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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Und draußen weht der Wind und immer wieder

Art Cologne

Auch wenn Islands Vulkan fürs erste die Flughäfen nicht mehr im Griff hat, so merkt man doch die Auswirkungen: Köln wirkt während der aktuellen Art Cologne nicht so gedrängt voll wie sonst.
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Auch wenn Islands Vulkan fürs erste die Flughäfen nicht mehr im Griff hat, so merkt man doch die Auswirkungen: Köln wirkt während der aktuellen Art Cologne nicht so gedrängt voll wie sonst.

Gut so. Zumindest für den, der nicht Geschäfte sondern das Flanieren sucht, bleibt so doch mehr Raum für die eigenen Blicke. Hier mal ein paar Gedanken zu Bildern und Orten, an denen sie zuletzt hängen geblieben sind.
 
Kölnischer Kunstverein: Alexandra Bircken
Beginnen wir da, wo es dem Volksmund gemäß immer am Schönsten ist: Zuhause. Also im Kölnischen Kunstverein. In der Reihe „Antenne Köln“ werden, man muss kein Linguist sein, um das aus den Lauten herauszulesen, lokale Künstler vorgestellt – was natürlich besonders viel Sinn macht, wenn die Kunstwelt in Köln zu Besuch ist. Mit der Wahl der aktuell ausstellenden Künstlerin, Alexandra Bircken, beweisen die beiden Direktorinnen des Kunstvereins, Kathrin Jentjens und Anja Nathan-Dorn, einmal mehr ihr Gespür für die richtige Künstlerin zur Zeit.

Birckens Objekte passen dabei ideal in den von Fensterfronten geprägten Ausstellungsraum des Kunstvereins. Die permanente Konfrontationen mit Außen/Innen-Zuschreibungen, mit Ab- und Anwesenheiten umschwebt mit realistischer Konsequenz den thematischen Kern von Birckens Ausstellung. Ihre Werke spielen sehr viel mit natürlichen Materialien (Holz), menschlichen Spuren (Kleidung und vor allem Haare) und leider manchmal auch kitschigen Referenzen an postmodernistischen Popismus – letzteres leider, da es jene kleinen Gesten wie Barbiefüße sind, die nicht in das ansonsten stimmige und wirklich Gefangennehmende Gesamtbild passen wollen; insofern gut, dass es nur einige wenige sind. Ansonsten gelingt es Bircken auf verblüffend helle Art, eine sehr düstere Stimmung zu erzeugen. Erinnerungen an Falcos „Jeanny“-Zyklus geistern durch den Raum, ebenso an das zeitgemäße japanische Kino mit seinen spooky Übergriffen in die Alltagsrationalität. Besonders drastisch wird das in den so minimalen Ski-Arbeiten deutlich. Für diese hat Bircken, gemeinsam mit dem Technoproduzenten und Künstler Thomas Brinkmann, an alten Skiern Haare angebrachte. Dies ist zugleich eine Referenz an jene Tage, als man noch ohne Lift die Piste aufsteigen musste und deshalb Haare gegen das Abgleiten an den Skiern anbrachte, aber abseits des konkreten Pragmatismus und des damit angeschnittenen Historizismus der sozialen Handlungen auch ein aufwühlend-düsteres Szenario, indem uns ein übrig gebliebener Gegenstand präsentiert, dem das Fehlen der zugehörigen Person sehr deutlich angeheftet wurde. Die Haare sind, und damit herzlich willkommen im asiatischen Horror, weiter gewachsen. Wie ein in die Vergangenheit geeichtes Echolot der Existenz. In den Kontext mit weiteren Werken der Ausstellung gebracht, schaukelt sich die Spookyness hoch. Immer wieder erinnern Kleidungsstücke an absente Träger – und werfen die Frage auf, was mit „Blondie“, so der Ausstellungstitel, „Carmen“, „Lucy“ oder auch „Jeanny“ wohl passiert ist.




