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Zwischen Halloween und Präsidentschaftswahlen

Vampire Weekend live

Es ist der Abend vor der Präsidentschaftswahl, an dem Vampire Weekend das Kölner Gloria Theater bespielen. Wie das zusammenpasst, berichtet Christoph Penter.
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Halloween ist ein paar Tage her. Und der nahe liegende Gag wäre auch aus dem Bodensatz gekratzt. Nein, es ist der Abend vor der Präsidentschaftswahl, an dem Vampire Weekend das Kölner Gloria Theater bespielen. Wie das zusammenpasst, berichtet Christoph Penter.

04.11.08, Köln, Gloria Theater

Gesprächsthema Nummer Eins sind heute überall die Wahlen. Obama oder McCain, wer wird's? Am Vorabend der Entscheidung finden sogar Hillary-Clinton-Lookalike-Competitions statt. In Köln wohlgemerkt. Doch kann das mit einem Konzertbesuch am Abend kollidieren, wo es doch frühestens drei Uhr nachts deutscher Zeit so langsam spannend wird? Wären die Hillarys dieser Stadt so zahlreich in die Live Music Hall gepilgert, an einem normalen Dienstagabend? Immerhin funktioniert die Mischung aus Afro-Beat, New Wave und Weltmusik sowohl bei den hippen Indiekids, als auch bei deren welt(musik)offenen Eltern. Weshalb auch immer, Vampire Weekend wurden verlegt ins kleinere Gloria Theater.

Dass selbst dieses Venue nicht voll wird, ist der Stimmung nicht mal abträglich. Im Gegenteil, die Atmosphäre im Gloria entspricht dem Sound der Band. Doch zuerst spielt El Guincho aus Barcelona. Er beginnt mit der Single "Palmitos Park". Pablo Díaz-Reixa wird von einem Drumpad-Artisten und einigen Samples vom Band unterstützt. Trotzdem gibt es zu Anfang ein paar Probleme.

Der Sound scheint nicht zu stimmen und zu allem Überfluss kappt El Tamborino die Stromzufuhr zu seinem Elektroschlagwerk. Aber das Kaltgerätekabel ist schnell wieder dran und die Techniker können doch noch den Wünschen der beiden Spanier entgegenkommen. Und dann wird es richtig exotisch. Sie klingen nach Samba, Dub-Reggea, Afro-Beat. Eine Mischung aus Carnaval de Rio und Rock and Roll mit einer klitzekleinen Prise Loveparade. Was zur perfekten Inszenierung fehlt, sind halbnackte Samba-Schönheiten mit Federboa und knallbuntem Kopfschmuck. Heute ist ihr letzter Tourtag im Vorprogramm von Vampire Weekend. Charmant bedankt sich Pablo in nicht ganz akzentfreiem Englisch beim Publikum und der Band. Das Albumcover ziert übrigens ein vieläugiger Papagei. Man sollte tatsächlich mal ein Auge oder Ohr auf die Platte werfen.







Jetzt kommen Vampire Weekend. Bassist Chris Baio mit Geheimratsecken, Chris Tomson mit ungezähmtem Vollbart. Und auch Rostam Batmanglij setzt der Touralltag offensichtlich zu. Rostam setzt an. Ezra Koenig - ok, der Sänger und Gitarrist ist smart. Die Mädels in der ersten Reihe gucken schon ganz verliebt. Aber kennt man ihn sonst mit weißem Hemd in der Hose, trägt er heute Karo über Röhre, dazu braune Mokassins. Stilbruch oder Stilberater?

Spielt ja auch gar keine Rolle, wenn erstmal die Musik spielt. "Mansard Roof" feuert vom hinteren Bühnenrand, was der Bärtige hergibt. Tomson prügelt seiner Band im wahrsten Wortsinne die Stilrichtung ein. Natürlich definiert sich die Band nicht nur über ihn. Die vielfältigen Einflüsse von Vampire Weekend hört man sehr deutlich an "M79". Live muss der Song ohne Geige auskommen, den Part übernimmt Rostam Batmanglij am Keyboard. So schön orgelig klingt es zwar weniger nach Weltmusik, aber es gefällt den jungen Tänzern vor dem Bühnengraben. Neben Hits wie "Cape Cod Kwassa Kwassa" und "Campus" spielen die New Yorker im ersten Teil ihrer Show auch einen neuen Song.

Zwischendurch erinnert sich Koenig an den Auftritt im proppevollen Luxor. Dort war das Gedränge so groß, dass die Band kurz abbrechen musste, nachdem Rostam Batmanglij seinen Mikrofonständer aufs Auge bekam. Im Gloria hingegen muss keine Zurückhaltung geübt werden, der Platz ist da. "This part is gonna make us a little bit more schwitz." Vampire Weekend spielen natürlich "A-Punk". Direkt im Anschluss fordert Koenig zum Mitsingen auf. "One (Blake's Got A New Face)" ist dafür wie gemacht, der Zeitpunkt perfekt. Der Saal grölt mit. Nach gefühlt viel zu kurzem Auftritt bedankt sich der Vampire Weekend Frontmann höflich bei El Guincho. Auch dem Publikum gibt er nette Worte mit auf dem Weg und das Versprechen, bald wiederzukommen. Vampire Weekend hätten dann ein neues Album und Amerika einen neuen Präsidenten. Bevor das Licht angeht kumuliert die Stimmung bei "Oxford Comma". Dann kreisen die Gedanken um Weltmusik und Weltpolitik.

Seit dem frühen Morgen wissen wir: Obama ist Präsident der Vereinigten Staaten. Ob Vampire Weekend für ihn gestimmt haben, kann das Kölner Publikum nur mutmaßen. Vorab einen Namen zu nennen, dafür sind Vampire Weekend zu höflich. Sie setzen auf ihre ganz eigene Art von Understatement.