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»Ich will keine Therapie«

Unknown Mortal Orchestra spielen Musik gegen die Panik

Das vierte Album von der Band um Ruban Nielson heißt »Sex & Food« und entstand in Südkorea, Island, Mexiko und Vietnam. Annett Bonkowski traf Nielson zu einem tiefen Gespräch über politischen Wahnsinn, Arbeit als Medizin gegen die Panik, kreative Ruhelosigkeit und über die Versuchung, seinen musikalischen Helden zu nahe zu kommen.

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Ruban Nielson mag als kreativer Kopf von Unknown Mortal Orchestra mittlerweile ganze vier Alben auf dem Buckel haben, doch die Ruhelosigkeit ist geblieben. Der ständige Drang, im Wettlauf mit sich selbst zu sein und dabei die emotionale Komplexität des Lebens möglichst aus den verschiedensten Blickwinkeln zu erforschen. Kein besonders leichtes Unterfangen, wenn die rein musikalische Perspektive stets von einer ähnlichen Vielschichtigkeit geprägt ist.

Ein Rennen, bei dem es nicht darum geht, mit persönlicher Bestzeit im Ziel anzukommen, sondern dieses immer wieder neu zu definieren. Gar bewusst auf Abstand zu halten, wie der gebürtige Neuseeländer uns im Zuge der Veröffentlichung von »Sex & Food« erzählt: »Mein 22-jähriges Ich würde mich als 38-Jährigen vermutlich als erfolgreich betrachten, aber in meinem Inneren sehe ich mich nach wie vor eher als Anfänger, der versucht, beständig dazuzulernen und besser zu werden. Vielleicht werde ich mein Leben lang nur an der Oberfläche dessen kratzen, was möglich ist, aber dieser Zustand beflügelt mich bei meiner Arbeit.«

Der leicht pragmatische, simpel gehaltene Albumtitel und Nielsons Bescheidenheit können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich beim Nachfolger von »Multi-Love« inhaltlich erneut um deutlich mehr handelt als um das bloße dilettantische Schürfen an der Außenfassade. Allein das ruhelose Naturell des Gitarristen und Sängers sorgt in den teils funky, teils psychedelisch-verschrobenen Songs immer wieder für allerhand Spannungsmomente. Neugierig, leidenschaftlich und angriffslustig zugleich. »Das Schlimmste, was mir passieren kann, ist Stillstand. Mein ganzes Wesen muss permanent im höchsten Gang fahren und aktiviert sein. Freunde haben mir schon mehrmals eine Therapie empfohlen, aber ich will keine Therapie. Die Musik ist alles, was ich brauche, um nicht panisch zu werden. Sie hilft mir dabei, mit dem Leben klarzukommen«, gesteht Ruban. Ein Leben, das der umtriebige Ex-Frontmann der Mint Chicks gerne auf Reisen verbringt, wo er seine Umgebung förmlich aufsaugt.

So zog es den in den USA lebenden Musiker für die Aufnahmen von »Sex & Food« an gleich mehrere Orte auf der Welt, an denen er diesem Drang nachging und die nötige Inspiration für die neuen Songs suchte. Immer darauf bedacht, dem Gewöhnlichen dabei bestmöglich aus dem Weg zu gehen, wie zum Beispiel in Südkorea, Island, Mexiko oder auch Vietnam. Klingt zunächst nach einer eher untypischen Wahl, entpuppte sich aber für die Band als wahre Inspirationsquelle, wie Ruban betont: »In der Vorbereitung zu Aufnahmen dachte ich viel über meine musikalischen Helden nach, die mich in meiner Jugend beeinflusst haben. Das waren zum einen David Bowie und Iggy Pop, aber auch Jimi Hendrix. Ich liebe all die Geschichten aus den 70ern von Bowie und Iggy in Berlin, aber ich hatte Angst, dass der Mythos zu groß ist, wenn ich ebenfalls dort aufnehmen würde. Ich meine: Bowie war hier! Das wäre zu offensichtlich. Fast schon Tourismus. Das moderne Äquivalent zu der Stadt und der Berliner Mauer war für mich die demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea.« Der gesellschaftliche und kulturelle Riss zweier Länder sei geprägt von einer sehr großen Anspannung, aber auch von Hoffnung.

Gleiches galt für die Bedingungen im Studio nahe der Grenze, in dem sich Unknown Mortal Orchestra zusammen mit einer Reihe lokaler Musiker einfanden. Die Studioatmosphäre war etwas gewöhnungsbedürftig, aber reizvoll, berichtet Ruban: »Das Studio, in dem wir einige Zeit intensiv arbeiteten, wirkte wie ein typisches K-Pop-Studio auf uns. Alles war neu und glänzte. Selbst das Equipment vor Ort war meilenweit von dem entfernt, was wir normalerweise für unsere Aufnahmen verwenden. Wir importierten daher mein Home-Studio, und ich vertraute einfach darauf, dass wir am Ende alles miteinander in Einklang bringen würden.« Nur, um am nächsten Ort wieder für genügend Kontraste zu sorgen. Das zeigt der in Vietnam entstandene Track »American Guilt«, der so brachial daherkommt, dass einem angst und bange werden könnte – würden die bis zum Anschlag verzerrten Gitarren und das Gefühl von Aufruhr nicht politisch genau das widerspiegeln, was uns täglich mit ähnlicher Wucht in die Magengrube trifft.

Fernab der USA konnten Unknown Mortal Orchestra genau das verarbeiten, sagt Ruben: »Ich wollte so viel wie möglich von diesem alarmierenden Gefühl in einem Song komprimiert einfangen. Weit weg von Amerika fiel mir das bedeutend leichter. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, über all den Wahnsinn auf der Welt nachzudenken. Nachdem wir auf ›Multi-Love‹ sehr viel Piano und Synthesizer verwendet hatten, hatte ich Lust, wieder mehr Gitarren in die Songs mit einfließen zu lassen.« Passt ja auch viel besser zum Wahnsinn. Die Sessions in Vietnam liefen so gut, dass Unknown Mortal Orchestra neben den Aufnahmen für »Sex & Food« gar genügend Inspiration für ein weiteres Studioalbum fanden, das noch dieses Jahr erscheinen soll, wenn es nach dem U.M.O.-Sänger gehen soll: »Mit uns im Studio waren einige traditionelle vietnamesische Musiker, mit denen wir sehr viel jammten. So entstand eine völlig neue, eigenständige Platte.« Überraschend und doch nicht so verwunderlich für die Band, die auch mit ihrem vierten Album auf hohem Niveau den Bruch mit den musikalischen Konventionen pflegt und genau deshalb faszinierend bleibt.

Unknown Mortal Orchestra

Sex & Food

Release: 06.04.2018

℗ 2018 Jagjaguwar