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Das Album wird Erscheinen! oder The Man Who Wasn't There

Vikter Duplaix

A smart man from Philadelphia. Vikter Duplaix hält den Hype am Leben, über den in den letzten zwei Jahren unermüdlich berichtet wurde. Nun, es gab auch einigen Anlass, schien man in dieser Stadt doch kaum noch zu schlafen. Eine Lawine großartiger Alben und Songs von Künstlern wie Erykah Badu, Bilal,
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A smart man from Philadelphia. Vikter Duplaix hält den Hype am Leben, über den in den letzten zwei Jahren unermüdlich berichtet wurde. Nun, es gab auch einigen Anlass, schien man in dieser Stadt doch kaum noch zu schlafen. Eine Lawine großartiger Alben und Songs von Künstlern wie Erykah Badu, Bilal, Common, Musiq Soulchild, D'Angelo, The Roots, Ursula Rucker, King Britt, Jill Scott u. a. überschüttete die Welt - und einen nicht geringen Anteil daran hat, genau: Vikter Duplaix.

Ein pragmatischer, realer Geschäftsmann auf der einen Seite, der es mit seiner Produktionseinheit Axis Music Group verstanden hat, den Majors das Geld vorzuenthalten, Knebel-Verträgen aus dem Weg zu gehen und sich die Basis für ein unabhängiges Arbeiten zu schaffen. Ein Visionär des Soul und unkonventioneller DJ auf der anderen Seite, mit dem Hang zum Größenwahn, schenkt man Berichten aus den letzten Monaten über ihn glauben.

Ist er in seiner Funktion als Produzent und Engineer bisher wohl überwiegend Menschen mit Faible fürs Kleingedruckte auf Plattencovern bekannt, zieht es ihn nun hinaus, auf das nächste Level, auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Ein Solo-Album ist angekündigt. Und damit wiederholt sich eine alte Geschichte, mit mehr oder minder erfolgreichem Ausgang.

Star-Produzenten und Label-Macher verlassen das Studio oder den Schreibtisch, um selbst im Rampenlicht zu stehen. In den letzten Jahren sind an diesem Versuch glorreich gescheitert: James Lavelle, Chef des Mo-Wax-Imprints mit seinem Projekt U.N.K.L.E.; Jermaine Dupri, Produzent von Stars wie Kriss Kross, M. Carey, TLC, Usher und Da Brat; Timbaland, der wohl einflussreichste HipHop-Produzent der späten 90er mit seinen Solo-Projekten (in Gemeinschaft mit dem Rapper Magoo). Erfolgreich hingegen verlief es für Norman Cook, der in den 90ern als Pizzaman hinterm Pult für eine ganze Anzahl von No.1-Hits verantwortlich war und diesen Erfolg mit seiner Figur des Fat Boy Slim fortsetzen konnte. Sowie natürlich Puff Daddy, oh Verzeihung: P. Diddy, der sich trotz eines bedrohlichen Karriereknicks vom Produzenten zum erfolgreichen Rapper entwickelt hat.

Dieser Tage wird also ein weiterer Versuch der Transformation vom unscheinbaren Fädenzieher und 12-Inch-Produzenten zum Produkt Pop-Star in Angriff genommen. Nicht ohne Hoffnung, denn die in den letzten Monaten veröffentlichten brillanten 12-Inches lassen diese berechtigt erscheinen - einerseits. Anderseits sind da die großspurigen Ankündigungen, mit denen er auf sich aufmerksam gemacht hat. Er wolle sich nicht mit kleinen Erfolgen zufrieden geben.

Er sieht sich als Superstar, der nur noch sein Album in die Läden stellen muss - und dann mit ansehen kann, wie ihm die Leute zujubeln. So erfolgreich wie Missy Elliott wolle er werden, konnte man vernehmen. Bisher blieb es bei den Ankündigungen, und so wartet manch einer auf die Veröffentlichung des angekündigten "Mega-Sellers", dessen Erscheinung seit Monaten fortwährend verschoben wird. Neuer Termin ist dieses Frühjahr, es bleibt abzuwarten, ob er ihn einhalten wird, angesichts des Erfolgsdrucks, den er sich selbst setzt. "Es wird erscheinen. Verlass dich drauf!" beteuert er am Ende des Interviews, das ich anlässlich seiner DJ-Tour durch Deutschland (siehe www.betalounge.de im Audio-Archiv den Mix seiner Hamburger Show vom Dezember) und der von ihm zusammengestellten "DJ Kicks"-Compilation in Hamburg mit ihm führen durfte.

