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Unser Rückblick: PJ Harvey, Pulp, Tyler, The Creator und viel mehr

So war das Primavera Sound 2011

Das spanische Primavera Sound Festival ist ein frühes Highlight im Festivaljahr. Christian Steinbrink war vor Ort.
Geschrieben am

Dass das Primavera Sound trotz eines überragenden Line-Ups und malerischer Lage am Strand von Barcelona eben doch nur ein Festival ist, mussten Besucher und Pressevertreter an den ersten beiden Tagen erkennen. Am Mittwoch, dem Tag der Pre-Party, kam nur ein Bruchteil der Besucher aufs Gelände des Poble Espanyol am Hang des Berges Montjuïc. Und am Donnerstag, dem ersten vollen Festivaltag im so genannten Fòrum, funktionierte das neu installierte Chipkarten-System nicht, was zu langen Schlangen an 95% der Essens- und Getränkestände führte.

Zudem waren auch die Auftritte in ihrer Gesamtheit eher durchwachsen. Am Freitag und Samstag entspannte sich die Lage auf dem Fòrum, einem architektonisch außergewöhnlichen Geistergelände aus Waschbeton und Flügeldächern am Rande der Stadt, das 2004 anlässlich des Universal Forum Of Culture hochgezogen wurde und heute nur selten genutzt wird.
Nachdem am ersten Tag einhellig The Flaming Lips mit ihrer fantastisch überkandidelten Show inklusive Wrestlern und Super Mario auf der Bühne als Highlight des Festivals genannt wurde, war die Wahl die Tage darauf weniger eindeutig. Sicher ganz vorne dabei: PJ Harvey, die in einem schlohweißen Hochzeitskleid und Federn im Haar ihre wunderbare aktuelle Platte "Let England Shake" plus ein paar Hits sehr würdevoll und ergreifend performte. Oder Jon Spencer, der die ATP-Bühne rockte, alle Nachahmer den Staub seiner Verstärker riechen ließ und damit seine eigene Renaissance feierte. Oder Shellac, die das Primavera jedes Jahr für einen bezahlten Spanien-Urlaub nutzen und am Ende die Bühne unter dem Geballer Todd Trainers selbst aufräumten.

Pech hatten hingegen die Acts, die unter zu lauten Bands auf Nachbarbühnen zu leiden hatten. Tatsächlich waren einige der Bühnen sehr sorglos nah beieinander angelegt, so dass etwa The Walkmen Gift und Galle über die Organisatoren spuckten, weil unter dem Getöse der sehr freigeistigen und sehr bärtigen Grinderman ihre eigenen Songs kaum zu hören waren. The Tallest Man On Earth nahm es dagegen mit Humor, dass seine Akustik-Show komplett von dem jazzigen Noise der Spanier Za! übertönt wurde.
[twitter #ps11]
Das Primavera ist dafür bekannt, ein Herz für alte Helden zu haben und gerne mal ein paar Peseten mehr locker zu machen, um sie zur Reunion zu bewegen. Dieses Jahr waren sie damit wieder sehr erfolgreich, auch wenn die Klasse der Shows einige Male zu wünschen übrig ließ. Die Auftritte von Echo & The Bunnymen und P.I.L. gefielen wohl nur den Hartgesottenen unter ihren alten Fans, Suicide überzeugten immerhin durch Konsequenz und eine verstrahlte Performance, während Dean Warehams Galaxie 500-Songs auch heute noch eine unbestreitbare Klasse und die Swans immerhin Würde und Coolness offenbarten.

Zu den heiß erwarteten Reunions gehörte auch die von Pulp, und tatsächlich schaffte es Jarvis Cockers Big Band, Sex und Eleganz der 1990er neu zu beleben. Dagegen waren Animal Collective, die Headliner des letzten Tages auf der Hauptbühne, eine ziemliche Fehlbesetzung. Nicht weil ihr Auftritt schlecht gewesen wäre, sondern weil derart viel Abstraktion und Leinwandgeflacker den müden Festivalgängern nach drei Tagen dann doch zuviel ist. Besser wären sie auf einem ähnlich entspannten Spot wie zum Beispiel die stilistisch vergleichbaren Gang Gang Dance aufgehoben gewesen: Am frühen Abend auf einer der Nebenbühnen.

Was ansonsten noch war: Low bleiben zwar eine wundervolle Band, sind aber nach wie vor auf überfüllten Festivalbühnen fehlbesetzt. Gonjasufi entsetzte mit einer reinen Gitarren-Show im Stil des Crossover der Neunziger, und Tyler, The Creators Odd Future gewannen durch böse grollenden Rap und eine Performance, bei der sie auch als amerikanische Turnerriege hätten durchgehen können. Die Einstürzenden Neubauten boten Bewährtes und Mogwai bewährt Überragendes, wurden aber nicht so gefeiert wie vorher der FC Barcelona, dessen Champions League-Finale auf derselben Bühne gezeigt wurde und einer ganzen Reihe an Bands das Publikum abgrub. Noch schlimmer erwischte es allerdings den spanischen Act Pájaro Jack, der am Samstagnachmittag auf einer der Nebenbühnen auftrat: Vor der Bühne trieb sich gerade eine einzige Person herum. Das ist bitter, vor allem angesichts dessen, dass ansonsten selbst Nebenbühnen immer wieder überfüllt waren.

Tatsächlich sollte niemand vom Primavera erwarten, dass hier alle typischen Widrigkeiten auch der urbanen Festivals wie weggeblasen sind. Das Primavera ist auch nur ein Festival, allerdings eines mit einem für Liebhaber und Kenner außergewöhnlichen Line-Up, und in einer bereisenswert schönen Stadt. Damit kann man wuchern, da muss man sich nicht künstlich überschlagen.


Einen Nachbericht vom ersten Tag findet ihr hier.

Bilder vom Festival gibt es unter www.intro.de/fotostrecke.