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Kontinuität und Neuanfang

Victims Family / Shapes & Forms

Zugegeben: Dies ist ein eigenartiger Text. Anlass für ihn sind zwei Neuerscheinungen, die auf den ersten Blick nichts, wirklich gar nichts miteinander gemeinsam haben. Da sind zum einen Victims Family, US-Hardcore-Progressive-Metal-Crossover. In den Achtzigern wurde ihr Stil einmal "Jazzcore" genann
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Zugegeben: Dies ist ein eigenartiger Text. Anlass für ihn sind zwei Neuerscheinungen, die auf den ersten Blick nichts, wirklich gar nichts miteinander gemeinsam haben. Da sind zum einen Victims Family, US-Hardcore-Progressive-Metal-Crossover. In den Achtzigern wurde ihr Stil einmal "Jazzcore" genannt. Mit "Apocalicious" haben sie sich nach sechs Jahren zurückgemeldet. Und zwar so, als ob zwischenzeitlich nichts geschehen wäre. So, als ob noch jemand auf ihre Rückkehr gewartet hätte. Seltsam und damit beinahe rührend marginal.

Auf der anderen Seite sind da Shapes & Forms, weniger eine Band als ein Elektro-Projekt des Schweizers Diego Hostettler und des mittlerweile in Amsterdam lebenden Briten Dave Ellesmere. Die beiden haben sich übers Netz kennengelernt. Ihre Platte ist nach dem alten Mail-Prinzip entstanden: "Einer fängt an, dann wird fleißig ausgetauscht und wieder zurückgeschickt", wie Diego erzählt. Ihre entspannten, äußerst stilvollen, von Ambient und Deep-House-Resten durchspülten Tracks sind von Victims Familys nostalgischen und überladenen Rock-Gebärden geradewegs um Galaxien entfernt.

Warum also dieser Artikel? Nun, da gibt es etwas, was auf den ersten Blick nur wie eine Fußnote wirkt, sehr wohl aber Anlass gibt, grundsätzliche Fragen nach musikalischen Entwicklungen zu stellen: Dave Ellesmere, die eine Hälfte von Shapes & Forms, war vor seiner Zeit als distinguiert-stilsicher arbeitender Elektroniker niemand anderes als der Drummer von Discharge.

Discharge, wir erinnern uns: Eins-zwei-drei-Rumpelpunk, Irokesen-"Fuck Society"-Haltung, straffe Gesinnungsmusik, vorgetragen in von Bierlachen und Hundekot dekoriertem Ambiente. Für die einen eine Offenbarung, für die anderen bereits - nicht ohne Grund - sicheres Anzeichen für den Niedergang von Punk. Dass allerdings einer, der aus solchen Zusammenhängen kommt, heute wiederum stilistisch weiter ist als eine Band wie Victims Family, die dereinst einmal gegen den "Stumpfpunk" von Discharge und Konsorten angetreten war, wirft geradezu geschichstphilosophische Fragen auf. - Na also, da haben wir ihn ja, den Anlass für diesen Artikel.

Victims Family haben sich 1984 gegründet, den Durchbruch erlangten sie jedoch erst in den späten Achtzigern. Ähnlich wie Nomeansno gelang ihnen der Spagat zwischen Integrität und musikalischer Virtuosität, mit dessen Hilfe sie für gleich zweierlei Formen der Abgrenzung sorgten. Ihre Virtuosität richtete sich gegen die Schwundform von Punk, gegen eine von Suff und Parolen durchsetzte Szene, die sich alljährlich auf Exploited- und UK-Subs-Konzerten traf, um dort Rituale einer längst erstarrten Wildheit aufzuführen. Also auch gegen Discharge und deren eindimensionale, einfache Erklärung der Welt.

Andererseits war da die Integrität, das politische Sendungsbewusstsein von Victims Family, ihre Verbundenheit mit einer unabhängigen Szene, innerhalb derer sie sich deutlich von ähnlich virtuosen "Frickel"-Bands wie Red Hot Chili Peppers und Primus unterschieden. Obwohl Victims Family das Zeug gehabt hätten, ähnlich erfolgreich wie jene zu werden. Ein wesentlicher Unterschied: Sie waren menschlicher, sympathischer, am Dialog interessiert und wurden deshalb nicht als Poser wahrgenommen, obwohl ihre Musik auch jede Menge Posing besaß.

Heute jedoch wirkt das Comeback mit alten Mitteln mehr als nur mager. Es klingt vor allem deshalb verbraucht, weil die Strategie von damals nicht mehr greift. Die musikalische Entwicklung der letzten Jahre hat Victims Family geschluckt und lässt sie inzwischen nach genau dem MTV-Retorten-Sound klingen, gegen den sie einst opponierten. Wie so etwas passieren kann? Nun, Emotionen verschieben sich, sind von Kontexten abhängig, von momentanen Befindlichkeiten und von Schlachtfeldern, deren Aufstellung sich permanent ändert. Auf "Apocalicious" bemühen sich Victims Family noch immer um politisch höchst anspielungsreiche Texte. Doch gerade dies wirkt inzwischen bei jeglichem Fehlen einer persönlichen, emotional anteilnehmenden Komponente haarsträubend konstruiert, so konstruiert wie die auf Achtel und "abgefahrene" Breaks hin geschriebene Musik.

