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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

von tomaten und gitarren

Underworld

Welcher der drei UNDERWORLD-Macher kann das sein? Rick Smith - Studio-Zauberer, erfolgreicher TOMATO-Geschäftsmann -, Karl Hyde - Musiker, Texter, Designer, ebenfalls TOMATO-Entrepreneur (die heißeste Design-Agentur der Werbelandschaft - Levi’s, Lilletts, ORANGE Telefonsysteme, Kultfilm „
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Autor: intro.de

Welcher der drei UNDERWORLD-Macher kann das sein? Rick Smith - Studio-Zauberer, erfolgreicher TOMATO-Geschäftsmann -, Karl Hyde - Musiker, Texter, Designer, ebenfalls TOMATO-Entrepreneur (die heißeste Design-Agentur der Werbelandschaft - Levi’s, Lilletts, ORANGE Telefonsysteme, Kultfilm „Trainspotting“, ICA Kunstzentrum, alle haben von TOMATO-Gestaltung profitiert)? Doch nicht etwa Darren Emerson, das zur Superliga der DJ-Welt gehörende jüngste und neueste UNDERWORLD-Mitglied? Doch, natürlich, das Selbstbewußtsein des 24jährigen rettete die Formation vor einem grausamen, langweiligen Tod.
„Second Toughest In The Infants“, ihr zweites Album, hat es in sich, irgendwann ein „Dummy“, ein „Debut“, ein „Club Classics Vol. 1“ zu werden. Musik, die einen Raum besetzt, der vorher nicht da war, oder viel eher mehrere Räume, verbunden, aber nicht voneinander abhängig, wie das bekannte Berliner Zimmer, mit mindestens zwei Türen. Hier spielt einer Blues-Loops, da geht es in Richtung Spät-Techno-Himmel, irgendwann trifft man sich im halbdunklen Flur.
Ein glücklicher Zufall, UNDERWORLD ‘94 - ‘95 - ‘96. Ein Zusammenstoß zwei verschiedener Welten. Laß uns die Uhr zurückdrehen: Ende der 80er hatten sie den Faden verloren: Frustrierter Gitarrist ab nach USA, Kollege tüftelt im Studio herum. Braucht neue Impulse. Nicht weit weg in einer Romford-Kneipe sitzt ein junger DJ mit seinem Kumpel. Romford, Essex, eine dieser Londoner Vorstädte, wo man nie hingehen würde, es sei denn, man hat den Straßenatlas falsch rum gelesen, bewohnt von Menschen, die behaupten: „So weit weg von Central London sind wir gar nicht“ (Darren spricht später genau diesen Satz). Also, da sitzt ein 16/17jähriger in einer Romford-Kneipe, nicht gerade Epizentrum des kreativen Musikgeschäfts, trinkt Lager Top („Ich bin der echte Essex Man“, darum trinkt er auch Lager Top, so eine Art Fosters mit einem Schuß Limo) und sein Kumpel erzählt ihm, daß sein Schwager (war mal ein kleines Pop-Phänomen (aber nie Star), macht ansonsten Werbegeschichten) ein Studio habe und dafür einen DJ suche. „Ich war begeistert, mit 14 hatte ich als DJ angefangen, zu einer Zeit, als niemand DJ sein wollte. Ich lernte Scratching, spielte Electro und HipHop, aber wenn ich mich nicht entwickeln kann, wird es langweilig. Ich wollte ins Studio, also kam die Offerte genau richtig. Nur, als ich dann da war und ihre Musik hörte, mußte ich ihnen sagen, daß ich es scheiße fand, was sie machten.“
Und sie haben dich trotzdem reingelassen? „Ja, sie wollten einen DJ und waren offen für neue Ideen. Als Karl aus Amerika zurückkam, bekam er ein bißchen Panik, er als Gitarrist und so, aber wir machten weiter, erst mal nur ‘Jamming’, ich machte ein, zwei Sachen mit Rick, LEMON INTERRUPT z. B., noch nicht UNDERWORLD. Mit der Zeit merkten wir, was möglich war. Karl spielte, und ich meinte: ‘Ja, finde ich gut.’ - ‘Was? Bist du sicher?’ Wie ‘Blueski’ vom neuen Album, warum nicht? Wir sprechen so viele unterschiedliche Leute an, von Indie-Studenten bis Technik-Freaks, die es wahrscheinlich gar nicht zugeben, daß sie uns mögen, weil wir uns nicht auf einen bestimmten Stil festlegen.“
Und TOMATO-Kohle hat euch den Rücken freigehalten ... „Genau. Es ist um so schöner, daß wir es mit einem Independent Label geschafft haben und kein großer Plan dahintersteckt. Rick und Karl machen wirklich nur das, was sie wollen. Ich mache auch ab und zu mal was für TOMATO, die Gelegenheit ist da, wenn ich will. Ich habe auch mein eigenes Studio und Label, ‘Underwater’, mehr House/Techno. Insofern ist UNDERWORLD ein Ding, worauf wir alle Lust haben, wo wir ständig neue Ideen ausprobieren können.“ Wie wichtig Darren inzwischen für den Prozeß geworden ist, zeigt sich in der unglaublichen Tatsache, daß Rick und Karl ihm die Zusammenstellung des Albums komplett überließen: „Sie haben mir die Bänder gegeben, sie konnten das alles gar nicht mehr hören! Ich bin schließlich DJ, weiß, wie es fließen muß.“
Die Single „Mmm Skyscraper I Love You“ für „Junior Boys Own“ brachte 1992 die stilistische Wende. Wie kam es, daß „London Records“, damals Partner von „JBO“, nicht mit euch weitergemacht haben? „Sie haben ‘Skyscraper’ gehaßt, stehen eher auf kommerziellere Disco. ‘Zu schräg’, hieß es. Also meinte Steve von ‘Junior Boys Own’, wir sollten mit ihm weitermachen. Das gesamte ‘JBO’-Label wurde von ‘London’ gedroppt. Na ja, dann kam das Stück ‘Rez’. Steve meinte: ‘Ich bin mir nicht sicher, ob ich das mag’, aber ich als DJ, was eigentlich eine Art von A&R ist, wußte es. Ich hatte es getestet, es ist der Traum aller DJs, wenn du was Neues spielst und denkst: ‘Come on, dance, you bastards!’, und es geht ab. Ich sagte Steve: ‘Du mußt das veröffentlichen, glaub mir!’ Und dann ging es ab! Karl kam zurück mit einer Version mit Stimme, ‘Cowgirl’ - den Rest der Geschichte kennst du.“
Und darin liegt die Lektion unserer Geschichte für heute, so was kann man nicht planen, wie Darren mit breitem Grinsen feststellt: „Jetzt kommen die Majors wieder an und wollen es wissen: UNDERWORLD, zweites Album Chartthema, was sind ihre Pläne? Und wir haben gar keine! Wir haben keinen Plan! We just get on with it. Cheers!“ Noch zwei Lager Tops, bitte.