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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Standing Ovations auf allen vieren

Turbostaat / Muff Potter

Der große Punk-Roundtable. Volkmann zwischen den Stühlen.
Geschrieben am

Wir Punks haben ja viel Fantasie – und mitunter sogar einen restakademischen Background. Mit diesen Voraussetzungen konnte man in den Neunzigern auch ganz gut die These des “Mainstreams der Minderheiten” erfassen. Die besagte, dass in Zukunft immer weniger “Wetten, dass ...?” oder Phil Collins den Common Sense bestimmen würden, sondern eher Nirvana und die Simpsons. Doch bei aller Liebe und Fantasie: Dass irgendwann mal hinten auf einer Muff Potter neben Nagel und Wiesmanns Kinderzimmer-Labelnamen Huck’s Plattenkiste das Logo von Universal prangen würde, dafür fehlte damals sicher nicht nur mir jegliche Vorstellungskraft. Und dass Turbostaat – einst noch auf der markigen Waterkant-DIY-Terrasse Schiffen – via Same Same But Different nun bei Warner gesignt wurden, ist nicht weniger bemerkenswert. Das alles ist sicher eine Form der Anerkennung für die Bands, auch für Punk als solches. Viel mehr kann man kaum dazugehören.
Nur: Wie geht man damit um? Versteht man es als Herausforderung, Gelegenheit oder nur als kontemporäre Antwort auf die Krise in etablierteren Musikgenres? Muss man sich als Punk jetzt neu erfinden, dauernd erklären, oder hat man sich vielleicht eh nie als einer betrachtet? Darüber sprechen Nagel von Muff Potter (with a little Help of his Band featuring Schlagzeuger Brami), Marten von Turbostaat und als special Guest Torsten Dohm (Beatsteaks-Manager, Betreiber des Indie-Labels X’N’O, Mitbegründer des Warner-Unterlabels Same Same But Different und Musiker bei der Berliner Band She-Male Trouble). Location ist ein netter Laden nahe Kottbusser Tor in Kreuzberg. Nagel hat schon einen sitzen, als es losgeht, kann aber noch gut argumentieren, Marten hält sich erst mal bedeckt, Torsten muss früher weg. Für die übrig Gebliebenen geht es nach der großen Runde noch sonst wohin, klar. An einen Strand, eine Dönerbude, in eine In-Kneipe – der ganze Berlin-Scheiß eben. Der gern für uns zugereiste Punks (die dabei kaum wie welche aussehen) aufgefahren wird. Muff Potter kommen übrigens aus Rheine bzw. Münster, Turbostaat aus Flensburg, Intro aus der Druckerei.

