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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Verlassen unter vielen

Cat Power

»Sun«, das neue Album von Cat Power, stellt in der Tat den Versuch dar, sich der lebensstiftenden Energie der Sonne zuzuwenden. Allerdings hadert das einzige Mitglied der Band, Chan Marshall, noch immer mit sich und der Welt. Im Gespräch mit unserer Autorin Dana Bönisch schwankt sie zwischen freundlich und paranoid. Warum kann Chan Marshall einfach nicht glücklich werden?
Geschrieben am

Es gibt einige Katzenmythen, mit denen dieser Text beginnen könnte: Dass sie immer auf den Pfoten landen. Dass sie Stürze aus größerer Höhe besser überstehen als Stürze aus geringer Höhe, weil sie einen Moment brauchen, um zu realisieren, dass sie fallen – und wenn sie es einmal realisiert haben, sich zu einer Art Fallschirm ausstrecken, der ihren Sturz abfängt. Und natürlich, dass sie neun Leben haben.

Tatsächlich passt das alles ziemlich gut auf Chan Marshall alias Cat Power. Nach den (gefühlt) mehreren Musikerleben mit ihren extremen Höhen und Tiefen, die Cat Power schon hinter sich hat, erzählt das neue Album mit dem programmatischen Titel »Sun« nun eine Phönix-Geschichte von endgültiger Wiederauferstehung. Gewohnt melancholisch zwar, aber auch so strahlend und pulsierend, dass alles zu passen schien: Chan Marshall habe ein neues, selbstbewusstes Bühnen-Ich, hörte man, lebe endlich in einer glücklichen Beziehung (mit dem Schauspieler Giovanni Ribisi) und sei so zufrieden, wie man nur sein kann, wenn man sich selbst als auf ewig verkorkst betrachtet. Sicher ist nur, dass ich an jenem gewittrigen Tag in Hamburg mehr als eine Chan Marshall treffe, und mindestens eine von ihnen hat gestern Nacht getrunken, nennt mich Dude und hat ein vorläufig gebrochenes Herz.

Am Boden

In ihrer Hotelsuite sitzen wir uns auf dem Boden gegenüber, weil Chan nicht auf dem Sofa bleiben mag. Ihre Haare sind kurz, eine Art Verlustritual nach der Trennung von ihrem Freund, wie sie später erzählen wird. Das Wort »Verlust« wird heute oft fallen.
Von dem Kamillentee, den Chan mir mit den Worten »Das ist besonders gut für uns Frauen« anbietet, kommt sie nach meiner Frage, warum der denn nicht für Männer gut sei, auf die fetale Entwicklung der Geschlechtsorgane zu sprechen – »Our bodies are a fucking wonderland ... und eigentlich sind wir das gleiche Geschlecht, unsere Schamlippen sind leere Hoden« – und landet im Fazit dabei, dass es vielleicht irgendwann gar keine physischen Unterschiede mehr geben wird, wenn man erst mal ernst macht mit der Abschaffung von Heteronormativität. Dann stellt sie mir Fragen zu meinem Alter, Haaren, Hauttyp: »You look rosy, dude. I like it.«

Willkommen im Universum von Cat Power. Nach einer Weile verstehe ich ein wenig, wie es funktioniert: Chan liest viel und überträgt, was sie erfährt, in ihr leicht verschwörungstheoretisch affiziertes Koordinatensystem. Sie kann verdammt wütend darüber werden, dass es »schon seit 15 Jahren Versuche gibt, Spargel im Weltraum zu züchten«. Was Chan Marshall eigentlich meint, ist, dass zu viel Geld in die NASA gepumpt wird, das man doch gebrauchen könne, um erst mal ein paar Probleme auf der Welt zu lösen. Diese nachvollziehbare Wut lässt sich auch in den politischeren Passagen von »Sun« spüren. Zum Beispiel im grandiosen »Ruin«, in dem sie über Bossa-Nova-Piano-Loops eine Art Geografie der Ignoranz entwirft: »Soweto, Mozambique, Istanbul, Rio, Rome / Bitching, complaining, and some people ain’t got a shit to eat.« So eine Diskrepanz zwischen Form und Inhalt gibt es auch an anderen Stellen: Ein dunkler, elektronischer Puls begleitet die sonnige Beatles-Zeile »Here comes the sun«, und »Manhattan« ist eine Art verwehte, verdrehte Gegen-Hymne zu Jay-Zs triumphalem »Empire State Of Mind«.

