eifrig die Saat setzt für eine erfolgreiche Albumveröffentlichung und eine umjubelte Tour im Mai und dann den ganzen Festival-Sommer hindurch.