Nu-Jazz mit Eiern

Die 12-Inch "Manhood" rief ob ihres unglaublich reduzierten rhythmischen Gerüsts und einer Stimme, die wie from outer space von der körperlichen Liebe sang, 1999 genreübergreifende Begeisterung sowohl unter Nu-Jazzern als auch unter Minimalisten hervor. Dieser Song kratzte in seinem soulfulen Minimalismus genau in dem Moment an Philadelphias Strukturen und ästhetischen Paradigmen, als diese zu Konventionen zu werden schienen, und bot gleichzeitig einen Ausweg aus dem Erstickungstod, dem sich diese Musik mit ihren Rhodesflächen auszuliefern schien. Der Release ließ auf Großes hoffen, für das Album. Doch die Zeit ging ins Land, Jahreszeiten strichen über die Sonnenuhr, und nichts geschah. Zwischenzeitlich erschienen Remixe des Songs.

Und nun, als sollte man bei Laune gehalten werden, ein Beitrag zur fragwürdigen "DJ Kicks"-Reihe, die mit ihren Wiener Protagonisten Kruder&Dorfmeister einst Max Goldt zu der Erfindung des Begriffs des Bessergestellten-Listenings angeregt haben könnte. Leider eine ernüchternde Angelegenheit angesichts der Auswahl von Songs und auch der eigenen bisher unveröffentlichten Tracks, die eben nicht das Potential von "Manhood" aufweisen. Derartiges kennt man von King Britt oder auch von bajuwarischen Jazz-Entfremdern um Rainer Trüby, von Mr. Duplaix hätte man etwas anderes erwartet. Bösartig gesprochen, handelt es sich schlicht um Nu-Jazz-Geballer, freundlich gesprochen vielleicht um Nu-Jazz mit Eiern. In jedem Fall ernüchternd, vor allem, weil er als DJ in keiner Weise in Erscheinung tritt, sondern die Songs durch eine weibliche Elektro-Stimme verbindet, die immer wieder eintönig erklärt, man höre hier gerade den "Universal Sound of Vikter Duplaix".

Diesen Mann zu treffen allerdings ist eine wahre Freude. Er zeigt sich als extrem reflektierter, offener Mensch, der wohl auch durch seine DJ-Kontakte in die House-Szene und insbesondere nach Europa weit über den Tellerrand des prototypischen US-Rappers hinausschaut. Gleich zu Beginn muss ich meine Vorstellungen von ihm aufs Schärfste revidieren, hatte ich doch durch verschiedene Interviews das Bild eines arroganten Producers gewonnen. Das Gegenteil ist der Fall: Ein sympathischer, entspannter junger Mann sitzt mir da an der Alster gegenüber, der sich wohlwollend auf das Gespräch einlässt.

Axis Music Group

Seine musikalische Laufbahn begann er als DJ im zarten Alter von 13 Jahren. Mit 18 bot ihm Jazzy Jeff die Chance, als Producer bei seiner Firma A Touch Of Jazz einzusteigen. Mittlerweile hat er gemeinsam mit James Poyser die Axis Music Group gegründet. Gemeinsam stellen die beiden eine der treibenden Kräfte hinter dem Philly Movement dar. Vikter Duplaix hat in den letzten Jahren an über 100 erfolgreichen Produktionen teilgenommen.

Erzähl mal, wie das alles angefangen hat! Du hast ja bereits eine ziemlich interessante Karriere hinter dir.