Art Cologne: Carsten Nicolai / Daniel Pitín / Gil Shachar / Lutz Braun / Stephan Balkenhol  / „Ihr seid Künstler und wir nicht“
Einen so dringlichen Gesamteindruck kann ein Monster wie eine Messe natürlich nie auslösen. Zu ermüdet ist man, wenn man nach fünf, sechs Stunden seinen Rundgang erledigt hat. Was daran liegt, dass zu wenig Anregendes vorzufinden ist. Die Intervalle zwischen positiven Stimulationen sind einfach zu lang – und die Stimmung zu wenig euphorisch, um einen trotzdem mitzunehmen. Den Blick der strahlend in ihrer Ausstellung stehenden Bircken vor Augen, fragt man sich unweigerlich, warum eigentlich nicht mehr Begeisterung in diesem Betrieb gezeigt werden kann? Widersprechen glühende Augen der scheinbar notwenige Seriosität? Frisst die Ambition der Coolness alles weg?  Ach, wenn es wenigstens eine herrlich konfrontative Arroganz wäre, die man hier cool aufgejazzt zu spüren bekäme, aber dann ist es doch nur genau jene wie sie die Erbtante immer so schön zu kultivieren wusste. Attitüde durch Kapital – echtes, unechtes, geerbtes, erschlichenes und geliehenes... Bevor ich aber wieder nur rumnörgel: Sprechen wir vielleicht doch lieber von der Kunst, die meine Augen glühen ließ.

Nicht verwunderlich, dass dabei einige alte Bekannte dabei waren, der Mensch klammert sich ja bekanntlich gerne an das, was er kennt. Was in Ordnung geht, wenn, wie im Fall von Carsten Nicolai, mit einer an russische Schlittschuhläufer erinnernden Zuverlässigkeit abgeliefert wird. Nicolais Soundinstallationen spielen in einer anderen Liga. Unvergleichlich, wie sie kühles Design und offene Herzlichkeit zusammen denken. In einem länglichen Schacht flackern heuer Linien auf, umschwungen von klassischem Raster-Noton-Sound. Je länger man am Objekt steht, desto größer wird die Sehnsucht in diesem aufzugehen, die Etikette zu ignorieren und hineinzukriechen – was leider schon wegen des eigenen Umfangs nicht möglich ist. Die zur Seite gestellten Druckarbeiten und Zeichnungen Nicolais will man danach gar nicht mehr sehen, wirken sie in der Fallhöhe doch wie Zugeständnisse an breitere Nachfrage. Sein wirkliches Spielfeld ist soviel größer in jeglicher Hinsicht.

Ein ganz anderes Medium bespielen die Bilder von Daniel Pitín, reißen dabei aber ähnlich spektakulär für den Betrachter den Raum auf. Seinemit Öl und Acryl auf Leinwand festgehaltenen Filmzitate spielen dabei nicht nur mit der Geografie von Settings sondern auch mit den zugehörigen Protagonisten. Diese sind nicht gänzlich absent wie bei Bircken, aber dadurch, dass sie teilweise nur angezeichnet sind oder auf das Brutalste ausfaden, vom Leben getrennt, schon im letzten Moment der Existenz eine verblassende Erinnerung. Ja, so ist die Natur: vergesslich. Passender kann man den Menschen mit seiner Sucht nach Artefakten und der damit verbundenen Hoffnung, des sich für immer und ewig Festzuschreibens, nicht auf den harten Boden der Existenz und Postexistent zurückholen.

Es war also einmal mehr Staub in der Luft. Solche Feinheiten schenkt Gil Shachar seinen Protagonisten allerdings nicht.  Die zwei (von mehr auf der Messe gezeigten) Arbeiten, auf die ich mich hier beziehen will, setzen auf eine deutlichere Drastik. Wir sehen einen zwischen Steinen abgelegten, abgetrennten Kopf, und eine mit Steinen in den Taschen gefüllte Jacke. Das was uns runterzieht, macht uns den Kopf schwer. Wer will da widersprechen, zumal die nackte Klarheit der Präsentation überzeugt.

