×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Übersee in Übersee - Tag 6 und 7

24.09.2007 Buenos Aires Morgens zu einer für argentinische Verhältnisse unchristlichen Zeit scheppert es bei uns durchs Fenster. Wir hatten das schon öfter, aber diesmal ist es anders. Keine Politik. Keine Werbung. Einfach nur Musik.[--more--] Wir schrauben uns schnell ein paar Aug
Geschrieben am

un-kuartito.jpg


24.09.2007 Buenos Aires


Morgens zu einer für argentinische Verhältnisse unchristlichen Zeit scheppert es bei uns durchs Fenster. Wir hatten das schon öfter, aber diesmal ist es anders. Keine Politik. Keine Werbung. Einfach nur Musik.[--more--] Wir schrauben uns schnell ein paar Augen in die schmerzenden Höhlen und gucken raus. Da steht ein Mitfünfziger auf der Straße und tanzt fröhlich um einen alten Leichenwagen herum. Kurz denken wir an einen schlechten Film, aber dann klappt er den Wagen an den Seiten und hinten auf. Der Obstmann ist da! 'Bombon Assesino', ein Cumbia-Klassiker von Los Palermos, schallt aus den Lautsprechern auf dem Dach. Musikalisch alles andere als eine Offenbarung, aber der Titeltrack der Reise wird uns nicht mehr loslassen…


Wir sind mit den Lokalhelden Un Kuartito am Obelisken auf der Prachtstraße zum 19. Juni verabredet. Eigentlich wollten wir zu Drummer und DJ Emix nach Hause, aber er winkte schon am Telefon lachend ab. Die Subte (Metro) ist mit unseren Videokameras zu gefährlich und kompliziert. Busse brauchen viel zu lange, schließlich wollen wir das schöne Sonnenlicht für ein paar Impressionen nutzen. Und Taxis fahren in sein Barrio schon länger nicht mehr. Also fix am Wahrzeichen Bs. As. getroffen und von da aus weiter in ein urtypisches Kaffeehaus. Wir sind bestimmt die einzigen Ausländer, die sich in das seit 50 Jahren unveränderte Café verirren, in dem schon während der diversen Diktaturen und Revolutionen politische Pläne geschmiedet wurden. Sänger Martín und Gitarrist José (Foto) haben hier die Tradition ihres Vaters fortgeführt und sich schon früh die churros con chocolate einverleibt. Witzigerweise treffen wir Emis Vater hier und er kommt spontan mit uns mit. Von hier aus geht’s mit der Subte weiter und wir erkunden ein wenig die Gegend, in der Teile der Band aufwuchsen. Wir gehen mit in ihren Proberaum, der auch genau so in Deutschlands Mukkertempeln sein könnte. Es ist dunkel. Es gibt keine Fenster. Es mieft und die Musiker geben sich die Klinke in die Hand.


Wir verabreden uns mit allen gemeinsam beim wöchentlichen Hallenfußball. Auch hier ist die Nummer 10 allgegenwärtig. Das Trikot der Selección mit der legendären Rückennummer ziert eine komplette Wand. Diego Armando Maradona ist trotz seiner Skandale im Drogen- und Übergewichtsbereich DER Fußballer des Landes. Oder besser: gerade deswegen! Er ist der beste Kicker des Landes und ist Mensch geblieben. Mit all den Schwächen, die nun mal dazu gehören. Es gibt sogar eine eigene Kirche, die allerdings in Rosario etwas außerhalb liegt – schade. Die hätten wir auch nur zu gerne gesehen! Danach gehen wir mit der Mannschaft und komplett Un Kuartito in ein kleines Restaurant, das den Namen nicht wirklich zu Recht trägt, aber als Geheimtipp der Knaller ist. Es ist eher eine Art Sitzkiosk, der aber schon bei der Hälfte der Gruppe an seine räumlichen Grenzen stößt. Egal, die Campingmöbel aus dem Keller geholt und die Freiluftsaison eröffnet. Die Empanadas werden verschlungen und die Biere sind hervorragend. Immer schön die Literflaschen auf den Tisch und dann wird verteilt. Ist eh immer so, aber hier kommt das einfach noch schöner. Die Rückfahrt ist dann mal ein richtiges Abenteuer. Geschätzte 10 Leute + Kameraausrüstung in einem kleinen Van mit 2 Sitzplätzen. Gott sei Dank gibt’s auf der Pritsche keine Fenster und die Autoreifen geben wunderbare Sitzgelegenheiten ab.