Geprägte Biografien

Über das Album möchte Chan eigentlich gar nicht so gerne reden: »Ich habe meinem Ex-Freund letzte Nacht eine Nachricht geschrieben, weil ich was getrunken hatte«, sagt sie stattdessen plötzlich, »während des Fußballspiels. Warum sind die Deutschen eigentlich so sediert, wenn ihr Team gewinnt?« Ich setze zu der Antwort an, dass das an den Leuten in der Lobby des Hyatt-Hotels gelegen haben mag, wo sie während ihres Hamburg-Aufenthaltes abgestiegen ist. Doch Chan spricht schon weiter über seine Textnachrichten, in denen er tatsächlich wissen will, was er mit ihrem Auto machen solle. Und darüber, dass sie ohne Mann (sprich: Vater) aufgewachsen ist, der sie hätte beschützen können, und sie sich deshalb auf ihre eigene Art schützt, auch jetzt noch und meistens zu sehr. »Mein Vertrauen ist so schwach ausgeprägt – ich brauche jemanden, der mich manchmal festhält und mir sagt, dass alles okay sein wird, dass WIR okay sein werden. Aber selbst das scheint zu viel verlangt.« Dann sagt sie viermal hintereinander das Wort »abandon« – verlassen und verlassen sein.

Ich frage sie, ob sie jemals daran denkt, dass Leute von fern verliebt in sie sind – so wie gleich mehrere meiner Freunde – und dass ihre Musik Biografien mitprägt. Sie freut sich unglaublich (»Wo sind diese Leute? Kann ich sie treffen?«) und bedankt sich. Aber Chan Marshall ist einer dieser Menschen, die am Ende einfach nicht glauben können, dass man sie toll findet oder liebt. Gleichzeitig ist ihr extrem wichtig, was andere von ihr denken. Dass sie vor einigen Wochen, als sie ein Konzert in Israel spielen sollte, zwischen die Fronten geriet und »eine Seite« enttäuschen musste, zerreißt sie noch heute: Unter dem Druck ihrer Freunde und Fans – »dem political artist in New York, der Burka tragenden Journalistin, den Twitter-Aktivisten« – sagte sie die Show ab und denkt immer noch daran, dass ihre israelischen Fans, die wiederum natürlich nicht notwendigerweise die Politik ihres Staates gutheißen, sie dafür hassen müssen.

Dass sich ihr Leben mit all denen dort draußen tatsächlich berührt, begriff sie bei ihrem ersten Interview: »Hier war ich also, in einem Hotelzimmer in Pigalle, und ich hatte keine Ahnung, wie das alles funktioniert – wie ich mich noch mehr entblößen sollte, wenn ich das doch schon in meiner Musik tat. Ich hatte keinen Grund, irgendwem zu trauen, und ich wollte einfach nur sterben. Ich öffnete die Tür von innen, zog mich aus, stopfte Kissen in meine Klamotten und baute eine falsche Chan, an die ich mich dann unter der Bettdecke anschmiegte. Nach einer Weile hörte ich Stimmen: ›Ello?‹ sagte ein sehr junges Mädchen, und ein Junge lachte nervös.« Chan erzählt die Geschichte mit verschiedenen Stimmen weiter: Wie die beiden sie entdecken und sie ihnen sagt, dass sie sich umbringen will; wie das Mädchen kaum noch sprechen und atmen kann – selbst das macht sie nach – und sich herausstellt, dass auch sie, eine 17-jährige Fanzine-Herausgeberin, nicht mehr hatte leben wollen, dass Cat Powers Musik sie gerettet habe und sie diese deshalb treffen wollte. »Dann hat sie gesagt: ›Wenn du aufgibst, gebe ich auch auf‹« – sie zeigt mir ihre Gänsehaut – »und da habe ich gemerkt, dass ich nicht allein bin. Sie hat mich gerettet, nicht umgekehrt. Und das ist auch die beste Erfahrung beim Touren und Live-Spielen – dass man erfährt, dass man nicht allein ist«.