Also, es soll hier jetzt keinen Battle geben, Indie vs. Major, bei dem sich jeder nur verpflichtet fühlt zu versichern, wie glaubwürdig und arm er ist. Die Diskussion Indie vs. Major ist auf ganzer Linie spätestens, seit Die Sterne 1996 “Posen” rausbrachten, gelaufen – aber dennoch: Für Bands mit einem derart authentischen DIY-Image dürfte der Schritt zur großen Plattenfirma auch heute noch um ein Vielfaches größer sein als für den Normalo-Act. Wie lange habt ihr zu dem Thema diskutiert?
Nagel: So auf dem Papier war das natürlich schon ein Riesenschritt – also von komplett DIY zur größten Plattenfirma der Welt. Wir hatten vorher ja nicht mal ein anderes Indie- oder Punklabel. Irgendwann mussten wir aber Sachen abgeben, erst gab es einen Booker, dann kam das eigene Management dazu. Die letzte Platte, also die “Von wegen”, haben wir noch selbst finanziert, gemischt, das Artwork zusammengehauen und sind mit dem fertigen Ding dann auf Labelsuche gegangen. Demnach kann man sagen, die neue “Steady Fremdkörper” ist die erste echte für uns bei Universal. Da ist halt alles Teil einer Entwicklung. In Deutschland gibt es auch gar nicht so viel zwischen oben und unten. Klar gibt es Indie-Labels, aber letztlich doch keine so vielfältige Kultur. Und diverse der kleineren Firmen haben dann eh noch den Major-Vertriebsdeal oder sind sonst wie assoziiert. Insofern kann es mir dann auch egal sein, welche Instanz das veröffentlicht, es geht einfach um die Frage: Wo treffen wir auf die besten Bedingungen?
Torsten: Die Linie läuft nicht mehr zwischen Indie und Major, du triffst auf coole Große, und es gibt Indies, die dich abziehen wollen – im Endeffekt machen die Leute den Unterschied. Auf wen kann man sich verlassen, auf wen nicht?
Aber erfüllt sich bei größeren Läden nicht viel eher das Klischee, dass man von guten Leuten an Bord geholt wird, und ein halbes Jahr später sind die geschasst, und man muss sich mit komplett anderen auseinandersetzen?
Torsten: Tja, ich würde lügen, wenn ich sagte, ich hätte nicht schon erlebt, was du da ansprichst. Aber klar: Man kann auch zu Hause liegen und im Bett bleiben. Ich gestehe mir aber lieber zu, was zu wagen, auch auf die Gefahr hin, dabei Fehler zu machen.
Nagel: Bei uns hatte sich das letztes Jahr so rauskristallisiert, dass es drei Angebote für die “Von wegen” gab. Und die Einzigen, die uns sagten, “Hier bei der Single nehmt doch die Gitarren noch etwas zurück und baut Keyboardflächen ein, das geht doch noch bisschen stadionmäßiger”, war das Indie-Label. Wohingegen Universal völlig cool waren und uns alles abnahmen, wie wir es angelegt hatten. Uns war zudem wichtig, dass es keinen Kopierschutz gibt, und auch damit kamen wir durch. Und außerdem haben wir einen Vertrag, der uns nicht lange bindet, und wir wissen ja, wie man Platten selbst rausbringt. Somit kann uns als Band nichts passieren – auch wenn wir gedroppt würden.
Marten: Bei uns war das alles eine konstante Entwicklung. Wir wussten schon seit zwei Jahren, dass Schiffen aufgeben muss, und da war dann die Überlegung: Was außer denen gibt es eigentlich in Deutschland? Erst mal nichts, oder? Dann kamen aber immer wieder Angebote rein, als das mit Schiffen durchgesickert war. Dann waren wir auch einmal bei einer Plattenfirma, die legte uns einen Vertrag auf den Tisch, und ich habe gemerkt, dass ich bzw. wir keinen blassen Schimmer davon hatten. Null! So wandten wir uns an Torsten, den wir ja vom Beatsteaks-Management kennen, und haben gebeten, ob er für uns sondieren könne. Prämisse: Wir machen, was wir machen, keiner kann uns reinquatschen.
Muff Potter sind in dieser Entwicklung ja schon eine Platte weiter. Und man muss doch sagen: Wirkt alles sehr fallstricklos für euch. Eure Präsenz hat in Magazinen und sonst wo zugenommen – und Ärger mit der Szene, den gab’s auch schon vorher.
