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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Unabbildbare Musik: Die Mona Lisa als Blechdose

Mouse On Mars

Mouse On Mars verbinden auf ihrem neuen Album »Parastrophics« aktuellen Zeitgeist in Form von Dubstep-Referenzen mit ihrer eigenen historischen Substanz aus hektischen Soundmanipulationen und warmen Synthieflächen. Thomas Venker traf die beiden Neuberliner Andi Toma und Jan St. Werner in ihrem Studio in Köpenick. Fotos: Mustafah Abdulaziz
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So manisch hat man die Künstler gern: Kaum hat Andi Toma die Tür zu ihrem auf dem Gelände des ehemaligen Funk- und Fernsehareals der DDR gelegenen Studios aufgeschlossen, legt er schon das neue Mouse-On-Mars-Album »Parastrophics« in die Anlage ein. Und dreht alle Regler bis ans Limit auf. Das Ergebnis ist zunächst eine unglaubliche wall of sound, die sich erst peu à peu in etwas Songähnliches wandelt. Die angebrachte Frage, ob das auf dem Mischpult wirklich alles im roten Bereich sein müsse, ignoriert er. Wie er überhaupt jegliche Kommunikationsversuche abblockt. Nicht aus Unfreundlichkeit – Andi Toma ist gerade dabei, sich wie ein Kind in seiner eigenen Musik zu verlieren.

Die Augen werden immer größer, ab und zu dringen Sätze wie »Boah, der Bass klingt ja krass« oder Fragen wie »Was ist denn das?« aus ihm. Nach ein paar Minuten erklärt er dann, dass er die fertigen Promo-CDs gerade erst bekommen habe und das Album nun zum ersten Mal seit dem Mastern hören würde. Dann staunt er auch schon weiter über das, was sein Partner Jan St. Werner und er da so alles zusammengebastelt haben.

Von Köln nach: Berlin

Es ist ein komisches Gefühl, zu einem Mouse-On-Mars-Interview nach Berlin anzureisen. Hierhin siedelten die beiden vor zwei Jahren über und schätzen die Stadt sehr für das kollaborationsfördernde Künstlermilieu. Als die beiden 1993 mit ihrem Debüt »Vulvaland« auftauchten, waren sie zwar gleich bei dem damaligen britischen Vorzeige-Indie-Label Too Pure und somit voll international positioniert, aber im Kern verkörperten Mouse On Mars vor allem eins: die Hausband von A-Musik, dem damals noch am Brüsseler Platz in Köln angesiedelten Plattenladen, Label und Treffpunkt der umtriebigen Kölner Musikszene. Dass Andi Toma sein Studio, in dem bis zum Umzug alle Mouse-On-Mars-Produktionen entstanden, in Düsseldorf hatte, spielt bei der Kölner Verortung keine große Rolle. Jan St. Werner wohnte in diesen Anfangstagen gar in einer hinter dem A-Musik-Laden gelegenen WG.
Seitdem ist viel Wasser den Rhein runtergeflossen: A-Musik hat in Köln zum alten Griechenmarkt rübergemacht, Andi Toma und Jan St. Werner haben ihr eigenes Label Sonig gegründet, das sich mit A-Musik die Räume teilt, und Mouse On Mars legten Album um Album vor. Wie viele genau, hängt davon ab, welche Nebenprojekte, Remix-Sammlungen und größere Kollaborationen man mitzählen will. Nach Bandzählweise kommen zehn heraus. Jenes zehnte Album »Parastrophics« ist jedenfalls das erste Mouse-On-Mars-Album seit dem 2006 erschienenen »Varcharz«, das damals ein bewusster Schritt zurück ins Experimentelle war, dem man dabei aber auch anmerkte, dass da zwei Menschen mal Luft holen müssen. Dass es ganze sechs Jahre dauern würde, bevor sie bereit für das nächste Album sein würden, das hätten sie selbst am wenigsten gedacht. Es war eine »Phase des Scheiterns und Haderns«, sagen sie rückblickend. Andi Toma stellte während dieser Zeit offen zur Diskussion, ob es denn überhaupt ein neues Album geben müsse, es liefe doch auch so alles rund. Kein falscher Einwand, immerhin können Mouse On Mars wann immer sie wollen weltweit auf Tour gehen. Die Nachfrage ist konstant. Hinzu kommen Seitenprojekte wie »Paeanumnion« (siehe Kasten) und Soloprojekte wie Lithops und Microstoria, die für Abwechslung sorgen. Zumal es ja auch in 90% der Fälle so ist, dass man seine Wahrnehmung als Band in den ersten drei Jahren und mit den ersten beiden Alben geprägt hat, so funktioniert Geschichtsschreibung nun mal. Warum also nicht das Hamsterrad der Veröffentlichungen wirklich anhalten? Von den Rolling Stones hätte ja auch spätestens ab den 80ern keiner mehr ein neues Album gebraucht, und man schaut sie sich trotzdem gerne live an. Also, manche von uns.