Anfang der Neunziger, als Neonazis die ersten Anschläge und Morde in Rostock und Mölln verübten, hatte Diedrich Diederichsen in seinem Essay "The kids are not alright" die These aufgestellt, dass Gefühle wieder faschistisch geworden seien. In einem Plädoyer auf die Melvins sprach er sich für eine Musik aus, die Emotion bewusst destruiert und damit jegliche Form von falsch verstandener "Community" verhindert. In die damalige Stimmung einer Verweigerung gegenüber falscher Emotion passte die kühl-analytische Fingerfertigkeit der Victims Family ebenso wie die mathematisch durchkonstruierte Musik von Naked City, der damaligen Band von John Zorn, die auf die Hardcore-Szene großen Einfluss ausgeübt hatte. Interventionen dieser Art machten als Statement, nicht aber als Dauerzustand Sinn.

Ein gutes Beispiel bietet John Zorn selbst: Nach Naked City begann in Zorns Entwicklung eine eher ruhige, sehr emotionale Phase, geprägt von der Beschäftigung mit jüdischer Folklore und den introvertiert "sphärischen" Klangwelten von John Cage und Morton Feldman. Auch die sogenannte Independent-Musik löste sich vom kühlen Paradigma, begann sich in Klangstrudel zu verlieben, sphärisch, emotional, weich. Auf zehn Jahre Punk, Hardcore, Metal und Crossover folgten "fließend" arbeitende Bands und Musiker wie Stereolab, Jim O'Rourke, Mouse On Mars, Palace Brothers ... Und Hardcore selbst begann zeitgleich, wo er nicht völlig zum MTV-Gehampel verkam, im "Emo" den harten gegen einen weichen Kern auszutauschen.

Das Bekenntnis zu einer neuen Form von Widerstand war geboren, ein Bekenntnis, das sich eher - und effektiver - in Klangfarben ausdrückt, in fließenden Sounds statt in analytisch zappaesker Griffbrett-Arbeit. Indie und Dancefloor, Gitarre und Elektronik - Anfang der Neunziger noch scheinbar unversöhnliche Antipoden - haben eine gemeinsame Sprache gefunden, einen gemeinsamen Flow. Demgegenüber wirken Victims Family inzwischen wie aus einer lange vergangenen Zeit zu uns gespült. Ihr "Brain"-Rock, der einmal für aufgewecktes politisches Bewusstsein gestanden haben mag, klingt plötzlich ungemein didaktisch, ja so verkrampft wie für den Musikunterricht geschrieben. Nicht die Haltung ist unzeitgemäß, sondern die musikalische Herangehensweise. Dass es auch anders geht und dass Hardcore durchaus mit einem geschmeidigen Flow daherkommen kann, haben ja jüngst erst Fugazi gezeigt.

Weit von Kalifornien, der Victims-Family-Heimat, entfernt, in dem Land, das nun allerdings auch auf einen Amoklauf zurückblicken kann, merkt Diego, die eine Hälfte von Shapes & Forms, nur lakonisch an: "Also, ohne dass ich jetzt die eigentlich an Dave gerichtete Frage beantworten will oder ihn gar beleidige - aber ich finde, Punk war (wie eigentlich alle Jugendbewegungen) relativ konservativ." Dave selbst nämlich weilt gerade im Urlaub, weshalb er die Entwicklung von Discharge hin zu einem völlig abstrakten Elektro-Projekt - auf K 2O Records / Kanzleramt erschienen - nicht selbst erklären kann.

Und doch erscheint dieser totale Bruch auch ohne Erklärung nur konsequent. Er klingt nicht nach Reue, sondern nach einer logischen Entwicklung, vergleichbar vielleicht mit Hans Platzgumer, ehemals H. P. Zinker, der sich vom pathetischen Gitarrenrocker hin zum distinguierten Elektroniker gewandelt hat. Entwicklung muss nämlich keinen schrittweisen Wandel bedeuten, sondern kann durchaus auch aus Brüchen bestehen. Während Victims Family heute so moralisch-didaktisch wirken, wie Discharge schon immer gewesen sind (inhaltlich haben sich Discharge nämlich von friedensbewegter Gesinnungsmusik à la BAP, Bots und Bettina Wegener kein bisschen unterschieden), vermeiden Shapes & Forms jegliche Verknüpfung an Inhalte und Kontexte, wollen keine "Community" aufkommen lassen.

"Es ist völlig egal", so Diego, "ob die Musik für den Club taugt oder nicht. Ich habe schlussendlich überhaupt keine Lust, mich nach irgend etwas zu richten." Dieser Satz drückt mehr vom eigentlichen Kern des Punk aus, ist mehr Punk im Sinne einer Haltung als alle noch so lauten Akkorde. Unabhängigkeit beinhaltet auch den Mut, mit einer Sache aufhören zu können, sobald sie sich als verbraucht erwiesen hat.