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»Im HipHop geht es oft um Materialismus oder ums Eier schaukeln«

Veedel Kaztro im Gespräch

Pünktlich zum Release von »Büdchen Tape III« trafen wir Veedel Kaztro alias Christopher Alvaro Lang zum Gespräch, um mit dem MC aus der Neustadt-Süd über Trap, Büdchen-Swag und die klassischen Verhaltensmuster im Deutschrap zu reden.
Geschrieben am

Interview:
Sermin Usta

So beeindruckend deine »Büdchen Tape«-Diskrographie auch ist, so verwirrend ist sie leider auch. Wieso musste es unbedingt eine Trilogie werden?
Das hat zum einen ästhetische Gründe und zum anderen hätte es sich ohne einen dritten Teil irgendwie unvollständig angefühlt. Ich sehe meine Büdchen-Tape-Reihe als ein Zeitdokument, das 2013 mit der EP anfing und erst jetzt, mit dem neuen Album, komplettiert wird.

In deiner Pressemitteilung heißt es, dein neues Album sei »straight up nächstes Level«. Inwiefern hat sich deine Musik in den letzten Jahren weiterentwickelt?
Der Grundtenor, also mein Humor und meine politische Einstellung sind noch dieselben. Ich würde sagen, mein Rap-Handwerk hat sich ganz klar verbessert. Der Sound-Entwurf der neuen Platte ist beeinflusst von dem was in den letzen Jahren so aus den Staaten rüberkam. Trap habe ich zwar früher schon gemacht, aber eben nicht so konsequent wie heute. Auf dem neuen Album rappe ich schneller, die Beats gehen mehr nach vorne. Das liegt wiederum auch daran, dass ich wollte, dass die Songs live einen besseren drive bekommen, damit die Leute auch mal ausrasten können. Was ich nicht mag, ist, wenn das Publikum auf Konzerten nebeneinander steht und den Arm nach oben und unten bewegt. Das habe ich dieses Mal versucht zu vermeiden.

Sind Fans aus anderen Genres live tatsächlich anders?
Die Kids auf Indie- oder Hardcore-Konzerten gehen einfach viel mehr ab: tanzen, rasten aus oder machen einen Moshpit statt rumzustehen. So eine Stimmung habe ich im HipHop bisher nur bei LGoony oder Yung Hurn erlebt.

Du hast schon früh versucht Trap in deine Musik einfließen zu lassen. Wurdest du dafür von Boom-Bap-Traditionalisten kritisiert?
Es gab einige die das scheiße fanden. Sprüche wie »Musst du jetzt auch auf den Zug aufspringen?« muss man da einfach ignorieren. Das zu kritisieren, macht für mich keinen Sinn. Wieso soll es in der Musik Grenzen geben? Auch wenn ich weiß, was die Leute damit meinen. Trap ist eben extrem angesagt im Moment. Ich erinnere mich an einen Abend auf dem Splash!, wo wir von einer Bühne zur anderen liefen und sich wirklich jeder Song gleich angehört hat. Ich denke, wie man es macht, ist dabei entscheidend. Solange meine persönliche Note zuhören ist, bleibt es Geschmacksache.
Noch bevor du Zugang zu HipHop hattest, hat dich Punk beeinflusst. Wie kam das? 
Ich habe ältere Geschwister, die in ihrer Jugend alle die unterschiedlichste Musik gehört haben. Meine Schwester gehört beispielsweise ganz klar zur Grunge-Generation. Sie hat sogar mal Nirvana live gesehen. Ich selbst gehe auch gerne auf unterschiedliche Konzerte. Und wie gesagt, außerhalb der Rap-Szene ist die Energie und der Themenschwerpunkt ein ganz anderer. Im HipHop geht es oft um Materialismus, oder ums Eier schaukeln, als um politischen Protest - das ist einfach so.

Lokalpatriotismus und Rap haben eine lange Tradition. In deiner Musik geht es häufig um deine Wahlheimat Köln. Gehört ein wenig Lokalstolz einfach dazu?
Obwohl es bescheuert ist mit erhobener Fahne durch die Gegend zu laufen und in jedem zweiten Satz seine Stadt zu erwähnen, kann ich mich nicht davon freisprechen. Ich denke, das gehört einfach dazu. 

