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Die Rätselheiligen

Vampire Weekend

Das dritte Album von Vampire Weekend heißt »Modern Vampires Of The City«, sprudelt über vor Referenzen und Zitaten – und macht trotzdem ungeheuer Spaß. Daniel Koch sprach mit Sänger Ezra Koenig über Wurstparaden, Ausverkauf und Tom Cruise.
Geschrieben am

Vampire Weekend stehen schon seit ihrer Bandgründung 2006 im Verdacht, Klugscheißer zu sein. Daran wird sich auch jetzt nichts ändern. Nehmen wir als Beleg dafür die erste Singleauskopplung »Step« vom neuen Album »Modern Vampires Of The City«. Als Inspiration diente eine Songzeile aus den 90er-Jahren von YZ. Vampire Weekend bedienten sich aber nicht direkt und ausschließlich bei dem aus New Jersey stammenden Rapper, sondern über einen langen Umweg, der von der Bay-Area-Crew Souls Of Mischief, die YZ für ihren Song »Step To My Girl« gesampelt hatten, zur Soft-Rock-Band Bread führt, die ihrerseits die Souls Of Mischief für ihre Coverversion des Grover-Washington-Jr.-Hits »Aubrey« aufgegriffen hatten. Alles klar so weit?


Diese Zitatkoordinaten geben Vampire Weekend Musikjournalisten im Vorfeld der Gespräche als Infozettel an die Hand. Wer ihnen kritisch gesonnen ist, wird nun denken, man habe es mit Besserwissern zu tun, die damit prahlen wollen, dass sie »Hiero Oldies: Volume One« von den Hieroglyphics, auf dem »Step To My Girl« schließlich veröffentlicht wurde, im Regal stehen haben. Vermutlich auch noch auf Vinyl! Wer sich mit Ezra Koenig aber zu einem ausführlichen Gespräch trifft, kann diese Unterstellung nicht lange aufrechterhalten. Denn, und das merkt man recht schnell: Der Junge hat Humor. Einen sehr cleveren, nerdigen zugegebenermaßen.


»Wurstparade«

Wenn man den einzelnen Bestandteilen eures Songs »Step« nachspürt, landet man zum Beispiel beim YouTube-Stream von »Step To My Girl« von den Souls Of Mischief. Darunter stehen viele Kommentare im Stile von »Vampire Weekend brought me here«, gekontert von HipHop-Nerds, die zurückgiften: »What the fuck is a vamire weekend?« Ich könnte mir vorstellen, so was gefällt euch.
Klar. Die Idee eines Songs voller Referenzen, wie wir sie bei »Step« hatten, kann das Spannendste auf der ganzen Welt sein – wenn man es richtig macht. Viele meiner Lieblings-Songs oder –Alben funktionieren so. Der Song wird zu einem Text, den man studieren kann, und es macht Spaß, den Ursprüngen nachzuspüren. Man muss natürlich aufpassen, dass man nicht wahllos einen Haufen Mist zusammenklatscht, aber wenn man es clever anstellt, ist so eine Verweiscollage ein sehr eindrucksvolles Werkzeug, um die Bedeutung eines Songs noch zu verstärken. Ich glaube, Rostam Batmanglij und ich haben das auf diesem Album ganz gut hinbekommen. Mittlerweile haben wir ein wenig mehr Kontrolle über unser Songwriting. Wir benutzen unsere Zitate dezenter – und hoffentlich auch weiser als zuvor. »Step« ist da vielleicht eine Ausnahme, aber da war es auch Teil des Konzepts.

Als ich eure »Bedienungsanleitung« zu dem Song las, wollte ich ihn erst gar nicht hören. War dann aber geradezu entzückt, was für ein schöner, leichter Popsong »Step« geworden ist, der eher spielerisch als überambitioniert klingt.
Danke, das nehme ich mal als Kompliment. Viele Leute legen uns diese Arbeitsweise als Überheblichkeit aus. Sie sehen den Humor darin nicht, den Spaß, den wir haben. Als sei es ein Zeichen für Überheblichkeit, dass man sich gerne Wissen aneignet. Ich mag dieses Denken nicht. Es ist nicht überheblich, sich für Geschichte oder andere Sprachen zu interessieren oder eine gute Bildung genossen zu haben. Überheblichkeit entsteht in der Art, wie man damit umgeht, wie man sich präsentiert. Damit grenzt man andere aus. Wenn man sich den Spaß an der Sache bewahrt und das mit seiner Musik transportieren kann, dann vermeidet man automatisch, dass dich jemand für einen Klugscheißer hält, der jemanden belehren will.

