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über die Musikindustrie: Copyright kills Music

Die Wahrheit

Ein sympathischer Indie sperrt massenweise Songs auf einer nicht weniger sympathischen Internetseite. In Krisenzeiten wird schlechte Laune zum Geschäftsmodell.
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Ein sympathischer Indie sperrt massenweise Songs auf einer nicht weniger sympathischen Internetseite. In Krisenzeiten wird schlechte Laune zum Geschäftsmodell. Von Boris Fust

Es ist längst kein Geheimnis mehr: Die Musikbranche befindet sich im Umbruch. Mit Spaß und guter Laune lassen sich in Krisenzeiten wie diesen keine Dollarmillionen mehr verdienen.

Die Tonträgerindustrie hat die Zeichen der Zeit erkannt und wandelt sich von einem lustigen Haufen aus Langschläfern und Lebemännern in Vollbeschäftigung zu kleinen schlagkräftigen Units, die wissen, in welchen US-Bundesstaat man den Gerichtsstand verlegen muss, um die irrwitzigsten juristischen Manöver vollführen zu können. Diese Strategie kommt auch bei den Künstlern riesig an: Charlotte Gainsbourg beispielsweise ist sehr froh, ihr aktuelles Album "IRM" bei Warner veröffentlichen zu dürfen. Denn bei dieser Plattenfirma handelt es sich nach ihrer Überzeugung um einen kleinen sympathischen Indie, weil "in deren Büro nur ganz wenig Leute arbeiten."

Gut so. Als Künstler geht man da natürlich nicht so leicht unter wie noch zu den Zeiten, als Leute wie der Amateurschlagzeuger Sigi Loch dort etwas zu sagen hatten und Marius Müller-Westernhagen den Vertrag auf einer halbseidenen Serviette unterschrieben ließen. So etwas ist heutzutage ausgeschlossen – zum Glück. Schließlich geht es nicht mehr um so etwas wenig Handfestes wie Musik, sondern um den Handel mit Rechten. Da ist es besser, wenn man pünktlich im Büro ist und einige freshe Ideen ins Werk setzt, auf die man erst einmal kommen muss.

Zum Beispiel im Internet. Die bekannte und beliebte Musikplattform MySpace ermöglicht es, selbstausgedachte Musik hochzuladen und der interessierten Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen. Thomas D beispielsweise nutzt diese Möglichkeit, auf sein künstlerisches Schaffen aufmerksam zu machen, jedoch besteht der Großteil des Angebots aus komplett unhörbarem Supermumpitz, wie ihn die angeblich aus der Ukraine stammende Formation Mobserv verursacht. Der Verfasser dieser Zeilen spielt in dieser Formation äußerst unbeholfen Schlagzeug und ist z.B. für die eklatanten Timingschwankungen auf dem Stück "Scheidenbunker" verantwortlich. Weitere Zeugnisse mangelnden Sachverstandes sind nicht mehr zugänglich: Die Warner Music Group hat drei Songs sperren lassen. Thomas D ist das auch schon passiert.

"Copyright wurde verletzt", behauptet eine orangene Schrift. Die Warner Music Group ist der Meinung, Rechte an einem Stück namens "Der Geschftsfhrer" zu haben, das deswegen so komisch heißt, weil MySpace keine Umlaute gestattet. Das ist natürlich Quatsch – verlegt ist der Titel bei Universal, die Mechanischen hält die Deutsche Austrophon. Trotzdem darf man sich von nur ganz wenigen Leuten im Büro einer winzigen Plattenfirma nicht vorschreiben lassen, was man mit seiner eigenen sogenannten "Musik" zu tun und zu lassen hat – erst Recht, wenn man dort gar nicht unter Vertrag ist.

Gehen wir der Sache doch einmal nach. Die Lizenabteilung der Warner Music Group hat eine eigene Internetseite, vor deren Benutzung Firefox recht eindrücklich warnt:



Schnell weg hier. Gewarnt wird auch im Forum von MySpace. Einige Nutzer raten dazu, eine bestimmte mit W beginnende Buchstabenfolge auf keinen Fall einzugeben. Offenbar haben Berichte, nach denen die bewusste Plattenfirma gern eine gewisse Kanzlei aus Hamburg einschaltet, die in der Lage ist, sehr schnell Abmahnschreiben in großer Menge zu verschicken und Summen zu fordern, die das Taschengeld der allermeisten MySpace-Nutzer übersteigen, gehörig Eindruck gemacht.