Aus dieser fast zu guten Geschichte verliert sich Chan in Überlegungen darüber, wie sich die »echten Kinder in der Wüste« fühlen müssen, wenn ihre Mutter tot ist und ihr Vater sie für eine Ziege an den Nachbarn verkauft, »oder was auch immer Leute auf der Welt gerade so machen«. So ungefähr geht es weiter. Diese merkwürdige, herzzerreißende, paranoide, auf freundliche Art und Weise völlig unberechenbare Frau raucht und raucht und spricht und spricht. Über die »Besitzer der Welt« und die CIA, die Occupy-Bewegung, ihre Kindheit im Atlanta der 70er-Jahre, Philippe Zdar und dann schließlich doch über dieses Album, das sie sechs Jahre lang wegen 200.000 Dollar Tourschulden mit sich herumgetragen hat.Das Werk eines Lebens

Als Chan Marshall kurz nach der Veröffentlichung von »The Greatest« 2006 wegen ihrer Alkoholsucht in eine Klinik kam, sagte ihre Plattenfirma die gesamte Tour ab – ohne dass sich jemand vorher um eine Versicherung gekümmert hätte, denn bis heute arbeitet Cat Power ohne Manager. Sie verlor ihr Haus und bekam einen Finanzberater, doch über alles andere wollte und will sie die alleinige Kontrolle behalten. »Sun« ist auch in dieser Hinsicht so etwas wie das wichtigste Werk ihres Lebens, alles daran hat sie selbst gemacht: vom Bau eines Studios über das Einspielen einzelner Instrumente bis zur Produktion, die Jahre dauerte. Wenn sie über das Album redet, werden ihre Gesten noch eindringlicher, sie fährt mit den Handkanten über den Teppich und formt mit den Händen unsichtbare Festplatten, um zu zeigen, wie »das Skelett des Albums entstand«, ganz ohne die typischen Cat-Power-Instrumente Gitarre und Piano zunächst, nur mit Schlagzeug, Percussion, Pedals, Computern. Sie nahm auch mit ihrer alten Band in Malibu auf, doch bald ging ihr das Geld aus, und so nahm sie »die Skelett-Festplatte« wieder mit, ging ihrer Wege und verbrachte ganz allein Tage damit, das Schlagzeug in einem einzigen Song zu bearbeiten.

Eine letzte Frage, die zumindest irgendwie Richtung Interview geht: Wie kam Iggy Pop auf die Platte? »Die Tochter meines Ex-Freundes wurde online gemobbt – ein großes Problem in den USA, mehrere Teenager haben sich deshalb schon umgebracht. Um ihr Selbstbewusstsein zu geben, schrieb ich den Song ›Nothing But Time‹. Sie war zu der Zeit ganz verliebt in Ziggy Stardust. Und da lag es nahe, David Bowie und Iggy Pop ...« – sie zeigt nach links oben und rechts oben Richtung Himmel, wie man auf Popgötter eben so zeigt, und führt dann ihre Zeigefinger über dem Kopf zusammen – »... also Ziggy und Iggy zu fragen, ob sie dabei wären.« David war ein bisschen sauer, dass sie beide auf einmal gefragt hatte, und Iggy sagte Ja. Chan hält mir ihr Handy unter die Nase und spielt mir einen seiner Anrufe auf ihrer Mailbox vor. Er wünscht mit Grabesstimme viel Glück für das Album und lädt sie zu einem Campari ein. »Your world is just beginning / It’s up to you to be a superhero, it’s up to you to be like nobody«, heißt es in »Nothing But Time«: Eine solch unironische Hymne an das Leben können nur zwei singen, die schon mal fast draußen waren.