Kannst du das vielleicht noch an einem Beispiel verdeutlichen?
Nimm »Oxford Comma« von unserem Debüt. Ich hatte Zeit meines Lebens keine Ahnung davon, was ein Oxford Comma ist, und unsere Fans sicher auch nicht – außer vielleicht die Grammatik-Professoren darunter. Aber hat es sie daran gehindert, den Song zu mögen? Nein. Ich bin der Meinung, Kunst sollte verschiedene Ebenen haben, auf die man sich einlassen kann oder eben nicht. Ich habe viele meiner Lieblingssongs noch immer nicht komplett dechiffriert, egal, ob sie nun von Leonard Cohen oder dem Wu-Tang Clan stammen. Wenn du dir unsere Shows ansiehst, dann merkst du, dass die Leute in erster Linie Spaß haben wollen. Die richtig verbissenen Kritiker meinen immer, unsere Fans seien verkopft und hätten einen Stock im Arsch. Aber das ist nicht der Fall. Man braucht kein Geheimwissen, um an Bord zu kommen. Wir können niemanden zwingen, das zu glauben, aber: Wir lieben es, Dinge auszuprobieren, Blödsinn zu machen. Wir haben dabei unseren Spaß. Und wir haben ihn vielleicht gerade, weil uns das viele nicht glauben wollen.



Wo du von den »verbissenen Kritikern« sprichst: Eine Metapher, die man oft in Texten über eure Musik liest, ist das »Referenzkarussell«, das sich »munter zu drehen« beginnt. Was hältst du von diesem Wort?
»Referenzkarussell«? Ein schönes Wort. Es erinnert mich ein wenig an das Mittagessen, das ich heute hatte: die »Wurstparade«. Das ist ungefähr das Gleiche, oder?

Jetzt, wo du es sagst. Vielleicht sollte man das öfter in Plattenkritiken unterbringen.

My Visions Of Tom Cruise

Vampire Weekend haben Spaß am Spiel. Das zeigt auch die Art und Weise, wie sie ihr neues Album »Modern Vampires Of The City« ankündigten. Der Titel und das Veröffentlichungsdatum wurden am 4. Februar zuerst in der Druckausgabe der New York Times preisgegeben – in der Kleinanzeigenrubrik »Notices & Lost And Found«. Zuvor hatte es ein munteres Rätselraten um einen Teaser samt Cover zu einem Album namens »Lemon Sounds« gegeben, das prompt von zahlreichen Websites für bare Münze genommen worden war.

Hand aufs Herz: Waren diese Kampagne und der Wirbel um »Lemon Sounds« Teil des Plans?
Teils, teils. Das mit der Anzeige war Imran Ahmeds Idee. Für uns passte das perfekt. Das Foto des Albumcovers wurde in den 60er-Jahren für die New York Times geschossen, es zeigt eine ganz ungewöhnliche Perspektive auf die New Yorker Skyline, und in den Texten ist ebenfalls ein Verweis auf die New York Times zu finden. Wir mochten den Gedanken, dieses Symbol für das klassische, das Oldschool-New-York zu benutzen und die Platte über ein physisches Medium anzukündigen. Wir hatten jedoch schon einige Zeit zuvor die Initialen preisgegeben, was viele Fans veranlasste, uns ihre Interpretationen zu schicken. Viele davon waren sehr clever. Man wusste zum Beispiel, dass wir zur Arbeit am Album auf Martha’s Vineyard waren, deshalb dachten viele, der Name der Insel wäre Teil des Titels.

Gab es denn alternative Titelideen?
Ich habe mir Hunderte ausgedacht. Einer davon: »My Visions Of Tom Cruise«.

Wow. Aber der hätte dich vermutlich verklagt.
Da bin ich mir gar nicht so sicher. Du musst wissen: Er war auf derselben Schule wie ich. Ich glaube, er hätte sich vielleicht sogar mit uns getroffen, damit wir die Sache diskutieren können. Außerdem ist er mein Lieblingsschauspieler.

»Yuh coulda be a blackman or a wedda whiteman«

Wer bei »Modern Vampires Of The City« an moderne literarische Vampirsagen denkt, wie zum Beispiel die in New York spielenden »Joe Pitt Casebooks« von Charlie Huston oder – Gott bewahre! – »Twilight«, der könnte falscher nicht liegen. Auch bei diesem Titel bedienten sich Vampire Weekend eines Zitats, nämlich der ersten Zeile des Junior-Reid-Songs »One Blood«, in der es heißt: »Modern vampire of the city / Hunting blood blood blood«. Der Reggae-Klassiker ist eine Hymne auf den Zusammenhalt jenseits von religiösen oder ethnischen Grenzen. »Yuh coulda be a blackman or a wedda whiteman / Coulda be mexican or a wedda pakistan / One blood one blood one blood«, singt Reid – und damit landet man bei einem Thema, das Vampire Weekend noch immer ein wenig zu schaffen macht: ihr Umgang mit originär afrikanischer Musik.

