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Frankfurts musikalischste Baustelle

Under Construction

19.01.-07.05. - Frankfurt, TAT im Bockenheimer Depot. Bis vor kurzem war das Bockenheimer Depot, einst Parkhaus für Straßenbahnen, als Spielstätte dem TAT und dem Ballett Frankfurt vorbehalten. Dank der Umbrüche - oder sollte man sagen: Erosionen - in der subventionierten städtischen Hochkultur ist
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19.01.-07.05. - Frankfurt, TAT im Bockenheimer Depot. Bis vor kurzem war das Bockenheimer Depot, einst Parkhaus für Straßenbahnen, als Spielstätte dem TAT und dem Ballett Frankfurt vorbehalten. Dank der Umbrüche - oder sollte man sagen: Erosionen - in der subventionierten städtischen Hochkultur ist der schöne alte Bau derzeit in zwei Räume geteilt. Hinter einem massiven Vorhang spielt gelegentlich das Schauspiel, vor der "Filzwand" spielt regelmäßig Musik, alle vierzehn Tage mittwochs. Analog zur Übergangsnutzung der Halle, die ab Juni wohl wieder komplett vom Theater beschlagnahmt wird, nannten die Programm-Gestalter Ekkehard Ehlers und Olaf Karnik ihre Reihe "Under Construction". Das Ambiente verbindet Elemente von Bar, Club und Konzertsaal. Eine lange Theke, variable Sitzmöbel und die ebenerdige Bühne schaffen familiäre Atmosphäre, in der sich die beiden Kuratoren und viele Künstler spontan in Gespräche verwickeln lassen.

Am dritten Abend der Serie lockten Niobe und Tujiko Noriko 200 aufmerksame Zuschauer, darunter nicht wenige Musiker, Veranstalter und DJs. Mit ihren filigranen und charmanten, elektro-akustisch oder mit Laptop begleiteten Balladen markierten die beiden Sängerinnen und Komponistinnen die "Pop"-Ecke des konzeptionellen Dreiecks von "Under Construction". Am anderen Ende des weiten Stil-Horizonts leuchten experimenteller Minimalismus und improvisierte Musik. Das britische Vibracathedral Orchestra zeigte im Februar, wie trancehafte Klangflächen mit Gitarren, Violine, Klavier, Bass und minimaler Perkussion entworfen werden. Lange schon hat man typische "Drones" nicht mehr in einer so selbstvergessenen Konsequenz und epischen Breite gehört. Auch wenn der Auftritt ein paar Längen enthielt, wurde das Quintett seinem Ruf als Bewahrer zeitloser Ideale von LaMonte Young bis Velvet Underground weitgehend gerecht.

Im April treibt Avantgarde-"Urgestein" Hugh Davis diese Richtung auf selbst konstruierten elektro-akustischen Instrumenten möglicherweise auf die Spitze. Außerdem stehen Trompeter Franz Hautzinger (Zeitkratzer), Gitarrist Fennesz (Mego-Label) oder das Quartett Polwechsel mit seinen Micro-Sounds auf dem Programm. Ergänzt werden die mitunter schrägen, mal kopflastigen, mal witzigen Konzerte durch Vorträge, die wiederum mit Klangbeispielen spielen. "Man muss die Neugier auf Unbekanntes nur unterstützen, indem man vermeintlich sperrige Dinge vermittelt", findet der Musiker Ekkehard Ehlers. Es darf aber auch getanzt werden, beispielsweise mit Hermann & Kleine und Mitte Karaoke am 30. April in den Mai.