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Happy Mondays

Unterwegs mit

Allein ihr Name wirft die Party-Sirenen der 90er wieder an. Die Happy Mondays waren die schillerndsten Vertreter des Madchester-Sounds.
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Allein ihr Name wirft die Party-Sirenen der 90er wieder an. Die Happy Mondays waren die schillerndsten Vertreter des Madchester-Sounds. Sie brachten Hedonismus und Tanzwütigkeit in die steife Indieszene, machten MDMA zur Modedroge und lieferten damit den eigentlichen Motor der Rave-Bewegung. Alben wie "Bummed" und "Pills'n'Thrills And Bellyaches" enthielten Hymnen, die sich für immer in die Hirnrinde der Clubkids einbrannten.

Dann der Split-up. Shaun Ryder verließ bei einer wichtigen Besprechung mit seiner Londoner Plattenfirma einfach den Raum, um sich etwas Heroin zu besorgen - und kehrte nicht mehr zurück.

Und jetzt: das erste Album seit 14 Jahren! Bei dem stark an Irrsinn grenzenden Eigensinn der Bandmitglieder ist es ohnehin ein Wunder, dass es dieses Flaggschiff des ungesunden Lebensstils länger als ein Wochenende gab. In dem Film "24 Hour Party People" sieht man, wie die Band das gesamte Budget für ihr neues Album auf den Bahamas für Crack verpulvert und wie Shaun Ryder mit vorgehaltener Schusswaffe von Factory-Records-Gründer Tony Wilson ein Lösegeld für unbrauchbare Aufnahmebänder verlangt. Die Rezeption der Mondays schwankt dementsprechend zwischen drogenverschlingenden Genies und gemeingefährlichen Hools.

Warten und nervöses Warten in Stockport
Ich hoffe stark auf Ersteres, als ich am 31. Mai in Stockton, einem Vorort von Manchester, ankomme. Ein junger Punk und eine ca. 40-jährige großbusige Zwergin, die Händchen haltend durch die Fußgängerzone flanieren, sind das einzig Romantische, was ich hier entdecken kann. Eine tolle Stadt, die ich am liebsten mit quietschenden Reifen wieder verlassen würde - aber hier beginnt meine 2-tägige Tour mit diesen Leuten. Und zwar im Stockport Inn, einem großem Steakhaus mit Zimmern. Typen mit Starallüren würden hier nicht mal zum Pinkeln absteigen. Ich bin mit Tourmanager Gus in der "Lobby" verabredet, einer simplen Holztheke, die von einem Getränkeautomaten flankiert wird. Dort kauft ein glatzköpfiger, ca. 25-jähriger Mann Coladosen. Als ich nach Gus frage, bittet er mich freundlich zu sich: "Gus ist im Bus. Ich bin Kav." Im Bus angekommen, drückt mir der grauhaarige Tourmanager gleich ein Bier in die Hand, dann werden mir die Gitarristen Kav Sandhu und Jonny Dunn, der Bassist Mickey Westermann, Sängerin Julie und Chris vom Merchandising vorgestellt. Aus dem Schlafabteil stößt auch noch Schlagzeuger Gaz Wheelan zu uns. "Willst du sofort mit dem Interview anfangen?" fragt Gus. Als ich antworte, dass ich mir eigentlich lieber vorher das Konzert anschauen würde, empfiehlt er mir, bloß auf den Konzertbesuch zu verzichten: "Es ist sowieso Müll. Also bleib besser im Bus und denk dir was Schönes aus."

