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Desertiert vom Folk

Vic Chesnutt live

Andächtig, aufmerksam und angetan: Das Dortmunder Publikum erlebte eine veritable Allstar-Besetzung beim Konzert des Singer/Songwriters.
Geschrieben am
26.11.07, Dortmund, FZW.

Nach Jahren der manchmal erfüllenden, manchmal aber sicher auch drögen Tätigkeit als zumeist solo arbeitender Singer/Songwriter mit einer der gebrochensten Stimmen der Welt hat Vic Chesnutt ein neues Kapitel in seiner Karriere aufgeschlagen. Er hat bei dem kanadischen, eigentlich für Post-Rock und experimentelle Musik bekannten Label Constellation angedockt und mit Musikern aus diesem Dunstkreis eines seiner schönsten Alben namens 'North Star Deserter' aufgenommen. Mit selbigem entfernt sich Chesnutt erstmals vom reinen Folksong-Schema und webt ausgedehnte und teilweise entrückte Instrumentalpassagen in seinen Sound. Außerdem unterstützt er die Veröffentlichung nach geraumer Zeit mal wieder mit einer ausgedehnten Tour, für die er einige seiner prominenten Studiomusiker als Begleitband verpflichtet hat.

So kommt es, dass sich eine veritable Allstar-Besetzung auf der Bühne des Dortmunder FZW versammelt: Musiker von Godspeed You! Black Emperor, A Silver Mt. Zion und Guy Picciotto von Fugazi bedienen Geige, Kontrabass, Drums und Gitarren. Trotz der großen Namen sieht das Ensemble insgesamt ziemlich entspannt aus. Vorne rechts ist hat sich Chesnutt ganz typisch in seinen Rollstuhl verkrochen, links fläzen sich Picciotto und der langmähnige Efrim Menuck auf Stühlen, der Rest hält sich im Hintergrund.

Zu Beginn des Sets gilt es erstmal, die für Chesnutt-Verhältnisse sehr ungewohnte Ausgangslage zu verdauen. Zwar ist seine Stimme so beeindruckend wie immer, allerdings wird sie genauso wie seine Akustikgitarre von einem Wust an anderen Sounds überdeckt. Gerade seine Gitarre hätte Chesnutt über weite Strecken des Konzertes auch gut zur Seite legen können, denn Picciotto und Menuck bearbeiten ihre Instrumente so detailversessen und lückenlos, dass der Platz für schwachbrüstige Folkmelodien knapp wird. Überhaupt gestaltet sich das, was auf Platte bestens funktioniert, live schwierig. Chesnutts eigene Qualitäten treten lang nicht mehr so deutlich zutage, sie werden überdeckt von einem Ambientteppich aus stoischen E-Gitarren und einer flirrenden Geige, und irgendwie wollen beide Parts nicht so richtig zusammen passen. Zwar wirkt diese Melange ambitioniert, trotzdem scheinen hier Elemente aufeinanderzutreffen, die losgelöst voneinander wohl besser funktioniert hätten.

Dementsprechend ist das Konzert in den Phasen am schönsten, wenn Chesnutt allein oder mit nur kleiner Begleitung seine Songs intoniert. Dem Publikum im gut gefüllten FZW scheinen Mäkeleien dieser Art nicht so wichtig zu sein, es gibt sich über die ganze Strecke des gut einstündigen Konzertes andächtig, aufmerksam und angetan. Das ist wohl auch richtig so, denn so bald wird man diese Band in ihrer Zusammensetzung wohl nicht wieder sehen können.