Ist Köln eine Stadt, die kulturell viel zu bieten hat?
 
Was HipHop angeht, ja. Gerade der Kölner Untergrund hat einiges zu bieten, vor allem was meinen persönlichen Geschmack anbelangt, haben wir mit Rappern wie Retrogott und LGoony so ziemlich alles vor der Haustür, was man braucht. Und auch was Theatervorführungen und Kunstausstellungen angeht, sind wir recht verwöhnt. Das weiß ich, weil ich gerade recht häufig ins Theater gehe.

Deine neue Platte versprüht mit ein wenig Hang zur Party ziemlich konsequent gute Vibes. Glaubst du, die rheinische Frohnatur der Kölner hatte da ein wenig Einfluss auf dich?
 
Es ist schwer zu beschreiben, aber hier ist wirklich alles ein wenig herzlicher und lockerer, als in andere Städten. Ob das jetzt was mit dem Rheinischen zu  tun hat weiß ich nicht, aber mein Umfeld ist einfach locker, gut drauf und vor allem hilfsbereit. Wir erzählen uns den ganzen Tag nur Witze. Ich denke, das spiegelt sich in meiner Musik. 


Die Vorstellung, wie der Kölner Rap-Untergrund zusammen in der Wirtschaft steht und zu »Drink doch ene met« schunkelt, fällt trotzdem schwer.
Da sind wir wieder an dem Punkt. Wieso soll man sich Dingen aus dogmatischen Gründen verschließen, nur weil man sie nicht für real hält? Wenn man es gut findet, muss man es einfach machen. Viele meiner Freunde, darunter auch Rapper, sind Karneval-Fans und das seit ihrer Jugend. Ich kann verstehen, dass man den Ballermann-Karneval nicht mag, aber die Eckkneipen in der Südstadt, wenn alle draußen unterwegs sind, sind wirklich was anderes.

Dabei muss man, um die Kultur und Riten des Karnevals zu verstehen, eine Menge Humor und politisches Interesse haben. Du sagtest mal, dass dein Bruder dich politisch beeinflusst hat. Stimmt das?

Er, meine Schwester und meine Mutter haben mich dahingehend am meisten beeinflusst. Mein Bruder hat unter anderem in dem besetzten Haus in der Rigaer Straße in Berlin gelebt. Das ist auch einer der Gründe weswegen mir diese Haltung im HipHop heute manchmal fehlt oder extrem wichtig ist. Die beste Kombination ist es, wenn man eine bestimmte Haltung und seine Ideale vertritt und dabei trotzdem humorvoll und locker bleibt. Das auszubalancieren, ist nicht leicht.

Würdest du sagen, dass deine Musik auch politischer Protest ist?
 
Auf der einen Seite ja, auf der anderen Seite erfordert politischer Protest wesentlich mehr als das was ich tue. Ich denke, die Eckpfeiler stimmen, aber die Welt ist wesentlich komplexer als ihr in 16 Zeilen in einem Song gerecht werden zu können. Es ist trotzdem ein Bedürfnis, Sachen zu sagen, die mich beschäftigen und unangenehme Gefühle auslösen.

Was hat es mit dem Track »LMS 2017« auf sich? 
Der Song ist meiner Wut geschuldet, die sich durch ständige Negativ-Meldungen in den letzten Jahren aufgestaut hatte. Im Track geht es um Gerechtigkeit und die Menschen, die sich hierzulande, vielleicht zurecht, ungerecht behandelt fühlen und unzufrieden sind. Wenn das dann auf diese Weise kanalisiert wird und es eben die falschen trifft, macht mich das einfach wütend. Um das auskotzen über diese ekelhaften Dinge die im Moment in der Welt abgehen, darum geht es in dem Song. Ich denke, das bringt der Ausdruck von Savas ganz gut rüber.

Veedel Kaztro

Büdchen Tape III

Release: 31.03.2017

℗ 2017 Melting Pot Music