Eigentlich sollten wir schon längst "on the road" sein, aber Shaun Ryder fehlt und ist nirgends aufzufinden. Ein Hauptbestandteil des Tourens setzt sich aus zwei Dingen zusammen: Warten und nervösem Warten. Momentan ist letzteres Level angesagt. 100 Minuten, fünf Biere und ca. 80 mitgehörte Telefonate später fällt mir eine Gestalt auf, die ziellos auf dem Parkplatz herumschlendert. Sie trägt ein schneeweißes T-Shirt, eine schneeweiße Adidas-Basecap, schneeweiße Sneaker und eine schwarze Jeans. Kurz darauf betritt eine zierliche blonde Frau mit kurzem Jeans-Rock, knappem Oberteil und einer goldenen Bomberjacke den Bus. Es ist Judy, die ihren Freund Shaun per Handy bittet, doch endlich auch in den Bus zu kommen. Es ist der Typ mit der schneeweißen Basecap. Der ist mächtig sauer und erklärt Judy in seinem Manchester-Singsang, was er von einem Schwesternpaar hält, das den beiden bekannt ist. Soweit ich das Gespräch mitverfolgen kann, wirft er den Frauen Geldgier und ein übertriebenes Interesse an männlichen Geschlechtsteilen vor. Seine Bewegungen erinnern mich dabei entfernt an Dennis Hopper. Nach einem kurzen, freundlichen Gruß in die Runde will Shaun zielgerichtet wissen, ob irgendjemand "Skins" habe. Da er dabei mit einem großen Beutel Grass wedelt, schätze ich, dass er Blättchen meint, und gebe ihm meine.

Wenn man in der englischen Presse liest, dass Ryder nur noch Guinness und Marihuana zu sich nimmt, klingt das stets so, als würde Bud Spencer nur noch Körner essen. Und tatsächlich wäre es bei seiner Vergangenheit erstaunlich, wenn er diese "Diät" einhalten würde. Wie ich höre, lebt er jetzt zurückgezogen auf dem Land. Mit Bez als Nachbarn! Und einem Satz neuer Zähne. Er gibt mir die Blättchen zurück und sagt etwas zu mir. Ich verstehe kein Wort. Nach dem dritten Nachfragen spricht er in Zeitlupe: "Du siehst aus wie Ian Curtis. Von Joy Division." Ungeachtet dieses absurden Vergleichs stelle ich schockiert fest, wie schwierig es ist, mit Ryder zu reden - sein Dialekt ist zu dick für mich. Glücklicherweise kommt Kav zu uns und erinnert die Band daran, dass sie noch T-Shirts mit Autogrammen versehen müssten, da sich für das Konzert in Preston eine Gruppe Autisten angekündigt habe. Später erzählt Kav mir, wie er Shaun vor einigen Jahren kennengelernt hat: "Ich bin DJ und habe einen Club in London. Dort hat auch Shaun regelmäßig Platten aufgelegt. Vor ca. vier Jahren hatten wir die Idee, ein Festival für unbekannte Bands zu veranstalten. Wir wollten aber einen großen Namen im Billing haben, also kam Shaun auf die Idee, die Happy Mondays dort auftreten zu lassen. Obwohl er mich noch nie einen Ton hatte spielen hören, ernannte er mich zum Gitarristen. Mickey und Jonny gehörten damals auch schon zu unserem Freundeskreis. Seitdem sind wir eine Band. Zum ersten Konzert kamen dann gleich 25.000 Leute."Willst du'n E in Preston
Stunden später befinde ich mich im 53 Degree in Preston. Für diese Tour wurden nur kleinere Venues mit einem Fassungsvermögen von ca. 2000 Personen ausgewählt. Für die Fans. Für die Party. Und die geht für mich schon vor dem Konzert los. Vier Typen um die 20 kommen mit einer Palette Carlsberg in den Backstageraum. Ihre entrückten Blicke lassen mich annehmen, dass es sich um die angekündigten Autisten handelt. Sie stellen sich aber als Bekannte von Bez vor. Auch das macht Sinn. Bez erscheint in Begleitung einer extrem dünnen Rothaarigen. Er bewegt sich katzenartig durch den Raum und schaut mich mit stechenden Augen an. "Willst du'n E?" fragt er mich zur Begrüßung. Da ich weiß, wie stolz er auf seine Chemikalien ist, bejahe ich höflich. Er hat einen Gipsarm. Auf mein Fragen erzählt er mir, was passiert ist. Dabei beendet er jeden Satz mit der Floskel "y'know what I mean?". Ab und zu entgegne ich "No", denn ich verstehe kein Wort. Als ich einen seiner Begleiter bitte, mir etwas zu übersetzen, gesteht dieser, dass auch er Schwierigkeiten habe, Bez zu verstehen. Alles, was er mitbekommen habe, sei, dass Bez zwischen fünf und sechs Uhr morgens gerne Kaffee mit viel Brandy trinke. Und dass er keine Fruchtsäfte möge, weil die eine Zuckerkruste auf seiner Oberlippe verursachen. Ich bin überrascht, wie liebenswürdig Bez ist. Einen Mann, der derart lange harte Drogen nimmt, hatte ich mir unfreundlicher vorgestellt.