Die knapp bemessene Zeit für den anschließenden Fototermin läuft schon längst, da fällt ihr plötzlich noch mehr zum Thema Kindheit ein: »Ich bin die ersten Jahre meines Lebens bei meiner Großmutter aufgewachsen, bis ich meine Mutter kennenlernte. Mir wurde immer gesagt, ich hätte eine Erdnuss-Allergie, was gar nicht stimmte, wie sich Jahre später herausstellte. Meine Mutter wollte nur keine Erdnussbutter kaufen. Kannst du dir das vorstellen? Meine Mutter wurde Ziggy genannt. Ich dachte dabei immer an den Cartoon-Ziggy, aber es war, wie ich später herausfand, wegen Ziggy Stardust.«

Schon wieder ein Ziggy-Stardust-Fan? Ich habe kurz das Gefühl, durch eine kleine Falltür im leberwustfarbenen Hyatt-Teppich in das wundersame, kaputte Spiegelkabinett in Chans Kopf zu fallen. Sind alle Figuren, die mir heute begegnet sind – der suizidale Fan, die gemobbte Tochter des Ex-Lovers, jene übergroße Rabenmutter namens Ziggy –, am Ende so was wie eine einzige Person? Das Gefühl geht vorüber, schließlich ist auch Spargel auf dem Mars vorstellbar. Ich sage, dass sie sehr filmisch erzähle – es wirkt fast, als würde sie sich selbst von außen sehen, wie sie als kleines Mädchen in einem fremden Appartement auf einem Barstuhl balanciert und Erdnussbutter aus dem Glas isst, während ihre Schwester und der Nachbarsjunge im Hintergrund die Hosen runterlassen. Sogar das Klappern ihrer Schuhe, als sie sich zur Tür hinausschleicht, imitiert sie. »Ha! Das liegt daran, dass das alles nicht wahr ist«, ruft Chan, und das nehme ich ihr wiederum nicht ab. Aber sie ist definitiv eine gute Erzählerin – und schreibt nach eigener Aussage an einem Buch. Es soll »Tumbleweed« heißen und, wenn es dann irgendwann mal veröffentlicht wird, auch verfilmt werden. Von ihr selbst, mit sich selbst in allen Rollen.

Zum Abschied drückt mich Chan sehr fest, und ich würde jetzt gerne alle zur Rede stellen: den abwesenden Vater, die Ziggys, Giovanni Ribisi. Abends schreibe ich ihr eine E-Mail an die Adresse, die sie in großen Buchstaben für mich auf einen Hotelzettel gekrakelt hat, weil ich vergessen habe, etwas zu sagen: »Everything is going to be okay«, nur diesen einen Satz. Das ist zwar nicht, was sie meinte, aber vielleicht besser als nichts. Sie antwortet sofort, mit dem kleinen, etwas seltsam anmutenden Kompliment: »U R a cool egg.« Und dass ich ihr Fragen per E-Mail schicken könne, falls noch welche offen seien. Sind sie, ungefähr alle. Ich schreibe ihr ein paar davon, über Musik, Angst und den ganzen Kram. Du bringst mich um, antwortet sie zwei Tage später, aber wer bist du noch mal? Schickst du mir ein kleines Foto? Nicht ginger hair, oder? Doch, bestätige ich, ginger hair. So habe sie mich zumindest genannt. Dann kommt erst mal nichts mehr zurück.

Wer weiß, in wie vielen Hotelzimmern vor wie vielen Fremden Chan Marshall in der Zwischenzeit ihr Herz seziert hat.

Cat Power »Sun« (Matador / Beggars / Indigo / VÖ 31.08.)