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Rückkehr: Ex-Helloween-Sänger nach 17 Jahren wieder live

Unisonic live

Nicht jeder kennt den Namen Michael Kiske, aber wahrscheinlich jeder Metalfan. Der ehemalige Helloween-Sänger betrat fast unbeachtet von der Öffentlichkeit nach 17 Jahren wieder eine Bühne – in einem Dorf im Odenwald.
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Nicht jeder kennt den Namen Michael Kiske, aber wahrscheinlich jeder Metalfan. Der ehemalige Helloween-Sänger betrat fast unbeachtet von der Öffentlichkeit nach 17 Jahren wieder eine Bühne – in einem Dorf im Odenwald. Peter Flore war das eine längere Autofahrt wert.

Die wenigsten Momente, in denen letztlich Musikgeschichte geschrieben wird, liegen anfangs klar auf der Hand. Wichtig ist eben, das unterscheidet Popkultur vom Fußball, nicht "auffem Platz", sondern meist erst später, in der Retrospektive. Samstag, der 5. Juni 2010, war so ein Moment, zumal für die kleine Gemeinde Mörlenbach-Weiher im hessischen Odenwald.

Beschaulicher kann schon der Ortsname nicht klingen – und auch mit dem an diesem Abend in der optimistisch "Live Music Hall" genannten Dorfhalle stattfindenden Auftritt der Gruppe Unisonic können wohl die wenigsten etwas anfangen. Dennoch ist jedem der anwesenden, rund 150 Besucher schon im Vorfeld klar, dass hier gleich die Musikgeschichte zumindest weitergeschrieben wird, so oder so. Selbst der Wirt des angrenzenden Gasthofs, der einige der extra aus Moskau oder Florenz angereisten Fans beherbergt, weiß Bescheid und überschlägt sich in seinem Dialekt euphorisch: "Is’ doch a Spitzenevent für unser Dorf! Und des für acht Euro Eintritt, da kannscht nix sage!"

Die dezente Aufregung hat einen Grund: Sänger von Unisonic ist ein gewisser Michael Kiske, der mit dieser (bereits im Vorfeld als Warm-up für anstehende Festivals wie das Sweden Rock deklarierten und daher kaum beworbenen) Show sein Bühnen-Comeback feiert – ganze 17 Jahre nach seinem letzten Auftritt mit Helloween, mit denen er nicht nur ein ganzes Genre miterfand und prägte, sondern unter deren Banner er mit seiner außergewöhnlich klaren, 3 1/2-Oktaven umfassenden Stimme auch zur Blaupause ganzer Generationen von Metal- und Hardrocksängern wurde und damit zur wahrscheinlich markantesten Stimme dieser Spielart neben Bruce Dickinson von Iron Maiden.

Dass sich der in Hamburg wohnende Kiske, trotz rund zwei Jahrzehnten Abstinenz erst 42 Jahre jung, für sein Comeback ein Dorf im Odenwald ausgesucht hat, liegt wohl an seinen Mitstreitern Dennis Ward, Kosta Zafiriou (Pink Cream 69) und Mandy Meyer (u.a. Asia, Krokus und Gotthard). Mit dem im nicht weit entfernten Karlsruhe heimischen Bassisten Ward und Drummer Zafiriou hatte Kiske zuletzt bereits das AOR-/Hardrock-Projekt Place Vendome betrieben, das zwei beachtliche Alben herausbrachte, die eine Live-Umsetzung zwingend erschienen ließen. Unisonic nun soll als "echte" Band und Neuanfang gelten, daher der neue Name, obwohl hier mit Kiske, Ward und Zafiriou im Prinzip das genannte Projekt auf der Bühne steht. Was dann auch erklärt, warum zum Unisonic-Auftritt überhaupt jemand kommt, denn die neue Band hat bisher keinen einzigen Song fertig produziert. Die Band will sich bevor es richtig losgeht zunächst einspielen, da können ein paar kleine Fingerübungen in der Nachbarschaft und auf dem Land nicht schaden - zumal, wenn man wie Kiske 17 Jahre keine Bühne mehr von hinten gesehen hat. Die Anwesenden sind also heute abend nur hier, weil sie dank der Vorgeschichte der Bandmitglieder erahnen können, wie das zusammen klingen mag – und weil sie Kiske gerne einmal live erleben möchten.

Auf der nächsten Seite: Wie es war und warum das in Intro steht...