Ich geselle mich zu ein paar Leuten, die sich auf den Weg in den Konzertsaal machen. Als ich gehen will, ruft Bez mich zu sich. Ich habe mein E vergessen! Er drückt mir eine winzig kleine weiße Tablette in die Hand, so klein, dass ich sie auf dem Weg in den Saal sofort wieder verliere. Meine Begleiter hatten weniger Pech, die Art, wie sie sich untereinander berühren, lässt unschwer erkennen, dass sie unter dem Einfluss von MDMA stehen. Das Zeug lässt sie außerdem glauben, ich sei ihr bester Freund.

Showtime. Der Augenblick, in dem die Band die Bühne betritt, ist ein einziger Triumph. Ich fühle mich wie bei einem wichtigen Fußballspiel, nur dass der Gewinner von Anfang feststeht. Bereits bei den Sirenen der neuen Single "Jelly Beans" rastet der Saal aus. Der Sound der Mondays ist um einiges druckvoller und dreckiger geworden, als er es Anfang der 90 war. Das neue Material klingt frisch, und es klingt nach Happy Mondays. Man merkt, dass Drummer Gaz seit Jahren ein Label für elektronische Musik führt. Shaun hat immer noch dieselben Sachen an wie im Bus. Er liefert seine Songs relaxt und raunchy ab. Im Prinzip rappt er, nur eben sehr eigenwillig. Bez' Performance erinnert an ein unruhiges Raubtier, das permanent von einer Seite der Bühne zur anderen wandert, um dort einen seltsamen Tanz aufzuführen. Sein starrer Blick scheint das Publikum zu hypnotisieren. Mittlerweile sind die meisten Leute um mich herum völlig außer sich. Ich entdecke zwei Security-Leute dabei, wie sie wahllos T-Shirts aus Chris' Kiste stehlen. Als ich diesen darauf hinweise, verscheucht er sie wie lästige Insekten.

Nach dem Konzert feiert Judy im Backstageraum ihren Geburtstag. Die Stimmung weist auf den breiten Genuss diverser Stimulanzen hin. Auch mir werden welche angeboten, und da ich seit 21 Stunden auf den Beinen bin, weiß ich das zu schätzen. Bez posiert mit nacktem Oberkörper und einer E-Gitarre herum. Nach einiger Zeit wird die Party im Bus fortgesetzt, mit Shaun am iPod. Eine DJ-Performance der besonderen Art. Er spielt nur HipHop und skippt jeden Song nach ungefähr fünf bis zehn Sekunden weg, und zwar mit erstaunlicher Konsequenz. Als ich ihn einen "teasing DJ" nenne, sagt er lässig: "Ich bin kein DJ, ich bin Künstler!" Einzig "Gangster Of Love" von den Geto Boys lässt er ganz laufen, vielleicht betrachtet er sie als Seelenverwandte. Bez kommt zu mir und will wissen, ob ich sein E mochte. Er ist tatsächlich besessen von der Idee, andere unter Drogen zu setzen. Ich gestehe, dass ich die Pille verloren habe. "Es war nicht meine Schuld", füge ich hinzu, als ich seinen enttäuschten Blick sehe. "Aah, that's what you Germans always say", antwortet er mir erstaunlich deutlich. Das Euphoriegefühl, das jetzt im Bus herrscht, ist extrem ansteckend. Ich fühle mich mittlerweile schon selbst wie auf E. Durch jahrelange Forschung haben die Mondays das unglaubliche geschafft: Sie sind selbst eine Droge.

Wir verlosen 3 x das aktuelle Album 'Unkle Dysfunktional' an die Ersten, die eine E-Mail mit ihrer Adresse an verlosung@intro.de schicken.

Den zweiten Teil der Story gibt's hier.