25.09.2007 Buenos Aires


Wir sind langsam aber sicher echt gerädert. Dem Schlafentzug und der vielen Filmerei zollen wir langsam Tribut. Also lassen wir es heute mal tranquillo angehen und stehen etwas später als der Obstmann auf. Gegen Mittag fahren wir in die Stadt und auch der 4. Versuch, mit Gloria ein bisschen Zeit zu verbringen und genaueres über die Musikszene zu erfahren, schlägt fehl. Warum muss sie auch ausgerechnet jetzt krank sein und sich sogar komplett mit Medizin betäubt ins Fernsehen schleppen – da geht für uns gar nix mehr… Auch Pablito, der Sänger der legendären Todos Tus Muertos ist nicht in der Stadt. Ich staune nicht schlecht, als ich zufällig das neue Video von Fidel Nadal sehe. Der ehemalige Sänger der Fabulosos Cadillacs hat niemanden geringeren als Un Kuartito als Band engagiert. Ich dachte, dass Emix & Co nur bei Konzerten aushelfen, aber mittlerweile sind sie quasi sein Radio Bemba.


Abends reiße ich Kolja und mich so richtig rein. Wir sitzen gemütlich beim Essen, als mein Handy klingelt. Andando Descalzo sind dran und fragen wo wir bleiben. Klar, wir hatten uns vor 15 Minuten verabredet, aber ich dachte, dass wir uns im Studio treffen und die eh da sind. Weit gefehlt! Die Jungs haben extra die Aufnahmen zu ihrem neuen Album früher abgebrochen und ein riesiges Barbecue präpariert. Sie kennen halt von Übersee bisher nur unseren Señor Mende a.k.a. Doc Klüse und konnten ja nicht ahnen, dass ich nicht nur die Uhren 5 Stunden zurück gestellt habe, sondern mich auch an die hiesige Zeitrechnung gewöhnt habe. Z.B. sind 5 Minuten auf jeden Fall immer viel, viel mehr 1 Stunde und 'mañana' heißt zwar wörtlich 'morgen', aber eigentlich 'nein'. Der Taxifahrer staunt nicht schlecht, als wir ihm die Adresse sagen. Er fragt ca. 3 Mal nach, wen wir da kennen und wie gut und als wir da sind, wissen wir, warum. Touristen trifft man hier wohl auch äußerst selten. Er steigt aus, klingelt für uns an der Tür und bittet uns erst rüber, als Mauro die Tür öffnet und sagt, dass er auf uns wartet.


Es ist ein herzlicher Empfang. Wir gehen kurz in den Proberaum, der sich im Haus befindet und gehen dann aber schnell zum gemütlichen Teil des Abends über. Wenn wir also schon nichts mehr essen können, müssen wir uns doch wenigstens über die anderen kulinarischen Köstlichkeiten hermachen. Quasi direkt zum Dessert: Iguana, Quilmes und Stella. Hmm, das schmeckt mit einer Sportzigarette aus eigenem Anbau auch mal richtig lecker. Und wieder beendet eine der schier endlosen Taxifahrten den wieder mal ausgedehnten Abend.


Übersee Records ist ein Plattenlabel aus Hannover, das sich ganz und gerne auf Bands aus dem lateinamerikanischen Raum spezialisiert hat. Für INTRO berichten sie aus Übersee.