Nächste Seite: Boris Fust entschließt sich zu einer ungewöhnlichen Maßnahme - er telefoniert.

Ein sympathischer Indie sperrt massenweise Songs auf einer nicht weniger sympathischen Internetseite. In Krisenzeiten wird schlechte Laune zum Geschäftsmodell. Von Boris Fust.

Gegen die Sperrung von Songs in seinem MySpace-Profil kann man Widerspruch einlegen. Hierzu gibt es bei MySpace ein angeblich hochgradig rechtsverbindliches Online-Formular, das auszufüllen ist. Nach Absendung desselben darf man etwas lernen, woran es heutzutage gar zu oft mangelt: Geduld.

Zeit genug also, mal bei Warner anzurufen. Tatsächlich ist in der kleinen Bürogemeinschaft jemand zu erreichen, der sich aber "schwer in den Vorbereitungen einer abendlichen Großveranstaltung" befindet und für so einen Quatsch gerade keine Zeit hat, sich aber bereiterklärt, eine bezügliche Presseanfrage per Mail entgegenzunehmen. Die Fragen sind ja klar: Was soll der Scheiß, wie lange dauert die Sperrung, wer hat sich das ausgedacht? Nun, das kann man nicht so leicht beantworten – und darf es vermutlich auch gar nicht. Nein, nein, nein, so lautet die Botschaft während eines Rückrufs, solche Fragen sind an eine übergeordnete Instanz in London zu richten. Bisher schweigt sie.

Auch bei MySpace gibt man sich eher verdruckst. Die Anfrage wandert von Fachabteilung zu Fachabteilung. Dann muss der Chef ran. Joel Berger, der Geschftsfhrer, pardon: "Managing Director MySpace GSA & Northern Europe" hat gute Nachrichten: alles in Ordnung. "Ja, der Filter läuft einwandfrei", steht in der Stellungnahme geschrieben. "Der Copyright-Filter wurde installiert, um das Repertoire aller Künstler und Labels rechtlich zu schützen." Sollte es dennoch zu ungerechtfertigten Sperrungen kommen, werden diese Fälle "natürlich schnellstmöglich geklärt – wenn möglich, innerhalb von 24 Stunden." Natürlich ist die Rechtslage komplex, kompliziert und im Einzelfall mal konvex, mal konkav gebogen. Dann dauert es schon mal "wenige Tage". Im vorliegenden Fall bisher zehn – and still counting.

Am schnellsten hat natürlich ein mit der Materie schwer vertrauter Fachanwalt zurückgerufen. Nein, der Vorgang sei ihm bis dato unbekannt, aber ja: Auch der bloße Titel eines Songs unterliegt mitunter dem Urheberrecht. Selbstverständlich jedoch könne man, wenn man Zeit, Muße und eine gute Rechtsschutzversicherung sowie nichts Besseres zu tun habe, gegen eine solche Sperrung juristisch vorgehen. Gewiss müsse er zunächst einmal im Kleingedruckten nachschlagen – "dann fiele mir sicher etwas ein."


Lesen Sie nächste Woche – oder auch schon jetzt im Falle von zuviel Tagesfreizeit: Was MySpace GSA & Northern Europe so schreiben: Joel Berger im Interview...

Ein sympathischer Indie sperrt massenweise Songs auf einer nicht weniger sympathischen Internetseite. In Krisenzeiten wird schlechte Laune zum Geschäftsmodell. Von Boris Fust.

Interview mit Joel Berger, Managing Director MySpace GSA & Northern Europe.

1) Wie funktioniert der Filter? Nach welchen Kriterien identifiziert er Songs und veranlasst eine Sperrung?
Der Copyright-Filter wurde installiert um das Repertoire aller Künstler und Labels rechtlich zu schützen, die bei MySpace Musik-Content hochgeladen haben. Der Filter greift bei allen Songs, die von den Rechteinhabern bereits in das System eingespeist wurden und schützt diese vor Copyright-Verletzungen. Werden diese Songs oder Samples dieser Songs erneut hochgeladen, werden sie vom Copyright-Filter gesperrt bis die Rechtslage geklärt wurde.