Eine im Passieren sofort ins Auge stechende Arbeit von Lutz Braun, die zwei auf Stoff gemalte, verträumte Gestalten zeigt, erscheint nach all dem Pessimismus plötzlich als beruhigender Einwurf: „Ja, so ist es. Ja, so war es immer“, hauchen uns seine Protagonisten entgegen. Und da man sich an alles gewöhnen kann, funktioniert die Negation für immer und immer immer genau so. Also: „Lass uns Air hören, an französische Eskapismusfilme denken und glücklich sein.“ Und sofort ist man überzeugt.

Der Gang nach Außen macht dann nicht nur soviel Spaß, da die Sonne über Köln endlich den Frühling ausgerufen hat, sondern da man nochmals eine Arbeit von Stephan Balkenhol, dessen Holzschnitzmalereien bereits auf der Messe an gefühlt jeder Ecke einen anflirten,  in voller Vehemenz an den Körper gedrückt bekommt. Noch schöner, da aktuell aufgeladen mit einem Gefühl, dass doch alles möglich ist im Leben, wenn man nur handelt und sich nicht runterziehen lässt: Der „Ihr seid Künstler und wir nicht“-Wagen. Für alle, die gar nichts mehr mitkriegen. Der von Merlin Bauer (bekannt durch die Initiative »Liebe deine Stadt«) in Zusammenarbeit mit u.a. Manu Burghart, Owen Gump, Herbert Labusga, Andreas Schilling, Thomas Schilling und Marcus Schmickler konzipierte Karnevalwagen, gestaltet unter Einbringung von Rosemarie Trockel, Gerhard Richter und Sigmar Polke, die als überlebensgroße Figuren auf dem Wagen prangern, machte den Protest gegen den Abriss des Schauspielhauses zum deutschlandweit wahrgenommen Happening – mit dem positiven Effekt, dass er gekippt wurde und das Schauspielhaus stattdessen renoviert wird. Jetzt kann man also zufrieden in der Sonne vor der Messe stehen, den Wagen anschauen und dem extra dafür aufgenommenen Protestsong lauschen: »Ihr seid Künstler und wir nicht, eure Ahnung, die hamm wir leider nicht. Doch schon bald habt ihr uns beigebracht, wie man aus Köln einen Haufen Scheiße macht.«



 
Museum Ludwig: Jochen Lempert / Wade Guyton
Auf dem Weg zum Essen und in die Nacht noch kurz im Museum Ludwig vorbeigeschaut, wo die Ausstellungen von Jochen Lempert und Wade Guyton eröffnet wurden. Erste rief so gar nichts hervor. Auch mal schön: Kunst, die offensichtlich so sehr für andere konzipiert ist, dass selbst Ablehnung zuviel an Gefühl wäre. Anders Wade Guyton, der von der Kölner Galeristin Gisela Capitain vertreten wird und an ihrer Seite auch durch das Museum Ludwig spazierte – mit einer sofort auffallenden, extrem sympathischen Entspanntheit. Leider ist das Werk selbst dann doch nur eine urgroße Coverversion von Konzeptkunst der späten 60er/frühen 70er Jahre. Unmenge schwarzer Fahnen, vom Drucker beliebig manipuliert, in ihrer Häufung und die riesige Wand bespielend so beeindruckend wie Stadionrock der 70er Jahre, aber leider auch so bruch- und reizlos wie dieser. All die Einschnitte, Ausfärbungen und scheinbar zugelassenen Schwächen wirken letztlich zu kalkuliert. Es wäre spannend gewesen, wenn er mehr Gefühl (und damit meine ich nicht einen Sonnenuntergangskitsch wie beispielsweise in seiner Editionsarbeit für Texte zur Kunst, sondern eher einen nüchternen Expressionismus) in seine Coverversion eingebracht hätte. So bleibt nur ein well done, aber das klingt dann ja doch nach Schule und irgendwie ungeil.