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»Alles hat so viel Bedeutung«

Vierkanttretlager im Gespräch

Mit »Die Natur greift an« haben Vierkanttretlager die Bühne betreten, auf ihrem zweiten Album »Krieg & Krieg« ringen sie nun mit den großen Fragen. Ist der Mensch im Grunde schlecht? Wird es jemals einen Frieden ohne Krieg geben? Miriam Mentz klärte diese Fragen für uns mit Max Richard Leßmann, Christian Topf und Leif Boe.
Geschrieben am
Würden wir einer der Grundaussagen eures neuen Albums folgen, sollten wir dieses Gespräch gleich sein lassen. Wir können uns nur falsch verstehen. 
Max: Gerade in Bezug auf Kunst wäre das gar nicht so falsch. Aber man muss ja Marketing machen und kann sich nicht einfach nur hinsetzen. Obwohl das sicher das Konsequenteste wäre. Wie ich auf dem Album ja auch sage – nein, das sage ich gar nicht, die Zeile hat es nicht drauf geschafft –, aber trotzdem: »Wenn ich schweigen würde, würde mich auch keiner verstehen.« Man muss erst mal etwas auftürmen, damit man es wieder einreißen kann.

Dann versuchen wir es trotzdem. Was verbindet ihr denn mit dem Begriff »Krieg«?
M: Er ist total mächtig, hat aber viel von seinem Schrecken verloren, weil Krieg allgegenwärtig ist. Der Grund, warum Krieg auch den Titel bildet, ist dieses ständige Spiel mit Krieg und Frieden, bei dem der Mensch dafür sorgt, dass der Frieden nie einkehrt. Seit Anbeginn der Menschheit hat sich Krieg an Krieg gereiht. Das »&« ist eigentlich das Grausamste am Titel. Es steht für den Menschen. Wenn man das & wegstreichen würde, dann könnte es ein Ende geben.
Christian: Natürlich ist Frieden das schönere Wort, aber ruhigen Gewissens kann man das ja kaum benutzen. Selbst in Friedenszeiten kann man nicht wirklich von Frieden reden. 
M: Man sieht die Mechanismen von Krieg auch im Kleinen ständig. Die sind tief verwurzelt in uns allen.

Ist für euch also das, was an manch einer Gartenhecke los ist, im Kern mit dem vergleichbar, was in Krisengebieten gerade passiert?
C: Wir wollen natürlich niemanden verhöhnen. Das ist auch das einzige Problem, das ich noch mit dem Album habe: Ich weiß nicht, ob ich es meiner Oma so vorbehaltlos zeigen könnte. Sie hat einen richtigen Krieg erlebt, und wir wissen gar nicht, wie das ist. Aber darum geht es nicht. Es ist für uns eher ein Umgang mit dem Ist-Zustand.
M: Wir beziehen uns da ja auch mit ein. Wir wollen nicht bloß anprangern. Ein zentrales Thema des Albums ist, dass der Protagonist mit dem Zwischenmenschlichen nicht klarkommt und sich darüber immer wieder bewusst wird. Dass es immer wieder Zerreißproben gibt. Man glaubt, man hat die Liebe gefunden, und es funktioniert dann doch nicht. Es geht um Fehlbarkeit und darum, dass wir es nicht schaffen, uns zu verstehen. Letztlich spricht eine gewisse Ratlosigkeit aus dem Album, die wir auch als Nährboden für Neues anbieten wollen.
Gewissermaßen geht es also auch um die Hoffnung auf Gegenbeweise, um Hinweise darauf, dass sich die Menschen doch verstehen können?
M: Keine Hoffnung, aber die Hoffnung auf Hoffnung. Ich glaube, was ich da sage, aber ich würde mich durchaus freuen, eines Besseren belehrt zu werden!
C: Für mich geht es dabei auch gar nicht so sehr darum, ob ich das nun glaube oder nicht. Das führt ja alles nur zu dieser Enddiskussion, ob der Mensch nun gut ist oder schlecht. Und wer weiß das schon.  M: Ich! Der Mensch ist schlecht.
C: Für mich ist dieses Album mit der Zeit inhaltlich auch wegen des Kahlschlags so wichtig geworden. Man sagt immer so schnell, es bringe ja wenig, Gutes zu tun. Aber was wäre, wenn es überhaupt nichts brächte? Und genau da kann man ja auch wieder anfangen.
M: Aus einer inneren Leere kann viel entstehen. Dieses Gefühl, das ich glücklicherweise nur aus Filmen kenne: am Abgrund zu stehen, kurz vorm Springen zu sein und dann doch zu merken, dass es vielleicht auch eine gute Idee ist, einen Schritt zurückzutreten und jemanden in den Arm zu nehmen.
C: Genau: Wenn man das Album fertig gehört hat, soll man einfach jemanden in den Arm nehmen. 
Leif: Auf dem letzten Black-Keys-Album klebte der Sticker »Play loud«. Bei uns sollte ein »Bitte nicht alleine hören«-Sticker kleben. M: Das bringt dann auch Leute zusammen, wie bei einer Partnerbörse.