2) Ist es richtig, dass es in jüngster Zeit vermehrt zu Sperrungen gekommen ist?
Seit dem Launch von MySpace Music in USA im Herbst 2008 werden nach und nach mehr Songs bei MySpace hochgeladen. MySpace Music verknüpft die führende Community für Musik und Lifestyle mit weltweit mehr als 110 Millionen Unique User mit dem größten Musik-Katalog der Welt (von Universal Music Group, SONY BMG Music Entertainment, Warner Music Group, EMI Music, Merlin, The Orchard, Ingrooves, Nettwerk Music Group Iris Distribution und Royaltyshare). Bei der enorm großen Anzahl hochgeladener Songs hat auch die Anzahl Sperrungen proportional zugenommen.

3) In welchem Umfang werden Songs gesperrt?
Die Songs werden nicht freigegeben und können dementsprechend auch nicht auf MySpace angehört werden. Der MySpace-User, der den Song hochgeladen hat, erhält einen Hinweis über die Copyright-Verletzung und kann sich rund um die Uhr an unseren Customer Support wenden.

4) Ist MySpace bekannt, wie viele Sperrungen aufgrund tatsächlicher Copyrightverletzungen erfolgen und wie viele Sperrungen rückgängig gemacht werden müssen?
Jeden Monat werden Millionen von Songs auf MySpace hochgeladen. Die Anzahl berechtigter Sperrungen bewegt sich dabei irgendwo im Promillebereich. Und die Anzahl gesperrter Songs, bei denen wiederum nach Prüfung im Einzelfall keine Copyright-Verletzung vorlag, ist im Vergleich zu der Gesamtanzahl hochgeladener Songs dann nur noch verschwindend klein. Genaue Zahlen liegen uns hierzu jedoch nicht vor.

5) Auf welche Art und Weise ist der Einsatz der Filter durch die AGB von MySpace gedeckt?
MySpace ist dem Schutz der Rechte an geistigem Eigentum verpflichtet. Daraus folgt das in den AGB geregelte Verbot der Verletzung Rechte Dritter. Die Copyright-Filter dienen der Kontrolle dieses Verbots.

6) Läuft der Filter störungsfrei und planmäßig?
Ja, der Filter funktioniert einwandfrei. In den Fällen, in denen eine ungerechtfertigte Sperrung vorgenommen wurde, sind oft einfach nur die Angaben zu den damit verbundenen Lizenzen und Rechteketten unvollständig oder fehlerhaft, so dass eine Sperrung gerechtfertigt ist. Diese Fälle werden dann natürlich schnellst möglich geklärt.

7) Mir ist bekannt, dass die Warner Music Group den Filter einsetzt oder einsetzen lässt. Wie verhalten sich andere große Plattenfirmen?
Der Filter greift bei allen Major-Labels sowie bei allen großen Indie-Distributors und wird nach und nach auch um das Repertoire der kleinen Labels erweitert.

8) Wie lange müssen Nutzer warten, die Widerspruch gegen eine Sperrung eingelegt haben?
Der Widerspruch wird umgehend geprüft und der Nutzer in Abhängigkeit von der Komplexität der Rechtslage wenn möglich innerhalb von 24 Stunden, spätestens aber nach ein paar wenigen Tagen informiert.

9) Auf wessen Initiative wurde der Filter eingesetzt?
Auf Initiative von MySpace in Zusammenarbeit mit den Rechteinhabern wie Künstler und Labels.

10) Wie tritt MySpace dem Rechtsempfinden der Nutzer entgegen, die der Meinung sind, durch die Sperrung werde die Beweispflicht umgekehrt, dass also beispielsweise die Warner Music Group ihre Rechtsansprüche begründen muss, ehe es zu einer Sperrung kommt?
Der Filter greift bei allen Songs, die von den Rechteinhabern bereits in das System eingespeist wurden und schützt diese vor Copyright-Verletzungen. Werden diese Songs oder Samples dieser Songs erneut hochgeladen, ist MySpace den Labels und Künstler gegenüber verpflichtet, diese zu sperren bis die Rechtslage geklärt wurde (siehe auch Antwort 1). Es wird also nur dann eine Beweispflicht von Seiten des Nutzers gefordert, wenn der Song bereits im System vorhanden ist und man durch einen erneuten Upload eines Dritten von einer möglichen Copyright-Verletzung ausgehen muss. Wenn es dabei in Einzelfällen zu unberechtigten, temporären Sperren kommt, ist dies bedauerlich. Allerdings sollte man deswegen nicht aus den Augen verlieren, dass diese Vorsichtsmaßnahmen dem Schutz der eigentlichen Rechteinhaber, also der Künstler und Labels dienen.  

Mehr Wahrheiten von Boris Fust gibt's unter
www.intro.de/spezial/diewahrheit
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