Nagel: Ja, der Eindruck ist sicher richtig. Obwohl ich auch jetzt noch denke ... Mensch, meine Band wird nicht genug gewürdigt. Also, ich meine, dass Musikexpress und Rolling Stone und Spex sich so absolut nicht dafür interessieren. Da denke ich natürlich: Ihr seid alle Deppen. Also, was ich eigentlich sagen will: Das Grundgefühl der Band ist für mich nach wie vor das gleiche. Ich habe nicht den Eindruck, ich befände mich in den Armen von so einem Godfather, und der boxt alles für mich durch, sondern ich muss alles noch irgendwie selbst machen – was ja auch genau das Richtige ist.
Ist aber doch schon klar, dass da niemand kommt und mehr Geigen im Refrain befiehlt – mich interessiert eher, ob man nicht doch selbst denkt: “Was ist denn eigentlich jetzt die Single?”
Nagel: Ehrlich gesagt muss man sich da schon mehr hinterfragen als vorher. Denn ob man will oder nicht, denkt man schon: “Was würden die jetzt dazu sagen?” Und da muss man sich selbst hart ins Gericht nehmen, um nicht schleichend in eine Bedürfnisbefriedigungsprothese abzudriften.
Torsten: Na, die Frage könnte man doch besser anders stellen: “Will ich, dass so viel Geld für meine Platte ausgegeben wird?” Denn wenn viel Geld ausgegeben wird, egal, ob von einer Firma oder von einer Privatperson, dann wird irgendjemand enge Hosen haben, dass das auch wieder zurückkommt. Denn dann geht’s los mit dem Rattern im Gehirn: “Was muss ich machen, wenn der Sender das Video ablehnt ...?” Das ist dann der Weg der Scheiße.
Und, Marten, wie wichtig siehst du für Turbostaat heute den Umstand, dass ihr die ersten Jahre auf einem selbst verwalteten Level gewachsen seid?
Marten: Ist ja schon ‘ne philosophische Frage. Ich halte es für sehr entscheidend, die ersten Demos selbst zu machen, die erste Platte mit einem Kumpel rauszubringen. Aber wenn’s auch so Lebenstalente gibt, die das auch aus dem Nichts alles handeln können, dann meinetwegen. Für uns ist der Weg aber nur so denkbar.
Torsten: Ich bin bei jungen Bands auch oft sprachlos, wenn ich merke, wie wenig die von ihrem eigenen Geschäft verstehen. So à la “Ich mache Musik, und bitte komm einer und nehme mir alles ab, mach mich berühmt.” Jeder Bäcker weiß, wie man Brötchen macht, und viele Musiker haben keine blasse Ahnung von einem Plattenlabel.
Nagel: Mir ist aber auch wichtig zu sagen, dass Bands mit ein bisschen Auge schon mitkriegen können und müssen, wie es läuft. Ich habe überhaupt kein Mitleid für Bands, die verheizt werden. Die wollten das dann halt so.
Marten: Na ja, es gibt ja auch Leute, die zu jung sind, das alles zu blicken.
Nagel: Ach, wenn sie jung sind, haben sie danach doch noch eine neue Chance.
Nagel, auf dem Track “Das seh ich erst wenn ich’s glaube” hast du die Zeile “Jeder Szene ihr Geschwätz” – aber mal Hand aufs Herz: Wie sehr kann man sich von der Meinung des eigenen Milieus wirklich lösen?
Nagel: Mich trifft jede negative Muff-Potter-Kritik weit mehr, als mir lieb ist. Ich steh da absolut nicht drüber. Ich würde das gerne, aber ich tu’s nicht.
Kam da bei Turbostaat auch schon negatives Feedback an?
Marten: Vor zehn Jahren hätten wir bei einer Band und solch einer Entwicklung aber vielleicht auch “Verrat” gebrüllt. Ich höre mir alle Bedenken, also die, die nicht nur Szene-Jammerei sind, an. Wir stellen uns nicht hin und sagen: “Alles perfekt, was wir machen.” Wir sehen erst am Ende, was letztlich auf der Rechnung steht.
Wie seht ihr denn den inhaltlichen Spielraum einer Punkband heute? Noch bis in die 90er hatte man ja im Underground die Möglichkeit, die eigene Szene, eigene Räume zu gestalten. Wofür agitiert man eigentlich noch? Und wogegen, wenn die Feindbilder sich alle überholt haben?
Nagel: Meine Grundmotivation ist immer noch die gleiche. Es gibt für mich Stellungen, die muss ich einfach beziehen, und wenn ich das mit der Band mache, dann hat das für mich einfach Gewicht. Aber ich würde das eher runterbrechen auf die Selbstwahrnehmung. Denn welche Rechtfertigung hat es im x-ten Jahr noch, dass du Typ eine weitere Platte machen sollst. Hast du nicht schon alles gesagt? Um sich das zu beantworten, braucht es mehr als ein paar alte Feindbilder. Man muss sich ins Gedächtnis rufen, dass es bei unserer Musik schon um Rock geht, und Rock ist per se Mainstream heutzutage, und natürlich ist Punkrock dabei auch nicht Avantgarde, nichts