Wird euch eigentlich immer noch unterstellt, ihr wärt weiße Snobs, die sich schamlos an schwarzer Musik bedienen? Die Afrobeat abrippen und damit Erfolge feiern, wie sie die Urheber dieser Musik selten hatten?
Gelegentlich. Das ist ein schwieriges Thema. Ich verstehe ja, warum viele beim Thema kultureller Austausch so sensibel sind. Man muss keinen Doktor in Soziologie oder Geschichte haben, um zu wissen, dass dabei – gerade, wenn ethnische oder wirtschaftliche Grenzen überschritten wurden – schreckliche Verbrechen begangen worden sind, die von Rassismus angetrieben waren. Aber wenn wir über Kunst reden, darf man dabei auch nicht vergessen, dass es auf diesem Feld schon immer ein Geben und Nehmen war. Natürlich ist es dabei für einen Künstler wichtig, den Kunstwerken anderer mit Respekt und Demut zu begegnen, deshalb muss man genau hinschauen. Es gibt, gerade aus der Zeit, als das mit Elvis alles losging, viele Beispiele, wo Künstler regelrecht über den Tisch gezogen wurden. Wo man Songs einfach als »Traditional« deklarierte und die Urheber leer ausgingen. Deshalb ist Skepsis durchaus angebracht. Aber manchmal führt das in die falsche Richtung. Für uns ging es nie darum, ethnische Grenzen zu überschreiten. Wir wollten lieber Parallelen und Verbindungen aufzeigen. Der Grund, warum ich so ein großer Reggae-Fan bin, liegt vor allem darin, dass mein Vater einer ist. Zugleich ist er ein Jude aus der Bronx. Ich erinnere mich, dass wir, als ich zwölf war, den Soundtrack von »The Harder They Come« gehört haben und mein Vater mir bei »The Rivers Of Babylon« die Parallelen zwischen Judaismus und Rastafarismus erklärt hat. Da habe ich erst verstanden, dass sich der Song auf das Alte Testament bezieht. Solche Dinge finde ich interessant.

You have both equally whored out your music!

Vampire Weekend waren in den letzten Jahren – ähnlich wie die Black Keys – verlässliche Partner der Werbeindustrie, was von Fans und Kollegen gerne mit demonstrativem Naserümpfen quittiert wird. Koenig und die Black Keys traten dem auf sehr amüsante Weise entgegen und trafen sich 2011 in der Satire-Show »The Colbert Report« zum »Sellout Off«, bei dem ermittelt werden sollte, welche Alternative-Band die meisten Songs in Werbespots unterbringen konnte. Toll mit anzusehen, wie sich die Musiker battelten und sich Honda-, Victoria’s-Secret- und Hilfiger-Spots um die Ohren warfen, als wären sie in einer Skat-Partie.

Als dich Moderator Colbert in der Show fragte: »Hast du wirklich Honda im Sinn gehabt, als du ›Holiday‹ geschrieben hast?«, lautete deine Antwort: »Nein, ich habe es für Tommy Hilfiger geschrieben.« Colbert kommt zu dem Schluss: »You have both equally whored out your music!« Wie denkst du wirklich über das Thema?

Wir entscheiden von Fall zu Fall, ob wir einen Song für eine Werbung freigeben. Es muss natürlich für uns passen. Grundsätzlich finde ich es oft heuchlerisch, wenn man uns das vorwirft. Es ist doch egal, wie man sich entscheidet: Deine Musik wird immer zu Werbezwecken verwendet. Selbst die Website, die sich darüber beklagt, dass du deine Musik verkaufst, verkauft Anzeigen und generiert Traffic mit deiner Musik. Das Magazin, für das du mich gerade interviewst, verkauft mit unserer Musik Anzeigen. Du spielst auf Festivals und stehst auf Bühnen, die nach dem Sponsor benannt sind. Das ist nun mal das Geschäftsmodell. Da finde ich es fast ehrlicher, wenn eine Firma direkt an dich herantritt und du als Künstler entscheidest, ob du das vertreten kannst oder nicht.