Man könnte das sicherlich schnell als eine Art hedonistischen Aufruf verstehen. Stichwort »#yolo«?
M: Das haben wir schon oft gehört, aber darum geht es uns nicht. Das Album so zu verstehen hängt wohl mit dem Misstrauen zusammen, das man den Menschen gegenüber hegt. Da steckt das große Missverständnis. Vermutlich auch, weil viele Leute sich unterschätzen und sich nicht zutrauen, mit ihrer Freizeit was Sinnvolles anzufangen. Ich sehe das anders. Zu sagen, es gäbe nichts Bestimmtes, worauf das Leben hinausläuft, hat für mich etwas unglaublich Schönes. Ich kann jeden Moment dazu benutzen, dass er einfach großartig wird. In #yolo liegt ja eigentlich auch eher die Aufforderung: »Mach was! Du hast nur ein Leben!« Doch das allgemeine Verständnis geht da in eine andere Richtung. Da wird man zur Unmündigkeit erzogen, wenn mir als Erstes einfällt, in die Disko zu gehen oder mich einfach nur volllaufen zu lassen. Diese Art der Zerstreuung steckt ja eigentlich gar nicht so tief in den Leuten, wie sie glauben.

In die Disko zu gehen gehört etwa nicht zu den menschlichen Urinstinkten?
C: Haha, darum geht es auf dem nächsten Album! Um den Urinstinkt, in die Disko zu gehen! Das nehmen wir dann mit Nile Rodgers auf.
M: Es geht für uns darum, Sinn zu verlieren. Alles hat so viel Bedeutung. Von dieser Bedeutung Abstand zu nehmen kann auch eine ganz große Befreiung sein. Ganz ohne Hedonismus – außer vielleicht mal am Wochenende. Beim letzten Album war das auch schon ein großes Thema, da gab es #yolo noch gar nicht. An und für sich haben wir #yolo erfunden! 
C: #gdlks (Gib deinem Leben keinen Sinn). M: Wir haben es zwar erfunden, aber wir meinen das anders. #yolo könnte großartig sein, es könnte absolut das Beste sein! 
L: Wobei #yolo mittlerweile ja auch wieder durch ist, #läuftbeidir ist das neue Ding.
C: Kann man #läuftbeidir eigentlich irgendwie schlau interpretieren?
M: Es läuft bei allen darauf hinaus, dass sie am Ende tot sind. Aber in #yolo steckt eine Chance, die größer ist als die Chance, in die Disko zu gehen! 

– Vierkanttretlager »Krieg & Krieg« (Buback / Indigo / VÖ 17.04.15)

Vierkanttretlager

Krieg&Krieg

Release: 26.03.2015

℗ 2015 Buback Tonträger