Duplaix: "Touch of Jazz war eine Firma, die Jazzy Jeff finanzierte - er stellte das ganze Equipment zur Verfügung, wusste aber nicht, was er damit machen sollte. Das gab uns die Möglichkeit, unsere Skillz zu entwickeln. Mit 18 hatte ich so bereits eine Firma und war deren leitender Chef. Das war verrückt und wurde mit der Zeit auch unmöglich. President einer Music Company, gleichzeitig deren Producer und Engineer. Zudem hing ich permanent mit den Stars herum, war aber noch ein Junge von 18 Jahren. Das war einfach zuviel, und ich verließ die Firma, um mich als Individuum verwirklichen zu können, das war ein sehr wichtiger und einschneidender Moment, denn alles musste von vorne begonnen werden. Den einen Tag repräsentierst du eine Multi-Platinum-Company, am nächsten Tag kennt dich kein Mensch mehr! Keiner verstand, warum wir so etwas hinschmissen."

Wie hat Jazzy Jeff auf deine Entscheidung reagiert?

Duplaix: "Es war nicht einfach. Wir waren gute Freunde, er war wie mein älterer Bruder für mich, aber am Ende hat es für ihn auch funktioniert. Er hat neue Leute eingestellt, die mit seinem Equipment spielen konnten, um Producer zu werden. Aber ich denke, er hat es verstanden. Die Firma hat dann ja auch Jill Scott, Musiq Soulchild und zwei Will-Smith-Alben produziert. Ich sehe das heute als die Lernphase meiner Karriere an, momentan bin ich in der Mittelphase und bereite mich auf den Höhepunkt in einigen Jahren vor, bevor es ans Abschlaffen geht." "Mit Axis machen wir eigentlich dass, was Jeff für uns getan hat: Wir ermöglichen jungen Leuten, ihre Skillz zu entwickeln. Mittlerweile sind wir eine Multi-Entertainment-Business-Company, die sich um die Musikproduktion, den A&R-Bereich, das Artist-Management und den ganzen Kram kümmert. Gerade haben wir mit Columbia einen Deal für unsere Künstlerin Vivian Green abgeschlossen. Sie löst eine Menge Begeisterung aus. Ich glaube, sie wird die neue Columbia-Diva. Ich bin ziemlich dankbar, wie es bisher gelaufen ist, weil wir den meisten einfach 15-20 Jahre voraus sind, nur weil wir so früh schon mittendrin sein durften. Aber es gibt immer noch viel zu lernen. Ich versuche momentan, so viele internationale Business-Kontakte wie möglich zu machen, um dieses Geschäft zu verstehen. Wie sich Axis entwickeln wird, weiß heute keiner, aber wir tun alles, um unabhängig zu bleiben. Hoffentlich landen wir eines Tages in Hollywood; Filme machen und dann wirklich entspannt relaxen."

Wie sieht die Zusammenarbeit mit James Poyser aus?

Duplaix: "Wir haben recht unterschiedliche Ansätze. Die Zusammenarbeit hat sich über die Jahre geändert. Zu Beginn war es so, dass ich die Tracks gemacht habe und er Keyboards drübergespielt hat und für den Mix verantwortlich war. Mittlerweile ist er ein viel umfassenderer Producer, Songwriter, Engineer. Das gibt uns die Möglichkeit, in verschiedensten Konstellationen zu arbeiten. Wir schreiben beide, teilweise greift man ein, ab und an kommentiert man nur oder macht den Mix. Wenn wir andere Künstler produzieren, wird die Musik gar nicht berührt, und wir fungieren in einer eher klassischen Produzenten-Haltung.
Wir sind die kreativen Führer unserer Organisation, die viele Produzenten beschäftigt. Das gibt uns die Möglichkeit, wirklich exakt das zu tun, was wir preferieren. James hat sich ziemlich in diesem jazzigen Sound eingerichtet und ist der Meister dessen, was als Philly-Sound um die Welt geht. Ich hingegen versuche mich nicht auf eine Kategorie festzulegen und künstlerisch alle Richtungen offenzuhalten. Mittlerweile sind wir finanziell so gut abgesichert, dass wir wirklich nur noch die Musik machen, die wir machen wollen."

Jetzt kannst du dich also voll um deine Solo-Karriere kümmern, von der man immer wieder lesen kann! Wie wichtig ist ein No.1-Hit?