Nicht jeder kennt den Namen Michael Kiske, aber wahrscheinlich jeder Metalfan. Der ehemalige Helloween-Sänger betrat fast unbeachtet von der Öffentlichkeit nach 17 Jahren wieder eine Bühne – in einem Dorf im Odenwald. Peter Flore war das eine längere Autofahrt wert.

Das wiederum grenzt eh an ein kleines Wunder, hatte der sich in den letzten Jahren doch zeitweise völlig zurückgezogen, und war neben seiner Vorliebe für klassische Komponisten, Anthroposophie und Rudolf Steiner in der Szene vor allem dafür bekannt, als überzeugter Christ eine extreme Anti-Metal-Haltung zu vertreten und wahlweise alles zu verteufeln, was eine verzerrte Gitarre beinhaltete – ganz zu Schweigen von umgedrehten Kreuzen und der biblischen Zahl des Tieres. Erst die Place Vendome-Alben ließen Kiske, zwischendurch immer mal mit Projekten und Gastauftritten bei Avantasia und eher pop-rockigen Soloalben aktiv, seine Verkrampfung ablegen und wieder einen lockeren Umgang mit der Metal- und Hardrockszene pflegen, obwohl das gemeinsame Tischtuch längst zerschnitten schien und Kiske bei nietenbehangenen Langhaarträgern ungefähr so beliebt war wie Roland Koch auf einer Anti-Atomkraft-Demo.

So lang dieser Exkurs nun geriet, so wichtig ist er zum Verständnis des von allen Anwesenden sehnlichst erwarteten Konzerts. Das beginnt um ziemlich genau 21:30 Uhr mit einem bestens gelaunten Michael Kiske, der zuvor beim rund einstündigen Plausch vor der "Halle" mit den Fans schon klarmachte: Er hat Lust, ist tief entspannt und seine Vergangenheit soll nun endlich ruhen. Das Konzert selbst ist schnell erzählt: Die neue Band ist bei ihrem Auftritt zwar noch nicht perfekt aufeinander abgestimmt, ist aber jederzeit Herr der Lage und macht das Allerbeste aus dieser im Prinzip eher offenen Probe. Kiske wiederum zeigt sich stimmlich absolut auf der Höhe, er trifft jeden Ton und überzeugt auch abseits davon als Rhythmusgitarrist. Er macht seine Späße, fährt aber eben auch nicht die hier ohnehin nicht angemessene Metalshow. Im Gegenteil, Kiske sieht sich eh längst als durchaus variabler Rocksänger, weswegen es anfangs auch keinerlei Berührungspunkte mit seiner Helloween-Vergangenheit gibt. Genaugenommen gibt es sogar nur einen neuen Unisonic-Song, der Rest des Materials besteht aus den Place Vendome-Alben, für die meisten ist das aber in diesem Moment eh zweitrangig, Kiske hätte auch den ganzen Abend Elvis-Cover spielen können.



Massig Vergangenheit gab es allerdings beim Gespräch vor der Tür, in dem Kiske nochmal klarmacht, weswegen er auch heute noch zu den Größten des Genres gehört: Storys und Anekdoten von den gemeinsamen Touren mit Iron Maiden, Slayer, Manowar und Metallica machen die Runde. James Hetfield beispielsweise habe anno 1988 gleich nach gegenseitiger Bekanntmachung im Backstagebereich in den Mülleimer gepinkelt, vermutlich, um direkt mal sein Revier zu markieren. Er sei auch nach seinem Ausstieg noch lange in Kontakt mit Bruce Dickinson und Iron Maiden-Manager Rod Smallwood gewesen, erzählt Kiske und sprüht auch sonst vor Geschichten aus den seligen Achtzigern, die er eben entscheidend mitgeprägt hat. Als Zugabe gibt es dann auch endlich die beiden Helloween-Nummern "A Little Time" (das sogar in das Judas Priest-Cover "Victim Of Changes" übergeht) und "Kids Of The Century" und alle sind glücklich.

UNISONIC 2010

Warum das alles in Intro steht, einem Magazin das nicht gerade als Metal-Fachblatt bekannt ist? Weil es wichtig ist. Im Besonderen für die 150 Zuschauer, die letztlich dabei sein konnten. Und weil es entgegen landläufiger Meinung auch in der Provinz Geschichten gibt, die es wert sind, erzählt zu werden.