Neues. Wir berufen uns auf dreißig, vierzig, ja, fünfzig Jahre alte Musik. Und die ganze scheiß Koketterie drum rum, dass das doch anders sei. Nein, ist es nicht. Und so war es auch schon bei unserer neuen Platte. Aus welchem Grund sollten wir eine neue Muff-Potter-Platte rausbringen? Wer hat danach gefragt? Und der Grund, wenn du mal überlegst, kann nur sein, weil uns das persönlich anschockt. Selbst wenn ich zuletzt immer öfter gedacht habe, dass mich das ganze Gehabe so langweilt. Rock ist altbacken; was wir machen, ist altbacken. Aber – jetzt kommt das Aber – aber es ist doch immer noch die Musik, die mir was bringt, wo noch was geht für mich. Und ich habe noch was beizutragen: musikalisch und textlich. Und selbst wenn es nicht innovativ ist oder sein kann, selbst dann weiß ich: Es ist aber immerhin noch etwas sehr Eigenes.
Und wie ist das bei Turbostaat? Eure Texte sind ja immer noch ein Stück weit weniger direkt. Reicht euch die Interpretationsleistung, die der Hörer selbst vornimmt? Oder will man sich nicht doch mehr erklären?
Marten: Wir sind sicher keine Band, die gern Texte erklärt. Ich kann aber sagen, dass die neue Platte doch ein wenig anders funktioniert bei den Lyrics. Denn schließlich soll es ja auch nicht sein: Turbostaat – komische Texte, die man eh nicht verstehen soll, und heiße Rockmusik. Nee, das wäre echt schade.
Auf der “Steady Fremdkörper” gibt es ja sogar einen Song über Religion. Das ist ziemlich explizit und ein Thema, das im Punk außer über Parolengelalle kaum Repräsentation findet.
Nagel: Ein wahnsinnig wichtiger Satz auf der Platte ist für mich da auch: “Es gibt kein gutes Leben ohne Blasphemie.” Das muss man nicht mal nur auf Religion deuten. Es geht darum, dass du nicht glücklich werden kannst, ohne deine eigenen Regeln immer wieder neu zu betrachten.
Man hat bei euch trotz aller Selbst- und Szenekritik das Gefühl, dass das Bandding für euch ein gern angenommenes Schicksal ist. Was sind dabei denn die ganz unverzichtbaren und was die elenden Momente?
Nagel: Also, elend ist für mich vor allem, immer wieder zu sehen, dass es so viel schon gegeben hat. An jeder Ecke deiner eigenen Kunst siehste das. Und euphorisch werde ich, wenn mich irgendwas in einem Song, den wir gerade spielen, wieder total berührt, total explodieren lässt.
Brami: Ach, was soll es für einen tolleren Moment geben als den, dass man den ganzen Tag Interviews zu seiner Band geben kann, die Leute sich für dich interessieren und hier und jetzt im Hintergrund auch noch die beste Bright-Eyes-Platte aller Zeiten läuft? Andere Leute müssen sich fertigmachen lassen, damit sie sich Kinder und einen rostigen Porsche leisten können, wir haben das Privileg, einfach machen zu können, was wir wollen.
Aber hast du nicht vorhin noch erzählt, dass du sogar fürs Fensterputzen in deinem Fensterputzjob kritisiert wirst?
Brami: Ja, klar. Aber das habe ich mir selbst ausgesucht. Ich putze Fenster, ich bin auf Tour, die Abhängigkeiten sind überschaubar. Ist doch kein hoher Preis dafür, dass ich in einer Band wie Muff Potter spielen kann?
Marten: Ich finde es unglaublich, dass man mit seinen Freunden in der Band spielt und sich damit was ganz Eigenes aufgebaut hat. Und mir gefällt auch, dass man im ganzen Trott doch immer wieder noch so viel Neues erleben kann. Als wir vor den Beatsteaks Vorgruppe waren, hatten wir plötzlich eine Hütte voll mit 5000 Leuten. Aber egal, wie viel Leute da sind, es wird immer toll bleiben, wenn du deine Musik vor einem Publikum präsentierst, das darauf Lust hat. Es schockt dich doch sicher auch an, wenn du deine Artikel im Intro veröffentlicht siehst?
Nee, das kotzt mich nur an.
Brami: Meine Freundin ist Grundschullehrerin, die hat einen ganz anderen Rhythmus im Leben. Und die fragt mich auch oft: “Was willst du machen mit 60, wovon lebst du dann?” Und ich sage: “Dann lebe ich von dir. Und wieso eigentlich erst mit 60?”

Partyhits

Marten Ebsen:
Abwärts “Computerstaat”
Pixies “Debaser”
Grauzone “Wütendes Glas”

Nagel:
Dead Kennedys “Police Truck”
Thin Lizzy “The Boys Are Back In Town”
Phoenix “Too Young”