Duplaix: "Oh, es geht mir nicht darum, ein reicher Künstler zu sein, sondern den Leuten ein gutes Gefühl zu geben. Immer, wenn mich jemand auf meine Musik anspricht und sagt, dass er das mag, bin ich unglaublich glücklich. Wenn ich mir jetzt vorstelle, die Massen zu erreichen und sie glücklich zu machen, wäre ich wohl der glücklichste Mensch der Welt, das erleben zu dürfen."

Falls das klappt, würdest du dich automatisch aus der sozialen Sphäre herauskatapultieren, in der du momentan bist. Hast du davor keine Angst?

Duplaix: "Nein, ich denke, das ist deine eigene Entscheidung. Du musst dich ja nicht gleich über die Leute erheben. Ich denke, man muss in solchen Momenten versuchen, den Leuten auf der Straße weiter zugänglich zu bleiben. Das hat einen großen Wert. Muhammed Ali hat das als der wohl größte Star seiner Zeit wunderbar gezeigt. Wenn er über die Straße ging, war er auch auf der Straße und hat die Menschen berührt und mit ihnen geredet. - Das ist natürlich heutzutage nicht mehr so einfach, angesichts all der Verrückten und fanatischen Menschen. Du weißt nicht, ob sie dir die Hand schütteln oder dich erschießen wollen."

Die Axis Music Group stellt innerhalb des Business eine Seltenheit dar, sitzen hinter den Schreibtischen doch überwiegend Musiker und Produzenten. Menschen also, die wissen, was künstlerische Auseinandersetzungen, Zweifel und Kämpfe bedeuten, welche Zwänge und Ängste das Produzieren von Musik bedeuten kann und dass Karrieren auch ganze Biografien vernichten können. Eine autonome Einheit innerhalb des Verwertungssystems, die ihre Künstler schützt und ihren Protagonisten die künstlerische Freiheit auf Dauer gewährleistet, wird hier geboten.

In den meisten Fällen ist allerdings das Gegenteil der Fall. Künstler werden zum Spielball der Industrie, nicht selten mit katastrophalen Folgen. Jüngstes Beispiel für den seelischen Verfall qua Biz ist, neben Harald Juhnke, Mrs. Heartbreaker Mariah C. Bild berichtet (direkt neben "Geheim-Akte Hitler" und gleich unter dem "Sägemord") über die gefallene Diva: "Am Ruhm gescheitert, der tiefe Fall der Mariah C." Das Tollste: Hier spricht ein wirklich enger Kenner der Lady. Da heißt es: "Ich, der Bild-Reporter, kenne sie (Marc C. Werthmann)". Man fragt sich: woher. Bild weiter: "Vier Interviews in vier Jahren". Aha! Na dann. Die Arme! 1999 empfindet der Kenner sie noch als Vamp mit Ausschnitt im Gletscherspalten-Format. Anfang 2002 dann als "weidwundes Reh, mit gelerntem Lächeln und auf Diät!" Attest des Carey-Fachmans: "Diese Frau kann alles glücklich machen, nur eins nicht. Geld!" Da staunt der Intro-Leser und möchte fast das Blatt austauschen angesichts soviel Hintergrund-Wissen. Hier würde statt dessen nur wieder über die Unverantwortlichkeit ihres Kosovo-Auftritts 2001 gewettert. Hach, wo waren wir denn? - Ja, richtig: Aufstieg und Fall von Stars.

An dieser Stelle, an der ich um das Nicht-Vorhandensein eines Bild-Abos, dem einzigen wirklichen Blatt für Popkultur und Politik, trauere, nur soviel: Vikter Duplaix viel Glück, auf dass er nach seinem angestrebten Erfolg nicht in der Kolumne des Insiders Marc C. Werthmann landen möge. Da könnte dann stehen: Das Ende eines kühnen Traums. Vikter Duplaix zieht sich in sein Studio zurück. Doch er hat die besten Voraussetzungen, nicht zermalmt zu werden. Er hat die Stimme, das Aussehen, die Weitsicht und den Soul. Na, jetzt warten wir erst mal auf das Album. Danach sehen wir weiter. Das Album wird auf Universal-Hollywood erscheinen und soll mit einer großen multimedialen Kampagne vermarktet werden. Wenn alles gut geht: im Frühjahr.