»Aber dann ist doch der Punkt gekommen, wo wir das Gefühl hatten, noch mal was sagen zu müssen«, wirft der mittlerweile auch angekommene Jan St. Werner ein. »Es hat uns einfach noch nie interessiert, einen Sound zu verwalten. Das hat nichts mit Mut zu tun, wir sind auch weniger mutig, als die Leute denken, wir haben die Ängste einfach gar nicht.« Werner reißt das Gespräch sofort an sich. Daran kann auch der Kater vom Vorabend, der ihm merklich ins Gesicht gezeichnet ist, nichts ändern. Er war gestern mit seiner Freundin, der Künstlerin Rosa Barba, bei einem der regelmäßigen großen Feste des isländischen Künstlers Olafur Eliasson und blieb dann doch entgegen aller Pläne ein paar Drinks zu lange. Trotzdem ist Jan St. Werner auch heute ein sehr markanter Sprecher. Interviews mit ihm gleichen seit jeher einer Performance, in der er kokette Behauptungen, dreiste Erfindungen und gut geerdete Fachdetails zu mischen weiß. Würde Andi Toma nicht parallel so laut das eigene Album abfeiern, ich hinge hypnotisiert an den Lippen von Werner.

Keine Musik: Restgeräusche

Aber die Unterbrechungen sind auch sinnvoll. So sprechen wir, angeregt vom Hören des Albums, über die eigene Wahrnehmung des Materials. Werner erzählt, dass beim finalen Mastern der Platte alles »wie eine Welle auf sie zugekommen« sei. Der Masterer habe dann eine Nat-King-Cole-Platte aufgelegt, um die beiden so zu entspannen, »bis die Frisur wieder saß«, und dann im Anschluss erst mal zu schocken: »Er meinte, dass das, was wir da machen, gar nicht abbildbar sei«, erinnert sich Werner. »Er ist dann in die Sinuskurven reingegangen oder das, was wir dafür hielten, denn das sind nur noch Zerrungen. Es ist keine Musik, es sind Restgeräusche, das ist echt Müll. Die alte Vinylplatte hingegen repräsentiert Musik, wie wir sie uns wünschen.«

Richtig traurig sieht er nun aus, und es klingt für eine Sekunde nach Resignation, genauso wie die Aussagen, die Leute würden ja vielleicht denken: »Jungs, ihr habt toll gearbeitet, und jedes Stück ist der Wahnsinn, aber: Beatles ist das Ding.« Oder: »Man kann vielleicht den Anzug nicht immer neu erfinden, warum auch?« Er beantwortet sich die Frage dann aber auch gleich selbst: »Vielleicht, weil Musik wie ein Parfüm ist.« Und so haben Mouse On Mars natürlich nicht aufgegeben, sondern ihr neues Parfüm kreiert, das sich ein bisschen wie ein Blending ihres Backkatalogs anfühlt. Aber eines, bei dem sehr viel Gewicht auf die jetzige Produktion gelegt wurde. Man merkt den großen Einfluss aktueller Dubstep-Produktionen, die die Freunde am digitalen Zerhacken explizit gen Dancefloor transportieren. Wenn man »Parastrophics« so laut hört, wie es gerade im Studio der beiden läuft, dann ist es das erste Mouse-On-Mars-Album, das man sich sofort auch im Club denken kann. Nicht nur wegen der toll wummernden Bässe, auch, weil die schon immer ihre Musik prägende Rhythmik der harten Schnitte mittlerweile voll im Zeitgeist angekommen ist – von der Tragfähigkeit der Mouse-On-Mars’schen Wärme auf dem Dancefloor mal ganz abgesehen. Ganz aus dem Nichts kommen weder die Zuschreibung noch die Entwicklung: Das Album erscheint nicht beim eigenen Label Sonig, dessen Labelchef Frank Dommert man laut einem grinsenden Werner »schonen wollte und nicht mit den Kosten, die so eine Plattenproduktion ja mit sich bringt, nerven«, sondern auf Monkeytown, dem Label von Modeselektor. Hier haben sich zwei musikalische Duos gefunden, die füreinander geschaffen sind: »Wir ziehen exakt das Gleiche aus dem Musikmachprozess raus«, betont Werner die Gemeinsamkeiten. »Alles entsteht bei Mouse On Mars sehr frei, also sehr ähnlich zur Arbeitsweise von Modeselektor. Auch wenn das komisch klingen mag, wir arbeiten, als wolle man aus Blechdosen die Mona Lisa nachbauen. Es ist also nicht so falsch, wenn jemand wie der Masterer die Musik für digitalen Müll hält. Menschen mit so einem guten Gehör gibt es aber glücklicherweise nur zehn auf der ganzen Welt, die anderen brauchen halt drei Durchgänge, bis sie verstehen, was wir da machen, dann ist es für sie wirklich Musik.«

Dass man dann doch schnell merkt, womit man es zu tun hat, dafür sorgt nicht zuletzt der immense Groove der Produktion. Bei derartig kompliziert strukturierter Musik, wie sie Mouse On Mars machen, fragt man sich ja immer, wie man den am Ende noch findet in all dem Wirrwarr. Die Antwort ist relativ einfach, zumindest für Werner: »Das ist der Unterschied zwischen Amateur und Profi. Wir spüren den Groove auch beim Machen immer. Für dich ist das aber so, als ob du einem Ninja-Master zuschaust, wie er eine Bewegung ausführt, und sie nachmachen willst. Du merkst, es ist Musik, aber du fragst dich: Wie funktioniert das alles aus einer organischen Bewegung heraus? Wir nehmen aber die Einzelteile gar nicht wahr, wie alle, die solche Musik machen, weil wir sie jeden Tag machen. Alles ist total verrissener Wahnsinn, ein Stück, drei gleichzeitig oder 15 nacheinander? Für mich natürlich eins.«

Das autoritäre Publikum: Modeselektor

Als Modeselektor die Stücke zum ersten Mal im Studio hörten und Jan St. Werner und Andi Toma sie ängstlich fragten, ob das die Hörer nicht überfordern würde, winkten beide nur ab. Gernot Bronsert und Sebastian Szary sind eben selbstbewusste Profis, das bringt die eigene, ebenfalls die Hörgewohnheiten herausfordernde Musik mit sich. Und sie wissen genau, was sie wollen. »Sie sind auf eine sehr gute Art autoritär«, berichtet Werner von den gemeinsamen Studioerfahrungen. »Was wir nicht sind und auch nicht mehr auf die Reihe kriegen. Wir sind in unserer Welt sehr organisiert, aber wir reden keinem Künstler auf unserem Label Sonig rein – was dazu führt, dass die Leute nur einen Bruchteil der Platten verkaufen, die sie sonst verkaufen könnten. Modeselektor haben das gemacht. Das ist mutig, das hat in all den Jahren noch nie jemand bei uns gewagt, weder Domino noch Thrill Jockey.« Das imponierte Andi Toma und Jan St. Werner merklich, zumal die beiden auch noch selbst Musiker sind, es also »eine Autorität war, die vom Herzen kam, und kein Businessanliegen«, wie es Andi Toma ausdrückt. Man habe eben das gleiche Soundverständnis. Mit ein Grund, warum sie keine Sekunde gezögert hätten, das Angebot, auf Monkeytown zu veröffentlichen, wahrzunehmen. Es fühlte sich nicht nur gut an, sie merkten auch, wie es in ihnen einen kreativen Impuls auslöste, der so stark war, dass das finale Album dann in wenigen Wochen entstand. »Die hören Sachen, die jemand von einem normalen Label, aber auch befreundete Musiker gar nicht hören«, erzählt Toma und fügt ein Beispiel an, auf welchem Detailniveau da nerdig diskutiert wurde: »Sie fragten wirklich, ob die HiHat oder das Geräusch an dieser und jener Stelle drin sein müsse. Es ist völlig verrückt, aber da wird eine ganze Band durch zwei Personen plötzlich konzentriert. Das ist dann dein Publikum. Wir spielten plötzlich nicht für 10.000 imaginierte Fans, sondern nur für die beiden Modeselektors. Wir haben das dann echt für sie gemischt.«

Der Möglichkeitskosmos des Nichtloslassens

Trotz der künstlerischen Beratung war das Loslassen am Ende nicht leicht. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten des Nichtloslassens in der musikalischen Welt von Mouse On Mars. Jan St. Werner vergleicht es mit einem Maler, nur dass sie die Farbe immer wieder rausnehmen, bis das Bild, also in ihrem Fall der Song, am Ende »komplett entschlackt, gereinigt, abgeschminkt und ausdifferenziert ist. Aus Fünf-Wochen-Stücken werden Dreiminüter. Eigentlich gibt es immer 50 Versionen, die Musik läuft tagelang, und man macht immer weiter: Filter, Arrangementwechsel, Bassdrum austauschen ... Die Möglichkeit, wie das alles sich auflösen lässt, steht erst am Ende.« Wieder das Stichwort für Andi Toma, noch mal eine Spur lauter zu drehen und sich dann gegen die wall of sound einzubringen: »Wir suchen diese Momente, diesen Tag, diese halbe Stunde, wo du weißt, dass jetzt alles stimmt, ohne dass man einem Sound Unrecht tut. Die Erzählung stimmt plötzlich, ebenso die Rhythmik, die Harmonie, das Spannungsfeld – alles arbeitet nun perfekt in Richtung des Stücks. Wir Musiker sehen das!«

Aber auch sie sehen nicht alles, was ja nicht schlimm ist. »Weißt du«, beginnt Jan St. Werner seinen Epilog, »es wird nie alles klar werden. Aber man hat die Hoffnung, dass man am Ende alles versteht. Das Problem ist doch, dass wir immer nur die Dinge erkennen, die wir erkennen können. Aber es steckt doch so viel mehr Potenzial in den Dingen, andere Perspektiven der Geschichte: Ist das ein Hut mit Schlange oder eine Schlange, die sich im Hut versteckt hat? Zu fühlen, dass man einen einzigartigen Blick auf die Welt gehabt hat, ist toll. Wenn man es dann auch noch schafft, einen Blick zu kreieren, auf den andere sich einlassen wollen und können, dann hat man es geschafft. Wir machen die Musik, weil wir die Welt beschreiben wollen, und nicht nur, weil es uns Spaß macht. Wenn andere damit was anfangen können und diese Welt mit uns zusammen bauen wollen, dann bedeutet uns das viel.«

Mouse On Mars spielen am 02.03. in Berlin und am 03.03. in Köln im Rahmen der »20 Jahre Intro«-Feierlichkeiten.